Frau Miketta, haben wir heutzutage eine kürzere Zündschnur?
Sich mal zu ärgern, ist völlig normal. Was aber, wenn man sich immer wieder sinnlos und lauthals über Dinge aufregt, die man nicht beeinflussen kann? Darüber und über die Frage, wie sich Wut auf unsere Gesundheit auswirkt, haben wir mit der Autorin Gaby Miketta gesprochen. Ein Interview von Lisa-Marie Yilmaz In ihrem gemeinsamen Buch "Reg dich ab!" widmen sich die Wissenschaftsjournalistin Gaby Miketta und der Psychologe Manfred Schedlowski der Frage, inwiefern wir lernen können, uns weniger aufzuregen und persönliche Wut-Trigger neu zu bewerten. Im Interview erklärt Miketta, wie das konkret aussehen kann und warum es gut für die körperliche und mentale Gesundheit sein kann, sich der eigenen Wut zu stellen. Frau Miketta, über welche Themen regen wir Menschen uns typischerweise auf? Gaby Miketta: Natürlich regen wir uns häufig durchaus über berechtigte Themen auf. Ich denke da etwa an Situationen, in denen wir Ungerechtigkeiten bemerken, die wir ansprechen und verändern wollen. Leider regen wir uns aber auch sinnlos über sehr viele Dinge auf, die wir nicht beeinflussen können. Man kann sich verständlicherweise über das Wetter aufregen oder sich beispielsweise darüber ärgern, dass es im zweiwöchigen Urlaub fast nonstop geregnet hat. Genauso kann man sich über die Verspätung der Bahn oder einen Stau im Verkehr aufregen – trotzdem können wir eben diese Dinge nicht verändern. Wir befinden uns in einem Zeitalter der Aufgeregtheit, in dem sich gefühlt jeder Mensch über einen anderen Menschen aufregt oder Schuldzuweisungen ausspricht. All das ist ungesund. Würden Sie also sagen, dass wir heutzutage eine kürzere Zündschnur haben? Genau das denken Manfred Schedlowski und ich durchaus. Der aktuelle Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse zeigt, dass psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen für einen wachsenden Anteil von Krankschreibungen und Ausfalltagen verantwortlich sind. Kurzum: Wir sind belastet und erleben eine Zeit vieler Krisen. Neben der Pandemie gehören dazu Kriege, politische und ökologische Fragestellungen, aber auch Unsicherheiten, die wir kaum beeinflussen können. Dazu kommen die sozialen Medien und ein Algorithmus, der uns häufig negative und beängstigende Themen auf unseren Radar bringt. Somit werden wir mit einer höheren Anzahl an Belastungen konfrontiert, was unserer Meinung nach zu einem höheren Anspannungsniveau führt. So kann es passieren, dass schon eine vermeintliche Nichtigkeit zu einer Überschreitung dieser Schwelle führt und wir stinkwütend werden. Was macht diese Wut körperlich und mental mit uns? Konstante Aufregung ist ein Stressfaktor, den wir schlecht abbauen können. Wenn eine Person im Stau steckt und dabei vor Wut schwitzend und mit hochrotem Kopf auf das Lenkrad trommelt, ist das nicht gesund. Natürlich ist die Situation ärgerlich, aber sie ist in diesem unmittelbaren Moment nicht änderbar. Vielmehr werden durch die Wut das Herz-Kreislauf- sowie das Immunsystem belastet. Vor allem aber wird unser Gehirn belastet und wir werden langfristig betrachtet immer weniger resilient oder fähig, ärgerlichen Situationen etwas entgegenzusetzen oder gut mit ihnen umzugehen. In der Folge können Schlafprobleme, Muskelverspannungen oder auch eine erhöhte Infektanfälligkeit entstehen. All das resultiert aus einem System von Stress, Adrenalin und Cortisol, das auf Dauer unsere körperliche und mentale Gesundheit sowie unser Wohlbefinden negativ beeinflusst. Menschen, die schnell aus der Haut fahren und die häufig als cholerisch bezeichnet werden, belasten mit dieser Eigenschaft auch ihre Beziehungen – sowohl die privaten als auch die beruflichen. Denn wenn Menschen zu schnell aus der Haut fahren und für rationale Argumente nur schwer zugänglich sind, ist kein konstruktiver Dialog mehr möglich. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu reflektieren und das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen, wäre also hier die Herausforderung? Ja. Es kann eine innere Challenge sein, keine Frage. Natürlich kann der Impuls aber auch von außen gesetzt werden. Betroffene müssen sich in erster Linie von dem Gedanken frei machen, dass nur lästige Kritik an ihnen geübt wird. Vielmehr geht es um ihre eigene Gesundheit und um ihr Wohlbefinden. Denn aus permanenter innerer Stressbelastung können sich auch Depressionen oder Angststörungen entwickeln. Das in Kombination mit äußeren Stressfaktoren befördert sie in einen ungesunden Kreislauf. Was ist mit Menschen, die noch nicht bereit sind, sich mit ihrer Wut und den Ursachen reflektiert auseinanderzusetzen? Wir erklären in unserem Buch die Ursachen für bestimmte Reaktionsmuster und wie man diese ändern kann. Denn das Gehirn kann neue Denk- und Verhaltensmuster wie einen Muskel trainieren. Hat man also verstanden, dass man die eigene Aufregungskompetenz durch angeleitete Übungen ändern kann, ist ein wichtiger Schritt getan. Jeder Mensch bringt seine eigene Lebensgeschichte, eine eigene Genetik und eigene Prägungen aus der Kindheit mit. Doch tatsächlich kann man auf diese antrainierten Muster Einfluss nehmen. Das Argument "So bin ich eben" hält hier also nicht stand? So ist es. Diese Reaktion ist ein vorgeschobenes Argument, das aus wissenschaftlicher Perspektive nicht unterstützt wird. Untersuchungen zeigen, dass Denk- und Verhaltensmuster neu erlernt werden und Nervenzellen umstrukturiert werden können. Hier sprechen wir durchaus von einem herausfordernden Prozess, der mitunter anstrengend sein kann. Trotzdem kann man nicht alles an einem Menschen ändern. Es gibt Menschen, die temperamentvoll sind, während andere schon immer die Ruhe in Person waren. Trotzdem sind wir zu einem erheblichen Grad in der Lage, Reaktions- und Denkmuster auf bestimmte Reize zu ändern. Wie kann eine solche neu erlernte Situation konkret aussehen? Stellen wir uns vor, die Bahn hat Verspätung und wir erreichen unseren Anschlusszug nicht, was verständlicherweise eine ärgerliche Situation ist. Natürlich kann man sich nun fürchterlich darüber aufregen. Doch das Szenario ändert sich durch diese Aufregung schlichtweg nicht. Vielmehr sollte man sich fragen, inwiefern man diese ärgerliche Situation anders bewerten und sich aus dieser Situation herausnehmen kann, indem man sich eben nicht lautstark aufregt. Indem man aus dem alten Muster ausbricht und eine neue Bewertung der Situation vornimmt und so beispielsweise die Zeit für noch ausstehende Telefonate, Antworten auf E-Mails, schnelle Besorgungen oder schlicht eine Pause nutzt. Im Wesentlichen geht es darum, die Situation umzupolen und neu zu bewerten. Gibt es einen weiteren schnell umsetzbaren Tipp für Menschen, die einen typischen Wut-Trigger wahrnehmen? Das Wichtigste ist, zu merken, wo konkret die persönlichen Stresspunkte liegen. Wenn man die Auslöser kennt, lassen sie sich neu filtern und die bereits angesprochene Bewertung entsprechend neu vornehmen. Insofern gibt es kein Pauschalrezept. Vielmehr sind unsere Antworten auf ungesunde Stresstrigger mit einer Werkzeugkiste vergleichbar, aus der sich jeder die individuellen Werkzeuge nehmen und anwenden kann. Empfehlungen der Redaktion Studie räumt mit Vorurteil zu Wut am Arbeitsplatz auf Stefanie Stahl verrät, was Menschen attraktiv macht Jeder zehnte Mensch ist alexithym Mir sind beispielsweise schon häufig Menschen begegnet, die gelernt haben, sich in einem Stau nicht aufzuregen, sondern die Zeit zu nutzen, um ein Hörbuch oder einen Podcast zu hören. So werden Wut, Frust und Aufregung in etwas Positives für sich selbst umgewandelt. Man kann sich auch einen bestimmten Satz überlegen, mit dem man sich aus einer konkreten Wut- oder Ärgersituation herausbringt. Mit diesem Mantra erinnert man sich daran, dass die Aufregung nichts bringt. Viele Menschen versuchen auch mit Bewegungen ihrem Ärger entgegenzutreten. Es kann also auch der schnelle Power-Walk um den Block sein, um einen Schalter umzulegen und den Ärger zu reflektieren. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die aber jeder Mensch für sich persönlich finden und anwenden muss.