Französischer Soziologe erklärt: Werden Menschen älter, hören sie nicht auf, die zu sein, die sie schon immer waren
Für rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland ist Einsamkeit Realität, darunter viele ältere Menschen. Im Interview mit der französischen Online-Zeitung „Le Populaire du Centre“ macht der Soziologe Arnaud Campéon deutlich, dass Einsamkeit im höheren Lebensalter nicht daran liegt, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt. Aus seiner Sicht sind es vor allem biografische Brüche, schwindende Mobilität und der Verlust tragender sozialer Beziehungen, die Isolation entstehen lassen. Schon damit verschiebt Campéon die Perspektive: Nicht die Frage, wo ein Mensch alt wird, steht im Zentrum, sondern unter welchen Bedingungen. Der Lebensradius wird kleiner Campéon beschreibt Isolation als einen Prozess, der sich häufig schleichend vollzieht. Der Tod des Partners oder der Partnerin, weit entfernt lebende Kinder, seltener werdende Freundschaften oder das allmähliche Verschwinden vertrauter Menschen verändern den Alltag oft tiefgreifend. Hinzu kommt nicht selten der Verlust von Beweglichkeit, der Begegnungen erschwert und den eigenen Lebensradius kleiner werden lässt. „Die Isolation ist in erster Linie beziehungsbezogen und biografisch, mehr als rein geografisch“, sagt Campéon. Damit rückt er die Einschnitte in den Mittelpunkt, die sich über Jahre summieren und das soziale Netz Stück für Stück ausdünnen. Einsamkeit beginnt in diesem Verständnis nicht erst dann, wenn ein Mensch allein lebt, sondern dort, wo Beziehungen brüchig werden und Teilhabe schwieriger wird. ANZEIGE ANZEIGE Mehr als nur Alleinsein Fehlen tägliche Interaktionen, leidet nicht nur die soziale Einbindung. Auch körperliche und kognitive Aktivität können abnehmen. Isolation könne, so der Soziologe, „den Gesundheitszustand, aber auch die Moral schwächen“. Dazu gehöre auch das Gefühl sozialer Anerkennung. Menschen bleiben auch im hohen Alter mit den Rollen verbunden, die ihr Leben geprägt haben — als Eltern, Nachbarn, Berufstätige oder engagierte Mitglieder einer Gemeinschaft. Werden diese Rollen im Alltag nicht mehr bestätigt, kann das das eigene Selbstverständnis beeinflussen. Campéon formuliert es so: „Wenn diese Formen der Anerkennung verschwinden, ist nicht nur das tägliche Leben verarmt, sondern auch das Identitätsgefühl, das geschwächt werden kann.“ Das Land als Risiko — aber nicht als Schicksal Ein Aspekt des Interviews gilt dem Altern in ländlichen Regionen. Auch hier widerspricht Campéon einer vereinfachenden Sicht. „Nein, ich würde nicht sagen, dass das Älterwerden in einer ländlichen Gegend zwangsläufig zu Isolation führt“, betont er. Im Gegenteil: Wo Nachbarschaften intakt sind und wo sich Menschen gegenseitig helfen, kann das ländliche Umfeld sogar besonders tragfähige soziale Beziehungen ermöglichen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass das Risiko der Isolation auf dem Land unter bestimmten Bedingungen durchaus größer sein kann. Gründe dafür seien die räumliche Zerstreuung des Wohnens, die starke Abhängigkeit von Mobilität und der tiefgreifende Wandel vieler Regionen. Wo Wege weit sind und das Auto unverzichtbar wird, können gesundheitliche Einschränkungen besonders schnell zu sozialem Rückzug führen. Entscheidend ist die Qualität der Beziehungen Aus Campéons Sicht gibt es deshalb auch keine einfache Antwort auf die Frage, wo und wie man im Alter am besten lebt. Viele ältere Menschen möchten in ihrem vertrauten Zuhause bleiben — an einem Ort, mit dem sie Erinnerungen, Routinen und Orientierung verbinden. Das hängt für ihn jedoch weniger vom Ort selbst als von der Qualität der Beziehungen ab, die dort möglich sind. Inklusive Wohnformen als möglicher Ausweg Als einen vielversprechende Möglichkeit nennt Campéon inklusive Wohnformen, die Selbstständigkeit und Gemeinschaft miteinander verbinden. Solche Modelle könnten gerade auch in ländlichen Regionen helfen, Isolation zu durchbrechen, ohne ältere Menschen aus ihrem gewohnten Lebensumfeld herauszulösen. Der Vorteil liegt aus seiner Sicht in der Verbindung von Privatheit und Alltag in Gemeinschaft: Es bleibt Raum für Rückzug, zugleich entstehen Möglichkeiten für Begegnungen, gegenseitige Unterstützung und mehr Sicherheit. Für Campéon könnte darin eine Antwort auf ein zentrales Problem des Alterns liegen: Menschen sollen nicht nur versorgt, sondern auch sozial eingebunden bleiben.