"Fundamentum" stärkt Lesen und Mathematik
Mittwochmorgen, viertel nach acht: "Herr Groß und Herr Klein..." lesen die Kinder der Klasse 5a im Chor. Mit ihnen Michael Frey, Schulleiter und Musiklehrer am Johannes-Rau-Gymnasium. Denn egal, welches Fach auf dem Stundenplan steht: Erst einmal wird jeden Morgen 20 Minuten gelesen. Mal in der Gruppe, mal alleine oder im Tandem. So ist das neue Konzept seiner Schule.
Ein Buch statt sofort Unterricht
Für Faris gehört das tägliche Leseband inzwischen zum Schulalltag. "Das Zusammenlesen macht Spaß und man verbessert seine deutsche Sprache", sagt der Fünftklässler. Die zehnjährige Mina merkt, dass sie inzwischen flüssiger liest als noch vor wenigen Wochen.
Wenn aus H-A-U-S plötzlich ein Wort wird
Auch Luiza Budner, Klassen- und Deutschlehrerin in der 5c stellt fest, dass ihre Kinder schon jetzt vom regelmäßigen morgendlichen Lesen profitieren. Sie müssen die Wörter seltener Buchstabe für Buchstabe entziffern, sondern können sie direkt auf einen Blick erfassen. Dadurch bleibt mehr Zeit im Kopf für das, worum es eigentlich geht: Inhalte verstehen, Zusammenhänge erkennen.
Das heißt, je flüssiger die Kinder lesen, desto mehr können sie sich darauf konzentrieren, was da eigentlich steht. "Leseflüssigkeit ist die Grundlage für Textverständnis. Und Textverständnis wiederum ist eine wesentliche Grundlage für Bildungserfolg", erklärt Luiza Budner, die das Konzept "Fundamentum" mitentwickelt hat.
Matheunterricht ohne Angst
Auch in Mathematik setzt die Schule auf einen neuen Ansatz. Statt der üblichen vier Unterrichtsstunden haben die Fünfer am Johannes-Rau-Gymnasiums neuerdings sechs. Eine davon in Kleingruppen - dann kommen vier Mathelehrerinnen auf eine Klasse! So bleibt mehr Zeit für jedes einzelne Kind, das heißt, die Lehrerinnen können besser sehen, wo die Schwierigkeiten liegen, und direkt darauf eingehen.
Mut zum Umdenken
325 Minuten pro Woche investiert die Schule gezielt in Lesen, Sprache und Mathematik. Nicht durch längere Unterrichtstage, sondern durch eine neue Ordnung der Lernzeit. Für Schulleiter Frey ist das die wichtigste Lehre aus PISA: "Wir müssen Schule neu denken." Kollegin Luiza Budner fügt hinzu: "Wir sind uns oft nicht darüber im Klaren, dass Schule auch Gestaltungsspielräume hat. Es erfordert Mut, bestehende Strukturen neu über den Haufen zu werfen und so anzupassen, wie die Schülerinnen und Schüler sie benötigen."
Noch steckt "Fundamentum" in den Anfängen. Doch die ersten Erfolge sind sichtbar und andere Schulen haben bereits Interesse angemeldet. Vielleicht beginnt die Antwort auf die Bildungskrise tatsächlich dort, wo an jedem Morgen ein Buch aufgeschlagen wird.