Fußball: Kumpanei vergoldet – Wie Trump und Infantino den WM
Audioplayer wird geladen Anzeige Seit Dienstag herrscht großer Ärger im Weltfußball. Die Europäische Fußball-Union Uefa hat Fifa-Präsident Gianni Infantino so scharf angegriffen wie nie zuvor und auch andere Verbände dazu aufgerufen, sich gegen die Pläne des Schweizers zu stellen. Auslöser ist der Plan des Weltfußball-Verbandspräsidenten, das Geschäft der Fifa für private Investoren zu öffnen. Eine zentrale Rolle soll dabei ausgerechnet Thrive Capital spielen – die Investmentgesellschaft von Joshua Kushner, dem Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Das Unternehmen will nach Informationen von „Politico“ (gehört wie WELT/„Bild“ zum Axel Springer Global Reporters Network) vor allem internationale Staatsfonds als Kapitalgeber gewinnen. Anzeige „Damit wird eine Grenze überschritten, die die führenden Institutionen des Fußballs niemals überschreiten dürfen“, erklärte die Uefa. „Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf – erst recht nicht bei völliger Intransparenz darüber, wer finanziell profitiert. Niemand von uns besitzt den Fußball. Er gehört nicht der Fifa, und sie kann ihn nicht verkaufen.“ Infantino könnte zur Aussage verpflichtet werden Der Streit trifft Infantino zu einem heiklen Zeitpunkt. Im kommenden März stellt er sich zur Wiederwahl an der Spitze des Weltverbands. Mögliche Gegenkandidaten müssen ihre Bewerbungen bereits zwei Wochen nach den US-Zwischenwahlen vom 3. November anmelden. Anzeige Sollten die Demokraten dabei die Mehrheit im Repräsentantenhaus gewinnen, könnten sie ihre Untersuchungen zu Infantinos auffällig enger Beziehung zu Trump erheblich ausweiten. Jamie Raskin, der ranghöchste Demokrat im Justizausschuss, fordert bereits eine Liste der Geschenke an Trump, Kommunikation zu Angelegenheiten des Justizministeriums sowie Besucherlisten der Fifa-Zentrale in Miami und ihres Büros im Trump Tower. Mit einer Mehrheit könnten die Demokraten die Herausgabe solcher Unterlagen erzwingen und womöglich auch Infantino zu einer Aussage verpflichten. Lesen Sie auch „Das wäre in der Fifa-Welt das Szenario eines perfekten Sturms“, sagt eine Person, die auf höchster Ebene in den Weltfußball eingebunden ist und wegen der sensiblen internen Machtkämpfe anonym bleiben möchte. „Ich glaube, dass sie jemanden finden werden, der gegen ihn antritt – vor allem, wenn sich bei den Zwischenwahlen die Mehrheitsverhältnisse ändern und immer mehr Dinge ans Licht kommen. Aber in den kommenden vier bis fünf Monaten müsste dafür noch einiges geschehen.“ In der Folge trat Infantino regelmäßig an Trumps Seite auf. Die Fifa mietete Büroräume im Trump Tower und verlieh ihren erstmals vergebenen „Friedenspreis“ an Trump. Während der Weltmeisterschaft begann die Beziehung zwischen Infantino und Trump sich auf nahezu alle Bereiche des Turniers auszuwirken. Als Trump den Fifa-Präsidenten bat, die nach einer Roten Karte verhängte Sperre für den besten Torschützen der US-Mannschaft zu überprüfen, hörte sich Infantino dessen Beschwerden an. Später hob die Fifa die Sperre gegen Folarin Balogun auf. Während des Finales blickte Trump zudem an den neben ihm stehenden nordamerikanischen Staats- und Regierungschefs vorbei und widmete Infantino demonstrativ seine Aufmerksamkeit. Das Fifa-Modell ist an die Formel 1 angelehnt Nun steht der Fifa-Präsident offenbar davor, auch seine finanziellen Verbindungen zur Trump-Familie zu vertiefen. Der Vorschlag, Beteiligungen am WM-Geschäft zu verkaufen, würde sich maßgeblich auf Thrive Capital stützen, die von Joshua Kushner gegründete Risikokapitalgesellschaft. Am Dienstag kündigte die Fifa an, ihre kommerziellen Aktivitäten von der eigentlichen Verbandsorganisation trennen zu wollen. Das Modell ist teilweise an die Formel 1 angelehnt. Thrive Eternal, das auf langfristige Anlagen ausgerichtete Investmentvehikel von Thrive Capital, hat zugesagt, die Suche der Fifa nach Investoren finanziell abzusichern. Diese soll voraussichtlich von JP Morgan geleitet werden. „Unsere nächste Wachstumsphase braucht eine Struktur, die eigens dafür geschaffen ist – eine Struktur, in der die kommerzielle Seite des Spiels als fokussiertes, eigenständiges Unternehmen arbeitet und ihr Wert weltweit breiter und besser verteilt wird“, erklärte Infantino. Joshua Kushner investiert über Thrive Eternal. Das Unternehmen setzt darauf, dass Live-Sportveranstaltungen in einer zunehmend von Künstlicher Intelligenz geprägten Welt noch begehrter werden. Nach Angaben einer Person, die unmittelbare Kenntnis von den Überlegungen des Unternehmens hat, will Thrive Eternal seine eigene Investition ausbauen, indem es weltweit langfristig orientierte institutionelle Anleger umwirbt. Dabei soll sich das Unternehmen vor allem auf Staatsfonds stützen. Jared Kushners Investmentgesellschaft Affinity Partners ist bereits wegen der Beschaffung von Milliarden Dollar bei ausländischen Staatsfonds ins Visier des Kongresses geraten. Dazu gehören Fonds, die von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar kontrolliert werden – während Jared Kushner zugleich diplomatische Verhandlungen der USA mit diesen Regierungen führt. Die Kushner-Brüder betreiben voneinander getrennte Unternehmen. Infantino hat fast ein Jahrzehnt darauf verwendet, seine Unterstützung unter den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden zu festigen. Dafür weitete er Entwicklungshilfen aus und erhöhte die finanziellen Ausschüttungen. Nach den jüngsten Plänen, über die die „Times“ berichtete, würde jeder Verband im Rahmen der vorgeschlagenen Investitionsstruktur eine Beteiligung erhalten. Diese könnte einen Wert von rund 20 Millionen Dollar haben – und damit einen weiteren finanziellen Anreiz für die Mitglieder schaffen, den Plan zu unterstützen. „Die Weltmeisterschaft gehört nicht den Investmentfonds“ Joshua Kushners Überzeugung, dass globale Sportrechte und -wettbewerbe in einer zunehmend von KI geprägten Wirtschaft beständige Vermögenswerte seien, hat nach Angaben der mit den Überlegungen vertrauten Person die Gespräche mit Infantino mitgeprägt. Kushner kennt den Fifa-Präsidenten demnach seit Jahren. Der Vorschlag sieht vor, die Medienrechte, Sponsoringaktivitäten, das Ticketgeschäft, Hospitality-Angebote, Lizenzen und andere kommerzielle Aktivitäten der Fifa in einer neuen Tochtergesellschaft mit dem Namen Fifa Forward Enterprise zu bündeln. Die gemeinnützige Verbandsstruktur der Fifa soll dagegen unverändert bleiben. Der Weltverband will zunächst eine kommissarische Führung für Fifa Forward Enterprise benennen. Die Tochtergesellschaft soll von einem Verwaltungsrat beaufsichtigt werden. Infantinos ungewöhnliche Instagram-Botschaft Infantino hatte eine Videobotschaft aufgenommen, in der er den Vorschlag erläutert und für die neue kommerzielle Struktur wirbt. Das Video soll an die 211 nationalen Mitgliedsverbände geschickt werden, die über das Vorhaben abstimmen werden. Am Wochenende hatte Infantino einen für seine Verhältnisse ungewöhnlich konfrontativen Instagram-Beitrag mit 15 Slides veröffentlicht. Darin warf er Kritikern vor, „Hass und falsche Gerüchte zu verbreiten“, während die Fifa „die beste Show der Welt“ liefere. Infantino stößt bereits auf Widerstand bei Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Sie werfen ihm vor, durch seine Beziehung zu Trump gegen die eigenen Regeln des Fußballverbands zur politischen Neutralität verstoßen zu haben. „Die Weltmeisterschaft gehört den Verbänden, den Fans, den Sportlern und den Gemeinschaften, die den Fußball als soziales und kulturelles Erbe begreifen – nicht den Investmentfonds“, sagte Carolina Morace, eine ehemalige italienische Fußballspielerin, die heute dem Europäischen Parlament angehört: „Der Sport darf nicht nach der Logik der Finanzmärkte geführt werden. Die sportliche Leistung und nicht das Geschäft muss im Mittelpunkt des Sports stehen.“ Sophia Cai ist Global Reporterin bei Axel Springer. Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter POLITICO, Business Insider, WELT, BILD, Onet und Fakt – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: online, print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.