Fünf Nächte, ein Familienbett: Mario Wezel fotografiert Nähe
Stand: 05.10.2026 14:03 Uhr
Der hannoversche Fotograf Mario Wezel erkundet in "Interstellar Nights" wie Vaterschaft, Abstillen und neue Familienrollen sein künstlerisches Arbeiten prägen. Dafür wurde er vielfach ausgezeichnet.
von Andrea Schwyzer
Wir blicken von oben auf ein schlafendes Baby, die Hände zu Fäusten geballt. Sein Körper leuchtet silbrig, die Umgebung bleibt schwarz. Wie ein Astronaut scheint es durch die Unendlichkeit zu fliegen. "Diese silbernen Körper, die im schwarzen Raum versinken, das hatte für mich was Assoziatives zum Weltraum", sagt Mario Wezel. Er spricht von mehreren silbernen Körpern, denn immer wieder wird das Baby von Mama oder Papa gehalten, gestreichelt und getragen.
Mutter, Vater, Kind: Wer kreist um wen?
Da gibt es zum Beispiel dieses Bild, wo Mario Wezel neben seinem Sohn schläft, den Arm vor dem Gesicht angewinkelt. Aus dem Off schiebt sich ein weiterer Arm ins Sichtfeld - der seiner Partnerin. Wie ein schützendes Dach liegt er über dem Kind, die Hände der Erwachsenen finden im Schlaf zueinander. "Wer ist Trabant, wer ist die Erde, wer ist der Mond, wer kreist um wen? Welcher Stern steht in welchem Bezug zu welchem?", fragt Wezel. "Interstellare Nächte": Die Fotoserie von Mario Wezel zeigt die sich verändernden Konstellationen zwischen Mutter, Vater und Kind - und zwar in einer ganz besonderen Phase der jungen Familie: In der Zeit des Abstillens.
Ein Rhythmus der Fürsorge
Fünf Nächte zwischen sieben und sieben. Mario Wezel hat sie mit einer Wärmebildkamera über dem Familienbett dokumentiert. Wer sich wann um den kleinen Sohn kümmert, haben er und seine Partnerin untereinander aufgeteilt. "Dadurch entstand so eine Art Bewegung, die ich vorher gar nicht antizipiert hatte. Schon fast ein Rhythmus des Aufstehens, Rumlaufens, Liegenbleibens, Hinsetzens, Hinlegens …", sagt Welzel.
Zu diesem Rhythmus gehören auch Pausen: Bilder, auf denen allein die Decke Falten wirft; wie brüchige Wellen. Je länger die Familie außerhalb des Betts unterwegs ist, desto mehr verblasst das Silber. Die Bettwäsche kühlt aus. Doch plötzlich ist er wieder da, der kleine Astronaut mit seiner festen Faust. Er will sich tendenziell in die Ecke kuscheln - oder aber aus dem Bild fliegen.
Ungeschönter Blick auf das Stillen und Abstillen
Die Fotos sind in ihrer Ästhetik nicht nur atemberaubend schön, sie zeigen eben auch das Unstete, das Prozesshafte, das mit dem Stillen bzw. Abstillen verbunden ist - eine bewusste Gegenposition zu dem Bild, das fest in unseren Köpfen verankert ist: "Die stillende Gottesmutter, Maria lactans, ein Motiv, das seit Jahrtausenden über und über gemalt wurde und auch meist von Männern gemalt wurde", sagt Mario Wezel. Ein ikonisches Bild. Schön, ruhig, sanft.
Er, seine Partnerin und auch befreundete Paare hätten das Stillen anders erlebt, erzählt Mario Wezel. Auch schön, ja, aber eben nicht nur. Die schwarz-silbernen Bilder ziehen einen soghaft in diese zerfledderten Nächte. Auch, weil die Wärmebildkamera hier auf Menschen gerichtet ist, "um daran aber ablesen zu können, wie sich eigentlich die körperliche Nähe verändert. Eigentlich viel mehr zu schauen, wie bewegen sich diese Körper zueinander. Wie sieht Fürsorge aus? Wie kann man was darstellen, was wahnsinnig intim und privat ist?", erklärt Wezel. "Da kam diese Wärmebildtechnik mit rein," sagt Wezel, "weil - wenn man uns kennt, wird man uns wiedererkennen - aber diese Anonymisierung war mir auch ganz wichtig."
Die Fotografien wirken durch diesen Kniff intim, nahbar und gleichzeitig universell. Hier erzählt ein Vater von der Beziehung zu seinem Kind und zu seiner Partnerin. Noch gibt es zu wenige künstlerische Positionen von Vätern dazu. Mario Wezels Arbeit ist also nicht nur berührend, sondern auch wichtig.