DAX +0,70 % 26.323,88 Pkt 18:00:00 MDAX -0,55 % 32.251,14 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,18 % 6.535,62 Pkt 18:00:00 Dow Jones +0,17 % 53.975,98 Pkt 22:40:36 S&P 500 +0,56 % 7.753,11 Pkt 22:38:36 Nasdaq +0,98 % 26.605,36 Pkt 23:15:59 Nikkei +2,08 % 66.970,22 Pkt 08:45:03 Gold +1,78 % 4.439,50 USD 07:40:02 Silber -0,17 % 65,00 USD 07:40:00 Brent +0,14 % 87,84 USD 07:40:05 WTI +0,17 % 82,27 USD 07:40:07 Bitcoin +0,09 % 63.967,09 USD 07:49:56 EUR/USD -0,10 % 1,15450 USD 07:49:24 EUR/GBP -0,29 % 0,85410 GBP 07:50:01 EUR/CHF +0,14 % 0,93520 CHF 07:50:09 EUR/JPY +0,68 % 183,716 JPY 07:50:10

Fünf Millionen Betroffene: Der kaum bekannte Zusammenhang zwischen ADHS und Alkoholsucht

Gesundheit

Startseite Welt Fünf Millionen Betroffene: Der kaum bekannte Zusammenhang zwischen ADHS und Alkoholsucht Von: Angelika Prauß Uns auf Google folgen „Reizflut ist ein Schlüsseltrigger für die Sucht“, sagt die Wissenschaftsjournalistin Gaby Guzek. Sie sieht einen engen Zusammenhang zwischen ADHS und einem erhöhten Suchtrisiko. Vielen Ärzten ist das nicht bekannt. Bonn (KNA) – Zappelige Kinder, die ihre Impulse nicht kontrollieren können – das ist ein Bild, an das viele denken, wenn sie den Begriff ADHS hören. Dabei trifft die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung auch viele Erwachsene. Menschen mit ADHS nehmen ihre Umgebung durch ein Ungleichgewicht an Botenstoffen im Gehirn ungefiltert wahr. Artikel der KNA Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die Folge: Durch die Reizüberflutung fühlen sie sich extrem gestresst. Um sich zu regulieren, konsumieren viele dann intuitiv Tabak, Alkohol und Drogen – das hat die Wissenschaftsjournalistin Gaby Guzek beobachtet. Die 59-Jährige war selbst von einer schweren Alkoholsucht betroffen und coacht inzwischen Alkoholiker beim Ausstieg. Dabei ist ihr aufgefallen, wie viele ihrer Klienten zugleich von ADHS betroffen waren. „Reizflut ist ein Schlüsseltrigger für die Sucht“, sagt Guzek. Sie begann zu recherchieren und merkte: „Das ist ein Riesenthema.“ Suchtrisiko ADHS: Rund fünf Millionen Betroffene Die Kärntnerin hat das Buch „Suchtrisiko ADHS“ geschrieben, um Betroffene zu Experten in eigener Sache zu machen. Allein in Deutschland haben laut Guzek rund 20 Millionen Menschen einen problematischen Alkoholkonsum – und schätzungsweise jeder Vierte von ihnen hat ADHS. Damit seien rund fünf Millionen Menschen mehr oder weniger von dem Phänomen betroffen, rechnet die Autorin im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vor. Bei ADHS gerät die Hirnchemie aus dem Gleichgewicht. Als Folge stehen Betroffene laut Guzek „ständig unter Strom“ und entwickeln deshalb leicht eine Abhängigkeit. Aus ihrer Beobachtung nutzen sie Nikotin, Alkohol und andere Stoffe „als Medikamente – ohne es zu wissen“. Denn Drogen stimulierten die aus dem Lot geratene Hirnchemie „und lindern damit schlagartig, aber nur kurzfristig, die ADHS-Symptome“. ADHS und Sucht: ein kaum bekannter Zusammenhang Das Problem: Die meisten Hausärzte und Psychotherapeuten kennen aus Guzeks Erfahrung nicht den Zusammenhang von ADHS und Sucht. Sie behandelten stattdessen Nebeneffekte wie Depressionen und Schlafstörungen. „ADHS-Spezialisten haben in der Regel wenig bis keine Ahnung vom Thema Sucht. Die meisten Suchtspezialisten kennen sich mit ADHS nicht aus“, fasst die Autorin das Dilemma zusammen. Deshalb möchte sie mit ihrem verständlich geschriebenen Buch wenigstens den Betroffenen Fachwissen an die Hand geben. Zwar sei das Wissen um die Zusammenhänge in der Forschung längst bekannt. „Aber es braucht meist 25 Jahre, bis das auch in der Praxis ankommt“, stellt die Expertin fest. ADHS in Suchtbehandlung oft übersehen „Obwohl etwa jeder vierte bis fünfte Patient in Suchtbehandlung ein ADHS hat, wird die Diagnose häufig noch übersehen“, bestätigt der Frankfurter Psychiater Mathias Luderer. Das erhöhte Suchtrisiko bei ADHS werde in der Behandlung zu selten thematisiert. Auch das Jahrbuch Sucht empfiehlt wegen der hohen Häufigkeit von ADHS bei Menschen mit substanzbezogenen Störungen wie Alkohol, Tabak und illegalen Drogen ein Screening auf ADHS. Suchtmediziner Luderer sieht noch ein weiteres Problem: Viele Behandler scheuten sich, bei Suchterkrankungen etwa Stimulanzien wie Ritalin zu verordnen. So würden in Reha-Kliniken – aus Unwissenheit und durch fehlendes Vertrauen in neue wissenschaftliche Erkenntnisse – wichtige ADHS-Medikamente abgesetzt. Luderer fordert deshalb mehr Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Psychotherapeuten. Auch Guzek befürwortet bei ADHS-Betroffenen mit einer Suchtproblematik den fachkundigen Einsatz gut dosierter Medikamente wie Ritalin. Diese seien zwar kein Allheilmittel, aber „Krücken für den Alltag“. Denn diese ermöglichen es laut der Coachin, dass eine Therapie überhaupt gelingen kann. „Viel Unsinn über Medikamente in Umlauf“ Es ärgert die Expertin, dass „so viel Unsinn über diese Medikamente in Umlauf ist“. So hätten viele Angst vor einer sedierenden Wirkung. Vor 30 Jahren seien Mittel wie Ritalin oft viel zu hoch dosiert worden, räumt Guzek ein. „Damals wurde noch die 20-fache Dosis von dem verabreicht, was heute gegeben wird. Heute wird sie ganz fein gesteigert.“ Gerade bei ADHS seien Stimulanzien wie Ritalin hilfreich, weil sie „das Dopamin-System aufwecken – das ist es, was das ADHS-Gehirn braucht“. Suchtmediziner Luderer spricht sich ebenfalls für eine medikamentöse ADHS-Behandlung aus. Diese verbessere die Chancen, von der eigentlichen Suchttherapie zu profitieren. „Bei Psychopharmaka haben wir mehr Bedenken als bei Cannabis und Alkohol“, wundert er sich. Letztere würden „gesellschaftlich akzeptiert – dabei sind das beides Stoffe mit klar belegten gesundheitlichen Risiken, während ADHS-Medikamente das Sterblichkeitsrisiko nachweislich verringern“, sagt der Leiter der Suchtmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt. Entscheidend sind für ihn bei ADHS eine sorgfältige Diagnostik und Begleitung durch erfahrene Fachärztinnen und Fachärzte. Schmerzliche Erkenntnis: Bei Guzeks Tochter Lisa, Co-Autorin des Buches, wurde erst mit 26 Jahren ADHS diagnostiziert. Sie lässt ihre Eindrücke einfließen und schildert, wie herausfordernd ihr Familien- und Schulalltag als Kind und Heranwachsende war. Wie Menschen mit ADHS ihren Alltag besser bewältigen können Menschen mit ADHS nehmen Umweltreize ungefiltert wahr. Um sich zu regulieren, greifen viele zu Alkohol, Tabak und anderen Suchtstoffen. Was sinnvoller ist, um den Alltag zu bewältigen, verraten zwei Experten: – Alltagsreize reduzieren: Die Umgebung sollte möglichst auf allen Ebenen – sehen, hören, riechen, schmecken – gestaltet sein, empfiehlt Coachin und Buchautorin Gaby Guzek. Also „Hingucker“ auf dem Schreibtisch – und zu viel Deko und Papierstapel in der Wohnung vermeiden: „Alles Sichtbare beansprucht Aufmerksamkeit“. – Routinen: Sie entlasten das Gehirn, weil jede Entscheidung mentale Energie kostet – ob bei der Ernährung, beim Sport, beim Schlaf oder bei der Arbeit. So helfen beispielsweise feste Anfangsrituale, in den Arbeitsmodus zu schalten: das Smartphone auf lautlos stellen, den PC hochfahren, einen Kaffee aus stets derselben Tasse trinken. – Ernährung: Komplexe Kohlehydrate aus Vollkorn, Hafer und Hülsenfrüchten sowie Eiweiße sorgen dafür, dass das gereizte Gehirn konstant mit Energie versorgt wird. Impulse lassen sich so besser unterdrücken, emotionale Schwankungen werden kleiner. Ein Wecker kann daran erinnern, zu festen Zeiten zu essen. Berufstätige sollten verzehrfertige Nahrung mit zur Arbeit nehmen. – Frühsport: Morgendlicher Sport verbessert die Aufmerksamkeit für die folgenden Stunden. „Wer morgens läuft, arbeitet am Vormittag besser“, sagt Guzek. Empfehlenswert sind auch Sportarten wie Boxen, Jiu-Jitsu, Karate und Kickboxen, die vollständige Aufmerksamkeit auf den Moment verlangen. Das gilt auch fürs Klettern sowie für Mannschaftssportarten mit hohem Tempo. – Medikamente statt Rauschmittel: Fast die Hälfte aller Erwachsenen mit ADHS-Diagnose lehnen Medikamente aus Angst vor Abhängigkeit ab, erklärt Guzek. Dabei sind Medikamente für die Coachin ein „Game-Changer“, um die bei ADHS aus dem Lot geratene Hirnchemie wieder auf die richtige Spur zu bringen, Reize zu filtern und Impulse zu bremsen. Sie sind demnach auch die Voraussetzung dafür, dass etwa eine Suchttherapie überhaupt anschlägt. – Habe ich ADHS? – Validierte Screening-Fragebögen wie ASRS (s. u.) sind frei verfügbar und können laut dem Frankfurter Suchtmediziner Mathias Luderer ein erster Anhaltspunkt sein, ersetzen aber keine fachärztliche Diagnostik. Zudem gibt es viele andere Gründe, unruhig, unkonzentriert oder impulsiv zu sein. – Suchtgefahr: Wer bemerkt, dass Alkohol, Nikotin oder Cannabis hauptsächlich zur „Selbstberuhigung“ dienen – etwa um innere Unruhe, Reizüberflutung oder Konzentrationsprobleme zu dämpfen –, sollte das laut Luderer offen beim Hausarzt oder in einer Suchtberatungsstelle ansprechen. Es könne sinnvoll sein, gezielt nach einer ADHS-Abklärung zu fragen. – ADHS-Fachleute finden: Viele Hausärzte, Psychotherapeuten und selbst Psychiater kennen sich laut Wissenschaftsjournalistin Guzek nicht oder nur unzureichend mit ADHS aus. Sie rät, vor Ort nach einer ADHS-Selbsthilfegruppe oder einem ADHS-Stammtisch zu suchen, die aus eigener Erfahrung Empfehlungen aussprechen können. Verdacht auf ADHS? – Was man tun kann Als Mutter hat Gaby Guzek erlebt, wie ihre Tochter deshalb in der Schule gemobbt und zur Außenseiterin wurde. Im Nachhinein schmerzt es sie, nicht gewusst zu haben, „wie es im Kopf meines Kindes aussieht“. Umso mehr plädiert sie heute für einen gut abgestimmten Einsatz von ADHS-Medikamenten bei Heranwachsenden. Ihr Appell: „Gebt Euren Kindern eine Chance, Ihr nehmt ihnen sonst ganz viel Lebensqualität.“ Bis dieses Wissen sich auf breiterer Basis durchgesetzt hat, setzt Guzek auf gut informierte Betroffene. Sie sollten sich auf ADHS testen lassen und eine entsprechende Behandlung einfordern. Ihr Tipp: die nächste Anlaufstelle suchen, etwa eine ADHS-Selbsthilfegruppe vor Ort. Die Menschen dort wissen am besten, welche Ärzte und Psychotherapeuten mit dem Thema vertraut sind. „Das ist schlauer, als sich die Finger wundzutelefonieren.“ Denn nicht jeder Psychiater habe auch Ahnung von ADHS, erklärt die Coachin. Wer eine Behandlung auf eigene Kosten zahlen kann, bekomme meist zeitnah einen Termin. Zudem sei ein Psychiater der einzige Arzt, der entsprechende Medikamente verschreibe.

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