Fußball-WM: Nächster Elfmeter-Krimi - Marokko ringt die Niederlande nieder
Cody Gakpo erzielte die "Oranje"-Führung nach einer artistischen Vorarbeit von Crysencio Summerville in der 72. Minute. Ganz spät gelang Issa Diop noch der Ausgleich (90.+1). Im Elfmeterschießen mit drei Alu-Treffern, einem halben Torwart-Eigentor und irren Wendungen hatten die Marokkaner das bessere Ende für sich: Sie verwandelten drei Schüsse, die Niederlande nur zwei. Marokkos Kapitän Achraf Hakimi lobte die "große mentale Stärke" seines Teams. "Wir haben es geschafft. Es war nicht einfach. Ich bin im Moment wirklich müde, aber ich bin sehr stolz auf die Mannschaft", sagte der Außenverteidiger. Bei den Niederländern hingegen herrschte große Enttäuschung. "Die WM ist nach vier Spielen für uns vorbei. Das ist viel zu früh. Das tut weh. Und schon wieder nach einem Elfmeterschießen. Das ist frustrierend", sagte der niederländische Rechtsverteidiger Denzel Dumfries. Die "Elftal" war bei einer WM bereits 1998, 2014 und 2022 im Elfmeterschießen gescheitert, vor vier Jahren in Katar im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Argentinien. Verbruggen zweimal hintereinander gefordert Dabei waren die Marokkaner, die im Gruppenspiel gegen Brasilien in der ersten halben Stunde ein Fußball-Feuerwerk in höchstem Tempo gezündet hatten, zunächst weit von der Vorstellung gegen den fünfmaligen Weltmeister entfernt. Die Mannschaft von Mohamed Ouahbi zog sich weit zurück, überließ "Oranje" rund 60 Prozent Ballbesitz und blieb in der Anfangsviertelstunde ohne Torschuss. Die ersten Versuche hatten es dann aber in sich. Nach 20 Minuten köpfte Neil El Aynaoui gefährlich auf das Gehäuse der Niederländer, doch Keeper Bart Verbruggen boxte den Ball aus dem kurzen Eck. Sekunden später landete eine Bogenlampe bei Achraf Hakimi, der mit einer perfekten Schusshaltung volley den rechten Winkel anvisierte - Verbruggen parierte in Weltklasse-Manier. Das Momentum kippte nach diesen beiden Warnschüssen erstmals auf die Seite der Marokkaner, die aber auch nichts aus ihrer optischen Überlegenheit machten. Nach einer kurzen Phase mit verstärkter Aktivität in der Offensive kehrte schnell wieder das Thema Fehlervermeidung auf Rang eins der To-Do-Liste zurück. Van de Ven testet Bono, Hakimi trifft die Latte Erst in der 45. Minute bekamen die 51.000 Fans in Monterrey mal wieder einen echten Aufreger geboten: Micky van de Ven visierte aus 20 Metern per Vollspann den linken Winkel an, Marokkos Keeper Bono riss aber reflexartig die Faust hoch und lenkte den Schuss so gerade noch zur Ecke. Kurz vor dem Pausenpfiff hatte auch Marokko noch eine Doppelchance, aber erst zielte Azzedine Ounahi knapp über die Latte, dann schaffte es Ismael Saibari nicht, eine scharfe Freistoßflanke von Hakimi aus drei Metern über die Torlinie zu befördern. Sechs Minuten nach Wiederanpfiff hatte dann Hakimi in seinem 100. Länderspiel selbst die Führung auf dem Fuß. Nach einem Solo über rechts knallte er die Kugel aus spitzem Winkel an die Latte, Verbruggen konnte nur staunend hinterherschauen. Auch seine Vorderleute schauten in der Folgezeit wieder sehr viel hinterher: Nach einer Stunde hatte Marokko das Ballbesitzverhältnis tatsächlich umgedreht und lag nun selbst bei 60 Prozent. Summerville-Assist im Fallen - Gakpo trifft Das Durchkommen fiel den Marokkanern allerdings schwer, denn erstmals in diesem Turnier verteidigten die Niederländer mit einer Fünferkette. Davor hatten sie mit Ryan Gravenberch und Frenkie de Jong auch noch zwei Abräumer, die schon im Vorfeld einiges wegarbeiteten. Aus einem Blitzkonter resultierte dann die "Oranje"-Führung. Die Mannschaft von Ronald Koeman suchte mit einem langen Schlag von Verbruggen und einem Steilpass des Sekunden zuvor eingewechselten Wout Weghorst die Tiefe, Crysencio Summerville war zu schnell für die marokkanische Deckung. Als er im Laufduell zu Fall kam, stand kurz eine Notbremsensituation im Raum, doch im Fallen leitete Summerville die Kugel noch technisch hochwertig auf den mitgelaufenen Gakpo weiter - der vollstreckte eiskalt. Tragische Familiengeschichte beim Torschützen Sein Jubel fiel emotional aus. Gakpo sank sofort nach seinem Tor auf die Knie, vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte. Der Hintergrund: Zwei Tage vor dem Spiel hatten er und seine Partnerin Noa van der Bij bekannt gegeben, dass ihr gemeinsames Kind Elijah Raphael nicht das Licht der Welt erblicken wird, es war im Mutterleib verstorben. Alle Mitspieler waren sofort bei Gakpo, doch das Spiel lief noch weiter. Und auch Marokko bekam noch den Lohn für die harte Arbeit. Als bereits die Nachspielzeit angebrochen war, schlug Chemsdine Talbi eine Traumflanke. Im Zentrum brachte Diop das Kunststück fertig, die niederländische Abwehr-Ikone Virgil van Dijk zu überspringen - und den Ball unhaltbar einzuköpfen. Entscheidung im Elfmeterschießen Das Spiel ging danach in die Verlängerung, die erste Riesenchance hatte Ismael Saibari für Maroko. Der stark von Bayern München umworbene Mittelstürmer scheiterte aber aus kurzer Distanz am herausragend reagierenden Verbruggen. Die Niederländer zogen sich danach sehr tief in die eigene Hälfte zurück, verzichteten fast vollständig auf Entlastung. Sie ließen aber auch nicht mehr viel zu, sodass letztlich das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen musste. Da wurde es dann noch mal richtig wild. Nach der "Oranje"-Führung durch Teun Koopmeiners ballerte Neil El Aynaoui an die Latte. Aber auch Justin Kluivert versagten die Nerven, ehe der in der regulären Spielzeit und in der Verlängerung herausragende Verbruggen patzte: Den harmlosen Ball von Soufiane Rahimi ließ er unter dem Körper durchflutschen und beförderte ihn am Ende selbst mit der Hacke ins Tor. Wout Weghorst traf für die Niederlande, dann ging das Fahrkarten-Festival weiter: Chemsidine Talbi und sogar Kapitän Hakimi scheiterten für Marokko, genau wie Quinten Timber und Crysencio Summerville für das Koeman-Team. Dadurch hatte Saibari am Ende Matchball - und blieb cool.