Friedliches Inferno - 50.000 Metal-Fans beim Summer Breeze
Infernalisch. Brutal. Eine Grenzerfahrung. Das war das Fazit von Musikern, die in den vergangenen Tagen beim Summer Breeze Festival vor den Toren von Dinkelsbühl auf der Bühne standen. Temperaturen von teils deutlich mehr als 30 Grad machten die Auftritte zu einer körperlichen Herausforderung. Es ist nämlich alles andere als leicht, mit verschwitzten Händen Schlagzeug, Bass oder Gitarre zu spielen, gerade im Heavy Metal, wo es in der Regel auf Präzision auch bei Höchstgeschwindigkeit ankommt. Umso lauter und begeisterter feierte das Publikum jeden Act, der trotz der Hitze eine unbeirrte Energieleistung zeigte. Zum Artikel: Summer Breeze als Wirtschaftsmotor für Dinkelsbühl Zum Beispiel Airbourne, die am Mittwoch als einer der ersten Headliner auf der Hauptbühne Maßstäbe setzten: Die australische Band, die derzeit in Europa für ein in Kürze erscheinendes neues Album wirbt, wetzte knapp 80 Minuten lang über die Bühne, als herrschten frühlingshaft laue Temperaturen. Sänger und Gitarrist Joel O'Keeffe ließ sich sogar während eines Stückes durch das Publikum tragen, ohne mit dem Spielen aufzuhören. "Der arbeitet Rock'n'Roll", staunte im Anschluss einer der Fotografen an der Bühne. Damit war die Energielatte für alle anderen sehr hoch gelegt. Eine Herausforderung, die an den Folgetagen Branchengrößen wie Eisbrecher, Lamb of God, Arch Enemy oder Helloween offenbar gerne annahmen und ähnlich kompromisslos ans Werk gingen. Besonderen Respekt ernteten dabei Veteranen wie die britischen Metal-Pioniere Saxon oder der 77-jährige Joachim Witt, der einen kurzen Gastauftritt bei der bayerischen Band Eisbrecher hatte. Branchenmesse des Heavy Metal Auch auf den etwas kleineren der insgesamt vier Bühnen brannten zahlreiche nicht ganz so berühmte Acts musikalische Feuerwerke ab, und das in sehr vielen unterschiedlichen Spielarten des Heavy Metal. Denn was für Außenstehende oft wie eine homogene, von lauten Gitarren getragene Lärmoffensive wirkt, das unterteilt sich bei genauerem Hinsehen in eine kaum überschaubare Anzahl von Unter-Genres: vom heiteren, sehr melodischen Mitsing-Rock über rüdes Geknüppel bis hin zu sehr sperrigen, kunstvoll konstruierten Gebilden aus immer neuen akustischen Schichten. Bei großen Festivals wie dem Summer Breeze treffen alle diese Subgenres wie auf einer Branchenmesse aufeinander. Für Besucher ist das eine Möglichkeit, auch neues zu entdecken. So wurde in diesem Jahr mit Spannung der Auftritt von Kim Dracula erwartet, den die meisten bisher aus TikTok-Videos kannten. Auf der Live-Bühne überzeugte die beeindruckend homogene Band dann mit aberwitzigen, ansatzlosen Wechseln von jazzigem Bossa-Nova hin zu wütendem Keifen, unterlegt mit kernigen Gitarrenriffs, an denen die Headbanger ihre Freude hatten. Besser als Wacken? Das Summer Breeze wird lokal organisiert Nach Angaben der Organisatoren war es das bisher heißeste Festival in der Geschichte des Summer Breeze, das seit 20 Jahren auf einem Flugplatz vor den Toren von Dinkelsbühl stattfindet. Dort entsteht jedes Jahr eine Art Metal-Stadt mit vier Bühnen und riesigen Campingplätzen. Mit 50.000 Besuchern gilt das Festival als eines der größten seiner Art und läuft derzeit bei vielen in der Metal-Szene dem weitaus größeren und vor allem bekannteren Wacken Open Air in Norddeutschland den Rang ab. So steht Wacken bei Fans zunehmend im Verdacht, sich zu sehr von seinen Wurzeln entfernt zu haben. Seit dem Verkauf der Mehrheitsanteile an den US-Investmentriesen KKR vor einigen Jahren wird in Metal-Foren immer wieder kritisiert, dass die neuen Eigentümer offenbar versuchen, möglichst viel Geld aus den Besuchern herauszupressen, sei es über hohe Preise für Eintritt und Verpflegung, sei es über teure Spezialangebote für wohlhabende Fans. Die bekommen dadurch zum Beispiel kürzere Wege über das riesige Wacken-Gelände und einen Direktzugang zu den begehrten Plätzen in Bühnennähe, was Stammgästen sauer aufstößt. Solche Angebote passen vielleicht zu Disneyland, aber nicht zu einem Metal-Festival, so der Tenor in sozialen Medien. Viel Lob gab es dagegen für die Veranstalter des Summer Breeze, einen lokalen Mittelständler. Das Team um Festivalchef Achim Ostertag gebe sich alle Mühe, das Festival jedes Jahr noch ein Stückchen besser zu machen, so der Tenor vieler Fans. Hitzeschlacht stellt Publikum, Bands und Veranstalter vor Herausforderungen Eine sehr sichtbare Verbesserung geht nach Angaben der Organisatoren auf konkrete Anregungen des Publikums zurück. So wurden am Rand des riesigen Geländes mehr Schattenplätze geschaffen, eine klare Erleichterung im Vergleich zu den Vorjahren. Allerdings räumen die Veranstalter ein, dass es natürlich auch Grenzen des Machbaren gibt. So sei die diesjährige Hitzewelle und die damit verbundene Dürre eine echte Herausforderung für alle Beteiligten. Das bekamen auch die Sanitätskräfte zu spüren. Die knapp 350 Helferinnen und Helfer mussten in diesem Jahr eine vierstellige Zahl von Besuchern verarzten, von denen viele unter Kreislaufproblemen litten. Wegen der Trockenheit wurde auch so viel Staub aufgewirbelt, dass das Gelände aus der Vogelperspektive gerade abends wie eine Steppe aussah. Die Folge: Besucher behalfen sich mit Tüchern vor dem Gesicht, die Veranstalter setzten Wassersprenger ein, aber trotzdem meldeten die Malteser zahlreiche Fälle von akuten Atemwegsbeschwerden.