Frankreichs 400-Milliarden-Falle: Jetzt kommt die Rechnung für Corona
Ein wesentlicher Grund für den 2027 so stark steigenden Finanzierungsbedarf sind die Fälligkeiten bereits bestehender Schulden. Die Tilgung mittel- und langfristiger Wertpapiere steigt nach Angaben der französischen Schuldenagentur Agence France Trésor um 19,4 Milliarden Euro. Die Behörde nennt dafür ausdrücklich Anleihen, die in den vergangenen Jahren zur Finanzierung der Gesundheits- und Energiekrise ausgegeben wurden und nun nach und nach fällig werden. Hinzu kommt, dass europäische Mittel aus dem Corona-Wiederaufbaufonds auslaufen und Frankreich stärker auf den Kapitalmarkt zurückgreifen muss.
Ein großer Teil dieser Schulden entstand zu einer Zeit, in der Geld für Frankreich praktisch kostenlos war. Teilweise waren die Renditen französischer Staatsanleihen sogar negativ. Davon ist heute nichts mehr übrig. Frankreich musste für seine 2026 bislang ausgegebenen Staatsanleihen im Durchschnitt bereits 3,55 Prozent Rendite bieten. 2025 waren es noch 3,14 Prozent. Die marktnahe Rendite zehnjähriger französischer Staatspapiere hat sich zuletzt sogar der Marke von 5,0 Prozent angenähert.
Damit verändert sich die Schuldenrechnung grundlegend. Frankreich nimmt nicht nur neue Schulden auf, um sein weiterhin hohes Haushaltsdefizit zu finanzieren. Gleichzeitig müssen immer größere Teile des bestehenden Schuldenbergs zu wesentlich teureren Konditionen erneuert werden. Das schlägt zunehmend auf den Haushalt durch. Für 2027 rechnet Paris bereits mit 72,9 Milliarden Euro Schuldendienst. 2026 werden noch 62,6 Milliarden Euro erwartet. Innerhalb nur eines Jahres steigt die Belastung damit um mehr als zehn Milliarden Euro.
Besonders deutlich wird das bei einer einzelnen Anleihe: Am 25. Februar 2027 wird eine französische Staatsanleihe mit einem Kupon von exakt 0,00 Prozent fällig. Aktuell sind davon noch 35,8 Milliarden Euro im Umlauf. Die Anleihe wurde 2021 mitten in der Corona-Krise aufgelegt. Mehrere Tranchen wurden damals sogar mit negativen Renditen verkauft. Investoren akzeptierten also, Frankreich Geld zu leihen und dafür bei Fälligkeit real weniger zurückzubekommen, als sie investiert hatten. Wenn Frankreich diese Anleihe jetzt zu beispielsweise 3,55 Prozent refinanziert, ergäbe sich rein rechnerisch eine zusätzliche jährliche Zinsbelastung von rund 1,3 Milliarden Euro. Bei vier Prozent wären es rund 1,4 Milliarden Euro.
Die höheren Marktzinsen schlagen natürlich nicht sofort auf den gesamten Schuldenberg Frankreichs durch. Frankreichs durchschnittliche Restlaufzeit seiner handelbaren Staatsschulden beträgt mehr als acht Jahre. Doch Jahr für Jahr werden alte, günstige Anleihen durch neue, teurere ersetzt. Das eigentliche Risiko ist deshalb eher ein schleichender Prozess. Deshalb steigt die Belastung selbst dann weiter, wenn die Renditen französischer Staatsanleihen von hier aus nicht mehr weiter zulegen.
Die Dimension des Problems ist gewaltig: Ende September belief sich Frankreichs handelbare Staatsschuld auf knapp 2,9 Billionen Euro. Das Land ist damit negativer Spitzenreiter in der EU und übertrifft nicht nur das deutlich größere Deutschland um rund 800 Milliarden Euro, sondern sogar das traditionell hochverschuldete Italien um mehr als 300 Milliarden Euro.
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Gleichzeitig soll der Nettobestand langfristiger Schulden Frankreichs allein 2027 um bis zu 160,5 Milliarden Euro wachsen. Damit wirken zwei Effekte gleichzeitig. Frankreich muss einen immer größeren bestehenden Schuldenberg refinanzieren und wegen des hohen Haushaltsdefizits weiterhin zusätzliche Schulden aufnehmen.
Noch scheint die Nachfrage vorhanden zu sein. 2026 lagen die Gebote für mittel- und langfristige französische Staatsanleihen bislang im Durchschnitt beim 2,5-Fachen des angebotenen Volumens. Von einem Käuferstreik kann also bislang keine Rede sein. Doch mittlerweile häufen sich die Nachrichten, dass sich japanische Investoren aus dem Land zurückziehen und auch Hedgefonds ihre Positionen abbauen. 2027 wird der Test größer, wenn Frankreich netto 340 Milliarden Euro mittel- und langfristiges Kapital am Markt aufnehmen muss. Gleichzeitig werden die Folgen der Nullzinsära immer sichtbarer und werfen ein Schlaglicht auf den maroden französischen Staatshaushalt. Denn die Schulden verschwinden nicht, aber die extrem niedrigen Zinsen, zu denen sie einst finanziert wurden, tun es.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion