Für neue Freundschaften im Erwachsenenalter rät eine Psychologin dazu, andere um einen Gefallen zu bitten.
Benjamin-Franklin-Effekt
Für neue Freundschaften sollten Sie um einen Gefallen bitten
Viele Erwachsene kennen das Problem: Mit dem Alter wird es immer schwieriger, echte Freundschaften zu schließen. Die Freundschaftsforscherin Jaimie Krems empfiehlt eine Methode, die zunächst kontraintuitiv klingt – aber wissenschaftlich fundiert ist.
Freundschaft ist weit mehr als eine Frage des persönlichen Wohlbefindens. Studien zeigen: Einsamkeit und Isolation erhöhen das Demenzrisiko um die Hälfte und das Schlaganfallrisiko um etwa ein Drittel. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass Einsamkeit weltweit sogar mit 100 Todesfällen pro Stunde assoziiert ist.
„Die Einsamkeit hat epidemische Ausmaße angenommen und bringt uns um“, sagt Jaimie Krems, Leiterin des Zentrums für Freundschaftsforschung an der University of California, Los Angeles (UCLA). In einem TEDx-Talk beschreibt sie nicht nur das Ausmaß des Problems – sie liefert auch eine konkrete Lösung, die zunächst kontraintuitiv klingt: Wer neue Freunde finden will, sollte andere um einen Gefallen bitten.
Benjamin-Franklin-Effekt: Ein kleiner Gefallen stiftet Freundschaften
Das Prinzip dahinter ist als „Benjamin-Franklin-Effekt“ bekannt und geht auf den amerikanischen Gründervater zurück. Franklin beschrieb in seiner Autobiografie, wie er einen politischen Rivalen in einen Verbündeten verwandelte – indem er ihn schlicht bat, ihm ein seltenes Buch zu leihen. Das Ergebnis? Der Mann wurde freundlich und zuvorkommend.
Die moderne Psychologie liefert die Erklärung: Wer jemandem einen Gefallen tut, erlebt eine sogenannte kognitive Dissonanz. Das Gehirn kann nicht gleichzeitig jemandem helfen und ihn ablehnen, wie Krems erklärt. Indem es die helfende Person dazu bringt, den anderen sympathischer zu finden, löst das Gehirn diesen Widerspruch auf. Die Hilfsbereitschaft wird unbewusst umgedeutet in: „Ich helfe dieser Person – also muss ich sie mögen.“
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Schon kleine Gefallen zeigen Wirkung
„Ich weiß, das klingt widersprüchlich, aber es funktioniert“, sagt Krems bei ihrem Vortrag. „Wenn Sie jemanden um einen Gefallen bitten und er Ihnen hilft, zeigen die Daten, dass er Sie danach mehr mag. Nutzen Sie das aus.“
Dabei muss der Gefallen nicht groß sein. Ein paar Beispiele:
„Können Sie mir ein gutes Buch empfehlen?“ – zeigt Interesse an der Meinung des anderen.
„Ich bin neu hier – kennen Sie ein gutes Restaurant in der Nähe?“ – signalisiert Offenheit und gibt dem Gegenüber die Rolle des Experten.
„Könnten Sie mir kurz bei dieser Aufgabe helfen?“ – schafft ein gemeinsames Erlebnis.
Wer um einen Gefallen bittet, schenkt dem anderen die Möglichkeit, sich kompetent und gebraucht zu fühlen – und legt damit den Grundstein für gegenseitiges Vertrauen.
Von der Enttäuschung zur Freundschaftsforschung
Dass ausgerechnet Krems heute zu den weltweit führenden Expertinnen für Freundschaft zählt, hat eine zutiefst persönliche Vorgeschichte. Im Jahr 2008 lebte sie in einer WG in Philadelphia. Durch Zufall stieß sie auf einen 26-seitigen Chatverlauf zwischen ihrer Mitbewohnerin und ihrer besten Freundin seit 20 Jahren. Darin: nichts als Groll und Verachtung, die beiden zogen ungeniert über Krems her. Ein Tiefschlag für sie:
„Ich habe natürlich geweint. Ich war am Boden zerstört. Es war mir peinlich. Vor allem aber war ich so, so verwirrt. Wie konnten sie das nur tun?“
Aus diesem Schmerz wurde ein Forschungsantrieb. Krems analysierte mit ihrem Team fast 30.000 Fachartikel aus der Psychologie – und stellte fest: Weniger als vier Prozent beschäftigten sich überhaupt mit Freundschaft im Erwachsenenalter. Die romantische Liebe? Massiv erforscht. Freundschaft? Kaum mehr als eine Fußnote. Heute widmet Krems daher ihre gesamte Karriere der Frage, wie Freundschaften entstehen, funktionieren – und wie man sie gezielt aufbauen kann.
Zwei weitere Tipps, die sofort umsetzbar sind
Neben dem Gefallen-Trick gibt Krems zwei weitere Empfehlungen:
Sprechen Sie jemanden an: Die Angst vor Zurückweisung ist laut Krems meist unbegründet. Studien zeigen: Menschen wollen häufiger angesprochen werden, als wir denken – und mögen uns nach einem Gespräch mehr, als wir annehmen. Regelmäßige Begegnungen seien dabei die Grundvoraussetzung. Ein Laufverein, ein Malkurs oder Expat-Gemeinschaften bieten ideale Gelegenheiten, denselben Menschen wiederholt zu begegnen.
Rufen Sie jemanden an: Warten Sie nicht auf das perfekte zweistündige Zeitfenster für ein Telefonat, sondern melden Sie sich sofort bei Freunden. „Diese fünf Minuten echter Verbundenheit sind so viel wertvoller als das Gespräch, das Sie schon so lange führen wollen“, sagt Krems.
Freundschaft ist keine Nebensache
Krems’ Botschaft ist unmissverständlich: Freundschaft verdient mehr als die Reste unserer Zeit nach Arbeit, Familie und Erledigungen. Sie hilft Studierenden beim Abschluss, stärkt Gemeinschaften nach Katastrophen und ist eine tragende Säule funktionierender Demokratien. Strukturell müsse sich daher etwas ändern – denn Freunde erhalten bislang keine Steuervorteile und dürfen einem im Krankenhaus nicht automatisch Besuch erstatten. Krems bilanziert:
„Freundschaft ist keine Beziehung zweiter Klasse.“
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