G7 geben Ölreserven frei
Startseite
Wirtschaft
G7 geben 100 Millionen Barrel Öl und Kraftstoff frei – was das jetzt für deutsche Dieselpreise bedeutet
Von: Marcel Reich
Uns auf Google folgen
Diesel bleibt knapp und teuer. Nun greifen die großen Industriestaaten zu einem Instrument, das eigentlich für schwere Versorgungskrisen gedacht ist.
München – Die hohen Dieselpreise setzen Verbraucher und Unternehmen seit Monaten unter Druck. Jetzt greifen die großen Industriestaaten zu einem außergewöhnlichen Mittel: Die G7 wollen koordiniert 100 Millionen Barrel Öl und Kraftstoffe aus ihren Notfallreserven auf den Markt bringen. Ein erheblicher Teil des Diesels soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage freigegeben werden.
Für Autofahrer in Deutschland könnte das zusätzliche Entlastung bringen. Schon die Ankündigung setzte die Großhandelspreise für Diesel unter Druck. Wie stark die Maßnahme tatsächlich an deutschen Tankstellen ankommt, lässt sich allerdings noch nicht beziffern.
G7 geben 100 Millionen Barrel aus Notfallreserven frei
Die Freigabe soll sofort beginnen und sich über vier Monate erstrecken. Koordiniert wird die Aktion über die Internationale Energieagentur. Dabei wollen die G7 besonders schnell zusätzliche Dieselmengen verfügbar machen.
Noch ist nicht festgelegt, wie sich die 100 Millionen Barrel auf einzelne Länder und Produkte verteilen. Die G7 haben allerdings ausdrücklich vereinbart, einen erheblichen Teil des Diesels vorzuziehen und bereits innerhalb der ersten 20 Tage auf den Markt zu bringen.
Eine wichtige Einschränkung gibt es dabei: Noch ist unklar, wie viel von den 100 Millionen Barrel tatsächlich zusätzlich zu einer bereits im März beschlossenen Rekordfreigabe bereitgestellt wird. Damals hatten die IEA-Mitgliedstaaten zugesagt, insgesamt 400 Millionen Barrel aus ihren Notfallreserven verfügbar zu machen.
Nach Angaben von IEA-Chef Fatih Birol sind davon bislang rund 325 Millionen Barrel auf den Markt gelangt. Die G7 fordern nun ausdrücklich auch die vollständige Umsetzung der noch offenen Zusagen. Ein Teil der jetzt angekündigten 100 Millionen Barrel könnte deshalb auf Mengen entfallen, die bereits im Frühjahr zugesagt worden waren.
Warum Diesel derzeit besonders knapp ist
Der ungewöhnliche Eingriff hat vor allem mit der angespannten Versorgung mit verarbeitetem Kraftstoff zu tun. Während sich die Rohölexporte aus dem Nahen Osten teilweise erholt haben, bleibt der Markt für Diesel und Gasöl nach Einschätzung der IEA erheblich angespannter.
Die Nettoexporte von Diesel und Gasöl aus den Golfstaaten lagen im August bei lediglich rund 390.000 Barrel pro Tag. Das war nur etwas mehr als ein Viertel des Niveaus vor Beginn des Krieges. Gleichzeitig haben Angriffe auf russische Raffinerien die Produktion und die Ausfuhren dort beeinträchtigt.
Zusammengenommen lagen die Nettoexporte von Diesel und Gasöl aus Russland und den Golfstaaten im August rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag unter dem Stand vom Februar. Vor dem Krieg entfiel auf beide Regionen fast die Hälfte des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Diesels und Gasöls.
Dieselpreise reagieren bereits auf G7-Ankündigung
An den Märkten zeigte die Aussicht auf zusätzliches Angebot unmittelbar Wirkung. Europäische Diesel-Futures gaben nach Bekanntwerden der Pläne deutlich nach. Auch in den USA gingen die Preise am Terminmarkt zurück.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Diesel an deutschen Tankstellen automatisch im gleichen Umfang billiger wird. Zwischen den internationalen Großhandelspreisen und dem Preis an der Zapfsäule liegen unter anderem Transportkosten, Raffinerie- und Handelsmargen sowie Steuern und Abgaben.
Entscheidend wird zudem sein, welche Mengen tatsächlich in Europa auf den Markt gelangen. Auch die weitere Entwicklung im Nahen Osten, die Situation der russischen Raffinerien und zusätzliche Lieferungen aus anderen Regionen spielen eine Rolle.
G7 wollen auch mehr Diesel in Raffinerien produzieren
Die Reserven können die akute Knappheit lindern, lösen das grundlegende Problem aber nicht. Notfallbestände stellen kurzfristig zusätzliches Öl und bereits verarbeitete Kraftstoffe zur Verfügung, schaffen jedoch keine neuen Raffineriekapazitäten.
Deshalb haben sich die G7 zusätzlich darauf verständigt, geplante Wartungsarbeiten ihrer Raffinerien besser aufeinander abzustimmen. Gleichzeitige Ausfälle sollen möglichst vermieden werden. Wo technisch möglich, soll zudem die Auslastung der Anlagen vorübergehend erhöht werden.
Auch Länder mit großen Raffineriekapazitäten außerhalb der G7 sollen dazu bewegt werden, die Produktion von Kraftstoffen hochzufahren. Im Mittelpunkt steht dabei ausdrücklich Diesel, weil die Versorgung hier derzeit besonders angespannt ist.
Deutschland hält rund 20 Millionen Tonnen Öl und Kraftstoffe vor
Auch Deutschland verfügt über erhebliche Notfallbestände. Verantwortlich dafür ist der Erdölbevorratungsverband in Hamburg. Er hält derzeit rund 20 Millionen Tonnen Rohöl und Mineralölprodukte vor, darunter Diesel, Benzin, leichtes Heizöl und Flugturbinenkraftstoff.
Die gesetzliche Vorgabe orientiert sich an einer Menge, die den durchschnittlichen deutschen Nettoimporten von 90 Tagen entspricht. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Deutschland bei einem vollständigen Lieferstopp exakt 90 Tage lang unverändert weiterverbrauchen könnte. Die tatsächliche Reichweite hängt unter anderem vom Verbrauch und davon ab, welche Lieferungen weiterhin ins Land kommen.
Wie viel Deutschland zu der neuen G7-Aktion beitragen wird, ist bislang nicht bekannt. Für eine Freigabe von Beständen des Erdölbevorratungsverbands ist eine Verordnung des Bundeswirtschaftsministeriums nötig. Darin werden Zeitraum und Mengen für die einzelnen Produkte festgelegt. Anschließend werden die freigegebenen Bestände den Mineralölunternehmen grundsätzlich zu Marktpreisen angeboten.
Tankrabatt entlastet Autofahrer bereits um rund 17 Cent
Für Autofahrer kommt die Reservefreigabe zu einem Zeitpunkt, an dem der deutsche Staat bereits direkt in den Spritpreis eingreift. Seit dem 1. Oktober ist die Energiesteuer auf Diesel und Benzin bis Jahresende um 14,04 Cent je Liter gesenkt.
Weil dadurch zugleich weniger Mehrwertsteuer anfällt, summiert sich die rechnerische Steuerentlastung auf rund 17 Cent je Liter. Die Bundesregierung rechnet dadurch mit Steuermindereinnahmen von etwa 2,5 Milliarden Euro.
Die G7-Aktion wirkt auf einem anderen Weg. Während der Tankrabatt unmittelbar die Steuerbelastung eines Liters Kraftstoff reduziert, soll die Freigabe der Reserven das Angebot auf dem internationalen Markt erhöhen und damit die Großhandelspreise unter Druck setzen. Beide Effekte könnten sich für Autofahrer deshalb grundsätzlich ergänzen.
Wann könnte Diesel an deutschen Tankstellen billiger werden?
Wie groß eine zusätzliche Entlastung ausfällt, lässt sich derzeit nicht seriös berechnen. Entscheidend ist zunächst, wie viel Diesel tatsächlich freigegeben wird, wo diese Mengen auf den Markt kommen und wie schnell sie die europäischen Handelsplätze erreichen.
Hinzu kommt die weitere Entwicklung des Konflikts im Nahen Osten. Sollten wieder größere Mengen raffinierter Produkte aus den Golfstaaten exportiert werden können und sich gleichzeitig die Versorgung aus Russland oder anderen Regionen verbessern, könnte sich der Dieselmarkt stärker entspannen.
Bleiben wichtige Raffinerien und Handelswege dagegen beeinträchtigt, dürfte Diesel trotz der Reservefreigabe knapp bleiben. Die 100 Millionen Barrel können den Markt kurzfristig entlasten – eine dauerhafte Lösung für die weltweiten Engpässe bei Raffinerieprodukten sind sie nicht. (Quellen: Reuters, Internationale Energieagentur (IEA)) (mare)