Freigabe der Ölreserven: Was bringt das für die Preise?
Die Entscheidung der sieben größten Industriestaaten (G7), als Reaktion auf die extrem hohen Öl- und Kraftstoffpreise den Markt aus strategischen Ölreserven zu unterstützen, halten viele Experten aus der Wirtschaft für richtig.
Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, sagt, dass dieser Schritt einen sehr direkten Einfluss haben werde. Er erinnert ans Frühjahr, als schon einmal 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven freigegeben wurden.
"Das hat wirklich dazu geführt, dass auch an der Tankstelle die Preise günstiger wurden, weil es dazu geführt hat, dass sich die Angebotssituation entspannt hat." Ähnliches sei auch jetzt wieder zu erwarten, so Stanzls Einschätzung.
Sinkt der Diesel-Preis?
In den kommenden vier Monaten sollen nun erneut bis zu 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel, beziehungsweise das Diesel-Vorprodukt Gasöl, freigegeben werden. Dabei spielen zwei Gründe eine Rolle.
Zum einen sorgt ein höheres Angebot auf dem Markt normalerweise dafür, dass die Preise nachgeben. Das dürfte sich vor allem bei Diesel-Kraftstoff zeigen, meint Jochen Stanzl.
Denn während sich die Einschränkungen durch die Blockade der Straße von Hormus bei anderen Ölprodukten mittlerweile durch die Etablierung von Alternativrouten abmildern ließen, sei der Transport von Diesel immer noch stark betroffen, so Stanzl.
Der Rohöl-Transport aus dem Nahen Osten bewege sich beispielsweise mittlerweile fast wieder auf Vorkriegsniveau, erklärt der Rohstoffexperte, während beim Diesel die nur etwas mehr als die Hälfte der Menge vor dem Angriff auf Iran transportiert werde. "Da gibt es tatsächlich Engpässe."
Die könnten durch die jüngste G7-Freigabe gemildert werden. Denn die soll offenbar schwerpunktmäßig Diesel beziehungsweise das Diesel-Vorprodukt Gasöl umfassen, daneben Rohöl und andere Mineralölprodukte.
Reserven günstiger als aktuelle Lieferungen
Zum anderen dürfte folgender Punkt preissenkend wirken: Die strategischen Reserven haben die Länder oft vor Ort gelagert. Im Unterschied zu aktuellen Lieferungen sparen sie also die Kosten für den Transport aus dem Nahen Osten.
Dafür fallen gerade aufgrund der Kriegsrisiken Rekordpreise an, so Stanzl. Auf einen Rohölpreis von rund 100 Dollar pro Barrel müssten bei Transport vom Persischen Golf nach China 30 bis 35 Dollar aufgeschlagen werden, nach Europa sieben bis zehn Dollar, sagt Stanzl.
Auffüllen der Reserven dürfte Jahre dauern
Damit die Preissenkung mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, müsse sich die Lage am Persischen Golf aber normalisieren, meinen Experten. Gelinge das nicht, stelle sich die Frage, wie oft die Karte mit der Freigabe der strategischen Reserven gespielt werden könne.
"Solche Maßnahmen können ja nur den Mangel etwas in die Zukunft abmildern", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. "Aber wenn der Mangel bestehen bleibt, ist ja absehbar, dass die Reserven irgendwann nicht ausreichen."
Derweil bleibt die geopolitische Lage angespannt. Der Chef des weltgrößten Ölkonzerns Saudi Aramco, Amin Nasser, hat davor gewarnt, dass die Anspannung an den Märkten für Rohöl und Kraftstoffe ein bis zwei Jahre dauern könne. So lange könne es dauern, die Reserven bei Staaten und Unternehmen wieder aufzufüllen.