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Fünf harte Wahrheiten über Christa Pikes missglückte Hinrichtung

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Fünf harte Wahrheiten über Christa Pikes missglückte Hinrichtung

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Christa Pike überlebt zwei Dosen Pentobarbital. Ihr Fall entfacht in den USA die Debatte über missglückte Hinrichtungen und die Todesstrafe neu.

Christa Pike ist nach dem gescheiterten Hinrichtungsversuch wieder bei Bewusstsein und kann nach Angaben ihres Anwaltsteams inzwischen gehen und sprechen. Das wussten Sie wahrscheinlich schon, denn nahezu jedes Nachrichtenmedium in den Vereinigten Staaten verfolgt minutiös ihre erstaunliche Erholung nach einer doppelten Dosis Pentobarbital. Noch vergangene Woche war der Bundesstaat Tennessee der Ansicht, diese 50-jährige Frau, die wegen eines im vergangenen Jahrtausend begangenen Verbrechens fast ihr gesamtes Erwachsenenleben im Todestrakt verbracht hat, verdiene es, so lange mit Gift vollgepumpt zu werden, bis sie tot sei. Jetzt scheinen viele von uns mehr auf ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen zu achten als auf das eigene.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.

Wenn es um die Todesstrafe geht, verstrickt sich Amerika unentwegt in Widersprüche. Am 30. September gegen 19.30 Uhr wurde Pike, die wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer im Jahr 1995 verurteilt worden war, im Gefängnis Riverbend Maximum Security Institution in Nashville auf der Hinrichtungsliege festgeschnallt und erhielt eine vermeintlich tödliche Dosis Pentobarbital. Als diese sie nicht tötete, verabreichten die für die Hinrichtung Verantwortlichen ihr eine weitere Dosis.

Nach zwei Dosen war sie bewusstlos, aber keineswegs tot. Zeugen berichteten, Pike habe hörbar geschnarcht und eindeutig noch geatmet, als sie aus dem Zuschauerbereich hinausgeführt wurden. Schon bald wich das Ziel, Pike zu töten, der dringenden Notwendigkeit, sie am Leben zu halten. Sie wurde umgehend in ein Krankenhaus gebracht und an ein Beatmungsgerät angeschlossen; den Ärzten gelang es, ihren Tod abzuwenden. Man könnte fragen: Wenn es so notwendig war, dass dieser Mensch stirbt, warum wurde die Hinrichtung dann abgebrochen, um ihn von der Schwelle des Todes zurückzuholen?

Der Staat darf Sie töten – aber nicht zum Sterben liegen lassen

Dasselbe Rechtssystem, das ihre Hinrichtung genehmigt hat, gewährt ihr einen Anspruch auf medizinische Versorgung, wenn die Hinrichtung scheitert. Eine bewusste Missachtung ernsthafter medizinischer Bedürfnisse von Gefangenen kann gegen die Verfassung verstoßen. Zudem hatte Tennessee bereits die nach seinem Hinrichtungsprotokoll vorgesehene Höchstzahl an Pentobarbital-Dosen verabreicht: eine reguläre Dosis und eine zweite als Reserve.

Pike auf der Liege liegen und leiden zu lassen, in der Hoffnung, dass sie irgendwann sterben würde, könnte als genau jene Art von „grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung“ angesehen werden, die der achte Verfassungszusatz verhindern soll. Und darin liegt das nächste Problem.

Eine saubere Hinrichtung ist keine humane Hinrichtung

Die Giftspritze wurde als humanere Hinrichtungsmethode vorgeschlagen. Sie wirkt nur deshalb human, weil sie klinisch aussieht. Die zum Tode verurteilte Person sieht fast aus wie ein Patient, der in einem Krankenhausbett liegt, bevor er einschläft. Kein Blut, keine Knochen, alles schön sauber. Dasselbe Argument wurde bei der Einführung des elektrischen Stuhls vorgebracht. Ein Stromstoß, und schwupps, schon ist der Mensch tot! Diese „humanen“ Methoden, ein Leben zu nehmen, sind alles andere als human.

In seinem 2014 erschienenen Buch Gruesome Spectacles: Botched Executions and America’s Death Penalty zeigte der Rechtswissenschaftler Austin Sarat, dass bei 8.776 amerikanischen Hinrichtungen zwischen 1890 und 2010 die Hinrichtungen mit der Giftspritze in 7,2 Prozent der Fälle missglückten. Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl schnitten statistisch mit 1,92 Prozent besser ab, obwohl zu den dokumentierten Fehlschlägen Fälle gehörten, in denen Gefangene buchstäblich Feuer fingen und auf dem Stuhl verbrannten. Keine der beiden Zahlen erfasst all das Leid, das entsteht, wenn eine Hinrichtung planmäßig verläuft.

Ein Schuss in den Kopf aus einem leistungsstarken Gewehr ist erheblich schneller und wirksamer als jede dieser beiden Möglichkeiten. Die Guillotine, die bevorzugte Methode der Franzosen, war dafür bekannt, den Kopf der zum Tode verurteilten Person mit einer einzigen, schnellen Bewegung der Klinge sauber abzutrennen. Amerikas meistgenutzte Hinrichtungsmethoden mögen den Zuschauern einen blutigen Anblick ersparen, doch mit der Wahrung der Menschlichkeit der ihnen unterworfenen Person haben sie nichts zu tun.

Überleben bedeutet nicht Rettung

Während Pike sich nach Angaben ihrer Anwälte weiter erholt und dabei an ihr Krankenhausbett gekettet ist, verschärft sich der Rechtsstreit um ihr Schicksal. Tennessee könnte argumentieren, Pike sei zum Tode verurteilt worden und nicht lediglich dazu, eine tödliche Injektion zu erhalten. Solange sie nicht stirbt, ist das Urteil nicht vollständig vollstreckt. Ihre Anwälte können jedoch geltend machen, dass sie bereits das gesamte Hinrichtungsverfahren durchlitten hat. Ein weiterer Versuch könnte gegen das Verbot grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung im achten Verfassungszusatz verstoßen. Manche Rechtswissenschaftler sehen zudem mögliche Fragen hinsichtlich des Verbots der Doppelbestrafung – also der zweimaligen Bestrafung eines Menschen für dasselbe Verbrechen.

Der Oberste Gerichtshof erlaubte Louisiana einen zweiten Versuch, nachdem Willie Francis 1946 eine missglückte Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl überlebt hatte. Im folgenden Jahr wurde er hingerichtet. Doch Pikes Fall ist beispiellos: Während Francis den ersten Versuch überlebte, weil der Stuhl nicht richtig funktionierte, erhielt Pike tatsächlich eine doppelte Dosis der vermeintlich tödlichen Medikamente – mit verheerenden körperlichen Folgen. Eine weitere Möglichkeit wäre, Pikes Strafe in lebenslange Haft ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung umzuwandeln. Das würde bedeuten, dass sie hinter Gittern stirbt.

Sollte Tennessee jedoch darauf bestehen, die Hinrichtung zu vollenden, stehen wir vor der grotesken Aussicht, dass Ärzte eine Frau wieder gesund pflegen, damit der Staat sie erneut töten kann.

Die Debatte dreht sich darum, wie man tötet – nicht darum, ob man es tun sollte

Tennessees Gouverneur Bill Lee, ein Republikaner, dessen Amtszeit im Januar endet, hat nach Pikes gescheiterter Hinrichtung die einzige weitere für dieses Jahr angesetzte Hinrichtung im Bundesstaat ausgesetzt und eine unabhängige Untersuchung des Todesstrafensystems von Tennessee angeordnet. Wer jedoch weitere Belege dafür sucht, dass die Gewährleistung eines „humanen“ Todes auf der Prioritätenliste weit unten steht, muss sich nur die Äußerungen von Senatorin Marsha Blackburn ansehen.

Die Republikanerin, die bei den Zwischenwahlen im November als Nachfolgerin Lees kandidiert, erklärte, die Antwort bestehe darin, „den elektrischen Stuhl zurückzubringen und diesen Opfern rasch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“. Tennessee erlaubt Gefangenen, die wegen vor 1999 begangener Verbrechen verurteilt wurden, bereits, den elektrischen Stuhl zu wählen. Doch offenbar besteht die Antwort auf eine gescheiterte Hinrichtung darin, mehr Tötungsmethoden verfügbar zu machen.

Pike folterte und ermordete Colleen Slemmer 1995 gemeinsam mit ihrem damaligen Freund. Pike zwang Slemmer zu leiden; Befürworter ihrer Hinrichtung könnten argumentieren, dass Pike es verdient, ihrerseits zu leiden. Doch an welchem Punkt wird daraus, Mörder nach dem Gesetz für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen, eine Erlaubnis für den Staat, nach jahrzehntelanger Haft unbegrenztes Leid zuzufügen, solange am Ende das gewünschte Ergebnis steht?

Wir werden weiter Menschen töten, ganz gleich, was geschieht

Lees Untersuchung wird inzwischen von einer gerichtlichen Anordnung der Richterin I’Ashea Myles begleitet. Sie verpflichtet die Behörden Tennessees, alles aufzubewahren: von Hinrichtungsmedikamenten, Nadeln und medizinischen Abfällen bis hin zu Überwachungsaufnahmen und interner Kommunikation. Die Richterin ordnete zudem an, Pikes Anwälten einen umfassenderen Zugang zu ihrer Mandantin zu ermöglichen. Gleichzeitig kündigte der Leiter der Strafvollzugsbehörde des Bundesstaates seinen Rückzug aus dem Amt an. Wer jedoch hofft, dass dies eine breitere Debatte anstößt oder vielleicht sogar die Todesstrafe beendet, sollte sich keine allzu großen Hoffnungen machen.

Pike war noch nicht lange wieder bei Bewusstsein, als der Bundesstaat Texas am 7. Oktober den zum Tode verurteilten Gefangenen Jamaal Howard wie geplant mit Pentobarbital hinrichtete. Howards Anwälte hatten den republikanischen Gouverneur Greg Abbott um einen Aufschub von 30 Tagen gebeten. Angesichts dessen, was gerade in Tennessee geschehen war, verwiesen sie auf Bedenken hinsichtlich der Hinrichtungsmedikamente des Bundesstaates. Abbott antwortete nicht, während Gerichte auf bundesstaatlicher und Bundesebene Howards gesonderte, in letzter Minute eingelegte Rechtsmittel zurückwiesen. Texas vollstreckte die Hinrichtung dennoch.

Eine im Juli durchgeführte Umfrage des Pew Research Center ergab, dass 66 Prozent der Amerikaner die Todesstrafe für verurteilte Mörder unterstützen. Dennoch glauben 59 Prozent nicht, dass sie schwere Verbrechen verhindert, während 73 Prozent ein gewisses Risiko anerkennen, dass ein unschuldiger Mensch hingerichtet wird. Wir wissen, dass das System versagen kann. Wir zweifeln an seiner Wirksamkeit. Wir erkennen die Möglichkeit katastrophalen Unrechts an. Doch die Warnung, die von Pikes Fall ausgeht, wird unbeachtet bleiben; wir werden trotzdem weiter Menschen töten – oder es zumindest versuchen.

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