Früher Todesurteil, heute vermeidbar: Hausarzt bietet Schutz vor HIV an
Ein Angebot wie dieses vermuten viele eher in Hamburg, Berlin oder München: In Tettnang bietet eine Hausarztpraxis Beratung und Versorgung zur sogenannten PrEP an – einer medikamentösen Vorsorge, die Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko vor einer Infektion schützen kann. Für Dr. Daniel Schön, Hausarzt in Tettnang, ist das keine exotische Spezialleistung, sondern moderne Präventionsmedizin. „Ich erkläre es meist ganz einfach: PrEP ist eine Vorsorge gegen HIV“, sagt Schön. Menschen, die ein erhöhtes Risiko für eine HIV-Infektion haben, könnten durch die Einnahme eines Medikaments verhindern, dass es überhaupt zu einer Ansteckung kommt. Die Schutzwirkung sei sehr hoch. „Im Grunde ist PrEP moderne Präventionsmedizin – ähnlich wie eine Impfung oder andere vorbeugende Maßnahmen, die wir aus der Medizin kennen.“ PrEP steht für Präexpositionsprophylaxe. Gemeint ist: HIV-negative Menschen nehmen vorbeugend ein Medikament ein, das sie vor einer Infektion mit HIV schützen soll. In Deutschland wird dafür vor allem die Wirkstoffkombination Tenofovir/Emtricitabin eingesetzt, früher bekannt unter dem Handelsnamen Truvada, heute meist als Generikum. Seit 2019 ist PrEP für Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Übernommen werden dann nicht nur die Medikamente, sondern auch Beratung und Begleituntersuchungen. Die Tabletten allein reichen allerdings nicht aus. Zur PrEP gehören regelmäßige HIV-Tests, Kontrollen der Nierenwerte und Untersuchungen auf weitere sexuell übertragbare Infektionen. Medikament schützt nur vor HIV, nicht vor anderen Krankheiten Denn PrEP schützt zwar sehr zuverlässig vor HIV, aber nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie Chlamydien, Gonorrhoe oder Syphilis. Was nicht alle Patienten wissen. „Ja, gelegentlich“ begegne ihm dieses Missverständnis, sagt Schön. Deshalb gehöre dieser Punkt zu jeder Beratung dazu. Die regelmäßigen Kontrollen hätten aber auch einen positiven Effekt: Andere Infektionen würden oft früh erkannt und behandelt. „PrEP ist deshalb nicht nur HIV-Prävention, sondern häufig auch ein Türöffner für eine insgesamt bessere sexuelle Gesundheitsvorsorge.“ Für wen PrEP infrage kommt, hängt nach Schöns Worten weniger von der sexuellen Orientierung ab als von der individuellen Lebenssituation. Manche Menschen hätten wechselnde Partner, andere lebten in offenen Beziehungen oder wollten einfach ein zusätzliches Maß an Sicherheit. „In der Beratung sprechen wir offen darüber, wie das persönliche Risiko aussieht“, sagt der Arzt. „Dabei geht es nicht um Wertungen, sondern um medizinische Fakten.“ Wer ehrlich über seine Situation sprechen könne, bekomme am Ende die beste Beratung. Denn darin liegt ein sensibler Punkt. Über Blutdruck, Rückenschmerzen oder Impfungen sprechen viele Menschen ohne größere Hemmungen. Bei Sexualität, HIV-Risiken oder Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten sieht das oft anders aus. Das gilt nicht nur vor Reisen oder in bestimmten Lebensphasen, sondern grundsätzlich. Schön erlebt in seiner Praxis aber auch, dass viele Patienten offener sind, als Außenstehende vielleicht vermuten würden. Manchmal brauche es etwas Zeit, bis Vertrauen entstehe. Wenn Patienten merkten, dass sie ohne Vorurteile und ohne erhobenen Zeigefinger beraten würden, entstünden sehr ehrliche Gespräche. PrEP in Oberschwaben: wenige Anbieter, hohe Hürden Der Tettnanger Arzt sieht sexuelle Gesundheit als normalen Teil der hausärztlichen Versorgung, obschon es in Oberschwaben nur wenige Allgemeinmediziner gibt, die PrEP anbieten. Die Leistung darf zulasten der gesetzlichen Krankenkassen nur von Ärzten erbracht werden, die dafür eine Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung haben und bestimmte fachliche Voraussetzungen erfüllen. „Sexualität gehört zum Leben und damit auch zur Medizin“, sagt Schön. Darüber sollte man genauso selbstverständlich sprechen können wie über Rückenschmerzen oder Bluthochdruck. Das ist in einer oberschwäbischen Kleinstadt womöglich leichter gesagt als getan. Schön weiß, dass es noch immer Scham und Berührungsängste gibt. Gerade in einer kleineren Stadt wie Tettnang machten sich manche Menschen Gedanken darüber, was andere über sie denken könnten. In der Praxis erlebten sie dann meistens schnell, dass diese Sorgen unbegründet seien. Für ihn und sein Team seien HIV-Tests, Untersuchungen auf sexuell übertragbare Infektionen oder PrEP normale medizinische Leistungen. „Niemand muss sich dafür rechtfertigen, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.“ Viele Menschen verbinden HIV noch immer mit Bildern aus den 1980er- und 90er-Jahren: mit Aids, schwerer Krankheit, Ausgrenzung und dem Gefühl, dass eine Diagnose einem Todesurteil gleichkommt. Filme wie „Philadelphia“, in dem Tom Hanks einen an Aids erkrankten Anwalt spielt, haben dieses Bild tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Medizinisch aber hat sich die Lage grundlegend verändert. HIV bezeichnet die Infektion mit dem Virus; Aids ist das späte Krankheitsstadium, zu dem es nach einer unbehandelten HIV-Infektion kommen kann. Heute in westlichen Ländern eher eine Seltenheit. „Eigentlich fast alles“ sei heute anders, sagt Schön auf die Frage nach dem medizinischen Fortschritt. In den Achtzigern sei HIV für viele Menschen eine lebensbedrohliche Diagnose gewesen. Heute könnten Menschen mit HIV dank moderner Therapien ein langes und weitgehend normales Leben führen. Wird die Therapie erfolgreich durchgeführt, lässt sich zudem verhindern, dass das Virus beim Sex weitergegeben wird. Gleichzeitig gebe es mit der PrEP die Möglichkeit, HIV-Infektionen sehr effektiv zu verhindern. Schön nennt das „einen der größten Erfolge der modernen Infektionsmedizin“. HIV-Zahlen 2024: Neuinfektionen leicht gestiegen Trotzdem ist HIV nicht verschwunden. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) lebten Ende 2024 geschätzt rund 97.700 Menschen mit HIV in Deutschland. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen lag 2024 nach RKI-Schätzung bei etwa 2300 und damit etwas höher als im Vorjahr. Rund 1300 dieser Neuinfektionen entfielen auf Männer, die Sex mit Männern haben. Etwa 590 wurden heterosexuellen Kontakten zugerechnet. Die Zahlen zeigen: HIV-Prävention bleibt ein Thema – auch wenn die Krankheit heute medizinisch eine völlig andere Bedeutung hat als früher. Die Wahrnehmung, dass PrEP häufig zuerst mit schwulen und bisexuellen Männern verbunden wird, hält Schön einerseits für nachvollziehbar, andererseits aber für zu eng, wenn daraus eine Schublade wird. Schwule und bisexuelle Männer seien weiterhin eine wichtige Zielgruppe, das entspreche auch der epidemiologischen Realität. Zugleich sehe er zunehmend Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, die sich für PrEP interessierten. Entscheidend sei nicht die Frage, zu welcher Gruppe jemand gehöre, sondern ob diese Vorsorge einen sinnvollen Schutz bieten könne. Betreuung vor Ort statt stundenlanger Anfahrt Warum aber braucht es ein solches Angebot in Tettnang? Gerade darin sieht Schön einen wichtigen Teil seiner Arbeit. „Vorher mussten viele Patienten aus der Region teilweise eine Stunde oder länger fahren, um eine PrEP-Beratung oder die notwendigen Kontrollen zu erhalten“, sagt er. Das sei eine unnötige Hürde. „Prävention sollte dort stattfinden können, wo die Menschen leben.“ Eine Hausarztpraxis könne dabei Vertrauen schaffen und den Zugang deutlich erleichtern. Eine PrEP-Beratung beginnt nach Schöns Worten nicht mit einem Rezept, sondern mit einem Gespräch. Zunächst gehe es darum, die persönliche Situation kennenzulernen. Viele Patienten seien überrascht, wie unkompliziert und entspannt diese Gespräche abliefen. Vor Beginn einer PrEP werde eine bestehende HIV-Infektion ausgeschlossen, außerdem würden die Nierenwerte kontrolliert und Tests auf weitere sexuell übertragbare Infektionen gemacht. Danach finden in der Regel alle drei Monate Kontrolltermine statt. Sie dienen nicht nur der medizinischen Sicherheit, sondern bieten auch Raum für Fragen oder Veränderungen in der Lebenssituation. Schön betont, dass eine Beratung keine Vorentscheidung ist. Wer sich informiert, muss sich anschließend nicht automatisch für PrEP entscheiden. Manchmal helfe schon ein offenes Gespräch, um Unsicherheiten auszuräumen. „Niemand wird bewertet oder in eine Schublade gesteckt“, sagt der Arzt. Sein Ziel sei es, dass Menschen fundierte Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen können. Dafür brauche es vor allem Informationen und Vertrauen. Für Schön ist schon viel gewonnen, wenn Menschen mit ihren Fragen nicht allein bleiben – und für eine erste Beratung nicht erst nach Hamburg, Berlin oder München fahren müssen.