DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:39:27 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,59 % 68.713,80 Pkt 08:45:03 Gold +1,69 % 4.437,30 USD 23:00:00 Silber +0,36 % 65,11 USD 22:59:58 Brent +1,67 % 88,52 USD 22:59:58 WTI +1,42 % 82,40 USD 22:59:59 Bitcoin +0,01 % 62.983,14 USD 15:51:08 EUR/USD +0,37 % 1,15730 USD 23:29:21 EUR/GBP +0,11 % 0,85480 GBP 00:09:22 EUR/CHF +0,34 % 0,94060 CHF 23:29:21 EUR/JPY +0,38 % 184,365 JPY 23:29:21

Frauen und Esoterik: Warum glauben Frauen mehr daran?

Wissenschaft

Für die Religionssoziologie ist es ein stabiler Befund, dass Frauen mit parareligiösen Praktiken wie Homöopathie, Astrologie und Ähnlichem mehr Erfahrungen haben als Männer. Aber warum? Sind Frauen aufgrund ihrer natürlichen Bestimmung als Mutter einfach „gefühlsgeleiteter?“ Diese Antwort kann nicht überzeugen, würde sie das Phänomen gewissermaßen mit sich selbst erklären: es bliebe innerhalb dessen, was von außen zu begründen wäre, also mit messbaren Größen wie Bildung, Alter und Einkommen. Aber gibt es dazu überhaupt empirische Forschung? Die gibt es. Der ALLBUS, die „Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“, enthielt in seiner Erhebung von 2012 eine ganze Batterie von Fragen dazu, ob die Teilnehmer bereits mit Praktiken wie Anthroposophie oder Spiritismus Erfahrungen hätten. Zusätzlich wollte man wissen, ob sie zu einer grundsätzlich „rationalen Lebenseinstellung“ neigten. Dazu wurden sie gefragt, ob man sich ihrer Überzeugung nach „an das halten soll, was man mit dem Verstand erfassen kann, und alles andere auf sich beruhen lassen soll“. Zudem wurde gefragt, ob die Teilnehmer der Aussage zustimmten, es gebe „Sachverhalte, die wissenschaftlich nie zu erklären sein werden“. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen „Ein erheblicher unaufgeklärter Geschlechterunterschied“ Der Mainzer Soziologe Nico Sonntag stellt jetzt an diese Daten die Frage, ob Männer wegen ihres angeblich stärkeren „logisch-rationalen Denkens“ sozusagen immuner gegen Esoterik sind als Frauen. Vor dem Hintergrund der Säkularisierungsthese, also der Abnahme der traditionellen kirchlichen Religiosität und des gleichzeitigen Erstarkens außerkirchlicher Formen der Spiritualität, gehört diese Frage eigentlich in das Feld der Religionssoziologie. Die wiederum fragt, wie der Verlust der traditionellen kirchlichen Praktiken kompensiert werden könnte – vorausgesetzt, das Bedürfnis nach einer solchen Kompensation wird überhaupt empfunden. Sonntags Befunde sind überzeugend: Männer äußern in dieser Erhebung deutlich häufiger eine „rationale Lebenseinstellung“ als Frauen. Und Menschen mit einer solchen Lebenseinstellung machen auch weniger Erfahrungen mit parareligiösen Praktiken, deshalb hätten Frauen hier deutlich mehr Erfahrungen als Männer. Dieser Befund ändert sich auch nicht, wenn man die Kontrollvariablen Bildung und Alter berücksichtigt. Es bleibe „ein erheblicher unaufgeklärter Geschlechterunterschied“ bestehen. Wer in der ALLBUS-Umfrage der Aussage zustimmte, es gebe eben Sachverhalte, die wissenschaftlich nie zu erklären sein werden, könnte sagen: Hab ich doch gesagt! Die Soziologie dagegen kann sich hier nicht zufriedengeben. Was könnte diesen Unterschied doch noch erklären? Unabhängigkeit macht Frauen nicht skeptischer Manche Ansätze vermuten, dass Frauen häufiger als Männer in ihrem Leben Kontrollverlust empfänden und diese Erfahrungen mit ihrer stärkeren Neigung zum hier untersuchten Phänomen des Paraglaubens kompensierten. Außerdem seien Frauen ohnehin religiöser und kirchengebundener, was als Folge einer womöglich biologisch bedingten stärkeren „Risikoaversion“ gedeutet wird. Frauen vermieden demnach eher das Risiko einer gänzlich säkularen Lebenseinstellung und suchten daher mehr als Männer einen Rückhalt in Esoterik und Paraglauben. Empirisch überprüfen lässt sich das alles kaum. Was man aber testen kann, ist ein möglicher Effekt der unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen. Diesbezügliche Ansätze stammen allerdings aus Zeiten, in denen sich die Erwerbsquoten von Frauen und Männern noch sehr unterschieden und sich noch viel mehr Frauen als heute auf die Mutterrolle beschränkten. Danach sollte die Beteiligung an der Erwerbstätigkeit die Neigung zu traditioneller Religiosität generell abschwächen. Das kann der Soziologe allerdings mit den ALLBUS-Daten klar zurückweisen: Vielmehr falle auf, dass entgegen dieser Erwartung der Anteil der Erwerbstätigen mit entsprechenden Erfahrungen in Esoterik und Paraglauben deutlich höher ausfalle als bei Nichterwerbstätigen. Sonntag nennt das einen „unerwarteten Befund“, dessen Ursachen allerdings in seinem Beitrag nicht untersucht werden könnten. Sonntag räumt ein, dass das eigentliche Problem die Operationalisierung der „rationalen Lebenseinstellung“ sei. Die ALLBUS-Fragen unterstellen, dass Verstandeserfassung, Wissenschaft und Erklären Termini seien, die das Rationale vom Irrationalen semantisch sauber trennten. Doch Esoteriker verstünden sich oft gar nicht als solche, sondern beanspruchten im Gegenteil gerade für ihr Wissen eine im Vergleich zur „etablierten Wissenschaft“ höhere Rationalität und ganzheitlichere Erklärungskraft. Kurz: Das Konzept „Rationalität“ und das „logisch-rationale Denken“ müssten soziologisch selbst genauer erforscht werden, gerade in Zeiten, in denen sich im Grunde alle politischen Entscheidungen auf dieses Konzept berufen.

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