Freunde finden in SH: Wie das mit 20, 40 und 60 klappen kann
Stand: 07.07.2026 17:12 Uhr Je älter wir werden, desto wählerischer werden wir - auch bei Freundschaften, das sagt die Soziologie. Ob über Apps oder Freizeitgruppen: In Schleswig-Holstein gibt es viele Möglichkeiten, neue Herzensmenschen zu finden. von Vinetta Richter Aileen ist Ende zwanzig, lebt und arbeitet in Lübeck und schreibt gerade ihre Doktorarbeit an einem Forschungsinstitut. Eigentlich ist alles ideal - außer, dass die meisten ihrer Freunde aus Studienzeiten weggezogen sind. "Dann bleibt man doch ziemlich allein zurück und muss sich erst mal wieder finden", erzählt sie. Was Aileen beschreibt, kennen viele, egal ob alt oder jung. Ein beruflich bedingter Umzug, eine Trennung oder wenn im Alter der Partner verstirbt - es gibt in jedem Lebensabschnitt Momente, in denen wir darauf angewiesen sind, neue Menschen kennenzulernen. Die Initiative ergreifen: Social Club Lübeck Dass viele mit diesem Gefühl nicht allein ist, zeigt der Erfolg des Lübecker "Social Club". Gründerin Emma Degner war selbst neu in der Stadt und suchte Anschluss. Spontan erstellte sie eine Instagram-Seite, die über Nacht viral ging. Heute vernetzen sich dort über 1.700 Frauen jeden Alters in WhatsApp-Gruppen zum Laufen, Malen oder einfach zum Reden. Warum das Kennenlernen im Alter oft schwerer wird Wenn man jung ist, fällt es oft leicht, neue Leute kennenzulernen oder auf andere zuzugehen. Je älter wir werden, desto mehr festige sich unsere Persönlichkeit und desto schwieriger werde es, die passenden Menschen zu finden, erklärt die Kieler Soziologin Dr. Linda Dürkop-Henseling. "Man hat seine Grundsätze, Werte, Ziele und vielleicht auch Routinen, von denen man nicht mehr so leicht abrückt", erklärt sie. Hinzu komme: Jede und jeder hat einen eigenen Lebensweg. Verschiedene Jobs, Familiengründung und Wohnortwechsel machen es komplizierter, Menschen zu treffen, die ein ähnliches oder passendes Lebensmodell verfolgen. Der Jenaer Psychologe Prof. Franz J. Neyer nennt diesen Prozess "sozioemotionale Selektivität": Mit zunehmendem Alter werden Menschen wählerischer und investieren ihre knappe Zeit lieber in wenige, emotional bedeutsame Beziehungen als in viele oberflächliche Kontakte. Gerade im Alter kann diese Entwicklung das Risiko für Einsamkeit erhöhen. Eine Alternative gegen Einsamkeit: Treffpunkt60+ Dagegen kämpfen zwei Ehrenamtliche in Bad Segeberg (Kreis Segeberg). Britta Dibbern und Anne Redemann organisieren im Treffpunkt60+ regelmäßig verschiedene Aktionen für über 80 Mitglieder. Anne Redemann, die vor fünf Jahren aus Thüringen zuzog, kannte anfangs niemanden vor Ort. Durch die Gruppe, gemeinsame Minigolf-Runden, Radtouren und Literaturkreise hätte sich ihr Leben grundlegend verändert, sagt sie. "Wir erleben immer wieder, dass aus ersten Begegnungen Freundschaften entstehen und sich die Teilnehmenden gegenseitig im Alltag unterstützen", schreibt sie dem NDR. Männer haben Kontakte über ein gemeinsames Hobby Beim Treffpunkt60+ sind mehr Frauen als Männer dabei. Nach Recherche von NDR Schleswig-Holstein ist das auch in vielen anderen Freizeitgruppen so. Soziologen haben festgestellt: Frauen suchen aktiver den Kontakt zu anderen und vielen fällt es leichter, sich zu öffnen. Freundschaften pflegen sie häufiger über tiefgehende Gespräche und den Austausch über Gefühle oder Probleme. Laut Soziologin Dr. Linda Dürkop-Henseling von der Universität Kiel knüpfen Männer Kontakte häufiger über gemeinsame Aktivitäten. Fallen diese weg, endet auch oft der regelmäßige Kontakt zu den Freunden. Die "Partner-Falle" Psychologe Prof. Dr. Franz Neyer von der Universität Jena erklärt, dass viele Männer außerdem ihre emotionale Nähe vor allem auf die romantische Partnerschaft konzentrieren. Die Partnerin ist häufig zugleich engste Vertraute und wichtigste Ansprechperson für emotionale Unterstützung. Geht diese Beziehung durch eine Trennung oder den Tod des Partners verloren, fehlt vielen Männern ein tragfähiges soziales Netzwerk. Das Risiko für Einsamkeit steigt. Frauen hingegen könnten ihre sozialen Bedürfnisse häufig auf ein breiteres und vielfältigeres Netzwerk aus Freundinnen, Freunden, Bekannten und Familie verteilen, so der Psychologe. Tipps für neue Kontakte in jedem Alter Wer im Alter, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder nach einem Umzug neue Menschen kennenlernen will, muss laut Experten selbst aktiv werden. Das Wichtigste dabei, sagen Psychologe und Soziologin, sind Offenheit, Eigeninitiative und etwas Mut. Freunde kommen nicht von alleine, man muss schon was investieren. Das ist Beziehungsarbeit. Prof. Dr. Franz Neyer, Psychologe Uni Jena Möglichkeiten gibt es viele: Auf Kleinanzeigen finden sich Stammtische und Freizeitgruppen, die man einfach nur anschreiben muss Apps wie meet5, Lebensfreunde oder GemeinsamErleben bieten lokale Gruppen passend zur eigenen Stadt oder Gemeinde In manchen Städten oder Gemeinden gibt es Nachbarschaftsprojekte wie zum Beispiel in Bad Segeberg "Nachbarn für Nachbarn" oder über die Webseite Nebenan.de kann man sich lokal mit seinen virtuellen Nachbarn austauschen Für ganz spezifische Interessen gibt es im Internet viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel bei wander-community.de Lokale Vereine wie die Freiwillige Feuerwehr suchen eigentlich immer nach neuen Mitgliedern Kirchen bieten oft offene Gesprächsrunden und Mittagstische an Neue Freundschaften entstehen nicht zufällig Entscheidend ist aber vor allem eines: Zeit. Freundschaften entstehen nicht über Nacht. Forschende der University of Kansas haben untersucht, wie lange Menschen brauchen, um eine Freundschaft aufzubauen. Demnach sind etwa 50 gemeinsame Stunden nötig, damit aus Bekannten lockere Freunde werden. Mehr als 200 Stunden gemeinsamer Zeit braucht es im Durchschnitt, bis eine enge Freundschaft entsteht, egal in welchem Alter. Der Mut, selbst den ersten Schritt zu machen, lohnt sich eigentlich immer: Auch bei Aileen war das so: Über den Social Club Lübeck hat sie inzwischen neue Bekanntschaften geschlossen. Ob daraus enge Freundschaften werden, wird die Zeit zeigen - die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls geschaffen.