Fünfjähriger Umbau kostet 650 Millionen Euro: Neustart im Münchner BMW-Werk
tz München Stadt Milbertshofen-Am Hart Fünfjähriger Umbau kostet 650 Millionen Euro: Neustart im Münchner BMW-Werk Von: Andreas Höß Uns auf Google folgen Im Münchner Stammwerk ist die Serienproduktion des neuen i3 angelaufen. Wo früher Sechs- und Achtzylinder-Motoren gebaut wurden, montieren nun Facharbeiter Hochvoltbatterien und E-Motoren. München – Den größten Unterschied merkt man sofort: Statt eng und dunkel wie in den alten Werksteilen ist es hier hell und luftig. „Die bisherige Montage ist über Jahre gewachsen, hier ist es deutlich strukturierter und moderner“, erklärt Werksleiter Peter Weber, als er kurz vor dem Start der Serienproduktion durch die neuen Montagehallen für den BMW i3 führt. Die Förderbänder laufen schon, Stahlkarossen aus der Vorserie schweben durch die riesigen Räume, auch viele Mitarbeiter sind bereits da. Dunkle Wolken über der Autobranche? Zumindest in diesen neuen Hallen sind sie gerade nicht zu sehen. BMW startet Serienproduktion des neuen i3 in München Nach langem Anlauf startete am Donnerstag die Serienproduktion des i3 in München. Es ist kein beliebiger Serienanlauf, sondern ein Neustart, der das mehr als 100 Jahre alte Traditionswerk in die elektrische Zukunft führen soll. Fünf Jahre wurde auf einem Drittel des Geländes gebaggert und gebaut, 650 Millionen Euro hat BMW dafür investiert. Die alte Lackiererei wurde ersetzt, ein neuer Karosseriebau errichtet und der einst prestigeträchtige Motorenbau abgerissen. Stammwerk wird zum reinen Elektroauto-Standort Ab 2027, wenn die letzten Verbrenner-Serien in München auslaufen, werden im Stammwerk nur noch E-Autos gebaut. BMW setzt darauf große Hoffnung. Exakt dort, wo früher die Sechs- und Achtzylinder zusammengeschraubt wurden, stehen nun die neuen Montagehallen für die E-Modelle. In der ersten Halle bereiten Facharbeiter die Hochvoltbatterien für den Einbau vor und integrieren sie anschließend ins Auto. In der zweiten, rund 270 Meter langen Halle findet die restliche Montage und die sogenannte Hochzeit statt: der Einbau des E-Motors samt Achsen in das Fahrzeug. „Die Logistik wurde so geplant, dass die Wege der Teile von der Anlieferung bis zum Band auf ein Minimum gekürzt und zu einem großen Teil automatisiert wurden“, erklärt Werksleiter Weber. Das macht uns deutlich schneller und effizienter.“ Die E-Motoren kommen aus Steyr in Österreich, die Batterien aus der neuen Batteriefabrik in Irlbach-Straßkirchen in Niederbayern. Jeder BMW i3 muss über Gullideckel und Schienen In der dritten Halle prüfen Mitarbeiter das fertige Fahrzeug. Dort rumpelt jeder i3 über eine Fahrstrecke samt Gullideckeln und Eisenbahnschienen, um vor der Auslieferung zu klären, ob etwas klappert. Dass ausgerechnet der i3 ausgewählt wurde, um eine neue Ära in München einzuleiten, hat seine Gründe. „Mit dem vollelektrischen i3 bringen wir zusammen, was zusammengehört“, betont Raymond Wittmann, der als neuer Produktionschef nun für alle BMW-Fabriken weltweit zuständig ist. „Kaum ein Modell steht so sehr für BMW wie die 3er-Reihe – und kaum ein Produktionsstandort so sehr für die Marke wie das Werk in München.“ Seit 1975 wird der 3er in der Landeshauptstadt gefertigt, neun Millionen Stück sind hier bereits vom Band gelaufen. BMW setzt im Stammwerk auf die Neue Klasse In den neuen Hallen gibt es zwar Lücken, um bald zusätzliche Produktionsstraßen für weitere E-Modelle aufzubauen. Das Herzstück in München bleibt aber der 3er – nun eben elektrisch. Das Signal des Managements an die Belegschaft: Eine bessere Verbindung von Tradition und Moderne geht kaum. Gerade in stürmischen Zeiten, in denen viele Gewissheiten nicht mehr gelten, sind solche Botschaften wichtig. BMW war in der Autobranche lange ein Fels in der Brandung. Doch nun wird angesichts einbrechender Absätze in China auch in München der Rotstift angesetzt. 8000 Jobs will BMW abbauen, die meisten über ein Freiwilligenprogramm. Rund 50.000 Mitarbeiter in Deutschland dürften demnächst ein Abfindungsangebot auf den Tisch bekommen. Entwickler und Ingenieure könnten Angebote erhalten Betroffen wären damit auch viele der 25.000 Entwickler, Ingenieure und Softwareexperten, die im Münchner Entwicklungszentrum FIZ über Jahre an der Neuen Klasse gearbeitet haben. Viele von ihnen waren auch auf der Weltpremiere des i3 im März, die BMW mit mehr als 30.000 Mitarbeitern feierte. In der Produktion sollen dagegen keine Stellen gestrichen werden. Dort ist ohnehin schon sehr viel automatisiert. Und mit dem Produktionsstart des i3 steigt die Automatisierung im Werk weiter. 60 Prozent der Logistik erfolgen jetzt etwa mit selbstfahrenden Staplern und Transportsystemen. Auch bei der Bestückung der Produktionsroboter sind immer weniger Menschen nötig. Raymond Wittmann: Der neue Produktionschef ist waschechter Münchner Neue Ära, neuer Chef: Nachdem Milan Nedeljković im Mai vom Produktionsvorstand zum BMW-Chef aufgerückt ist, leitet nun Raymond Wittmann die über 30 Produktionsstandorte des Autobauers weltweit. Nachdem Nedeljković die BMW-Standorte für die E-Mobilität vorbereitet hat, muss Wittmann nun die Einführung von 40 neuen Modellen koordinieren. Eine seiner Hauptaufgaben wird es dabei sein, den Mix aus produzierten E-Autos und Verbrennern zu steuern und flexibel auf die kaum abschätzbare Kundennachfrage zu reagieren. Wittmann, 48 und zweifacher Familienvater ist waschechter Münchner und neben Einkaufschef Nicolai Martin (ebenfalls 48) Teil der Verjüngungsstrategie im Vorstand. Er hat in München Luft- und Raumfahrttechnik studiert und bei einer Beratungsgesellschaft gearbeitet, fährt in seiner Freizeit Gravel-Bike und kocht gerne. Zu BMW kam er 2015. Er baute unter anderem das Werk in Mexiko auf, leitete die Montage in München und arbeitete in den USA im Vertrieb. Der Produktionschef gilt als zentraler Posten. Viele seiner Vorgänger wurden später Konzernchefs. Das trage dazu bei, die Produktionskosten um weitere zehn Prozent zu senken, rechnet Werksleiter Weber vor .Im Management sieht man weiteres Einsparpotenzial. „In Zukunft wird Künstliche Intelligenz auch in der Produktion eine Schlüsselrolle spielen. Wir setzen sie heute schon an verschiedenen Stellen ein, etwa in der Qualitätsprüfung. Große Potenziale sehen wir außerdem bei der Planung und Simulation, zum Beispiel wenn wir eine Produktionslinie für ein neues Fahrzeug anpassen“, sagt Wittmann. Auch mit humanoiden Robotern in der Montage führt der Autobauer in den USA und in Leipzig erste Testläufe durch. BMW rechnet mit steilem Produktionsanlauf Bisher arbeiteten vor allem eingespielte Teams in den neuen Hallen. Ein kleiner Trupp hat testweise etwa 500 Vorserienfahrzeuge gebaut, nun kommen für die Serienfertigung immer mehr Kollegen dazu. Die allermeisten seien heiß darauf, dass die Serienfertigung endlich startet. Auch Produktionschef Wittmann geht es so: „Wir sind bestens vorbereitet“, sagt er. „Endlich zieht hier richtig Leben ein.“ Nun muss das Auto nur noch gut bei den Kunden ankommen. Die Vorbestellungen seien gut, heißt es bei BMW. Deshalb rechnet der Konzern mit einer „steilen Anlaufkurve“ bei der Produktion in München.