Gas-Krise 2026: Speicher bleiben durch Hormus-Sperrung leer
Gasspeicher werden nicht aufgefüllt "Deutschland steuert auf erhebliche Risiken zu" Von Amy Walker 12.08.2026 - 14:12 UhrLesedauer: 5 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! In wenigen Wochen beginnt der Herbst – und die deutsche Gasversorgung ist nicht sicher. Was macht die Wirtschaftsministerin? Der Gasspeicherverband Ines warnt vor zu geringen Füllständen vor dem kommenden Winter. Angesichts der Sperrung der Straße von Hormus besteht die Sorge, dass die Gasversorgung insbesondere bei niedrigen Temperaturen nicht mehr vollständig gewährleistet werden könnte. "Deutschland steuert aktuell auf erhebliche Risiken in der Gasversorgung zu", sagt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), t-online. Ihm zufolge sind die nächsten Wochen für die Speicherbefüllung besonders relevant. "Wenn sich der aktuelle Einspeichertrend nicht ändert, wissen wir, dass die Marktakteure allein ökonomischen Preissignalen folgen und die technischen Notwendigkeiten weitestgehend ignorieren", ordnet er die aktuelle Situation ein. Damit verweist er auf die Tatsache, dass die Gasspeicher nur kontinuierlich in einem stetigen Fluss befüllt werden können und nicht wie bei einem Wasserhahn "aufgedreht" werden kann. Gasspeicherfüllstände historisch niedrig Mitte August sind die Speicher nur zu knapp 49 Prozent gefüllt, das liegt deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre (siehe Grafik). Um eine sichere Versorgung im Winter zu gewährleisten, wären zum Start der kalten Jahreszeit laut Heinermann über 90 Prozent üblich. "Selbst wenn die Speicher auf rund 78 Prozent vor dem Winter gefüllt werden, reichen die Reserven bei einem kalten Winter nur bis Anfang Februar", stellt er klar. 78 Prozent entsprechen der Menge, die von Speicherfirmen aktuell vorgebucht wurden. Das ist also die theoretische Füllmenge bis November – sicher ist sie aber nicht. Im Extremfall müsste die Bundesnetzagentur "behördlich über die Zuteilung knapper Mengen entscheiden, um die Versorgung von Haushaltskunden abzusichern", warnt Heinermann. Loading... Embed Das Kernproblem ist die noch immer anhaltende Sperrung der Straße von Hormus. Durch die Meerenge werden üblicherweise bis zu 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) transportiert, das meiste davon nach Asien. Bisher war Europa deshalb auch in Bezug auf Gas kaum von der Krise betroffen, das Gas kaufte es einfach woanders ein, vor allem in den USA. Zudem sinkt der Verbrauch üblicherweise in den wärmeren Monaten, auch das spielte den Europäern in die Karten. Das ändert sich jetzt, denn der Winter naht und langsam müssten die Speicherbetreiber dringend Gas einkaufen. Die LNG-Terminals sind europaweit nur zu 30 Prozent ausgelastet. Und auch wenn Europa LNG anderswo einkauft, ist das Gas wegen der Hormus-Krise teuer geworden. Kostete eine Megawattstunde (MWh) Gas am deutschen Markt im Januar noch um die 30 Euro, sind es Anfang August schon um die 60 Euro. "Die Auswirkungen der Hormus-Krise lassen sich an den Preisen am Gasgroßhandelsmarkt deutlich erkennen", erläutert Speicher-Chef Heinermann. Gasspeicherbetreiber könnten Gas vor dem Winter verkaufen Für die Gasspeicherung ist das jetzt ein Problem. Denn es lohnt sich für Speicherbetreiber nur dann, das Gas in den Sommermonaten einzuspeichern, wenn feststeht, dass sie damit im Winter einen Gewinn machen können. So haben die Speicherbetreiber über Jahre hinweg ihr Geschäft gemacht: Im Sommer günstig Gas einkaufen, im Winter teurer weiterverkaufen. Der Gasmarkt zeigt jetzt allerdings das Gegenteil an. Die 60 Euro/MWh werden am Spotmarkt, also für spontane Einkäufe, erhoben. Wer sein Gas am Terminmarkt für den Herbst und Winter verkaufen möchte, würde nach aktuellem Stand einen Verlust machen. So liegt der Preis für Gas im kommenden Winter momentan leicht unter den aktuellen Einkaufspreisen. "Richtet sich der Blick allein auf die Großhandelspreise, dann bestehen keine wirtschaftlichen Anreize, für den Winter Gas zu speichern. Im Gegenteil: Das Preisgefüge setzt Anreize, jetzt vor dem Winter Gas auszuspeichern", erklärt Ines-Chef Heinermann. "Das bedeutet im Klartext, dass aufgrund der Preise ein Anreiz besteht, Gas lieber jetzt zu verkaufen, als Versorgungssicherheit im kommenden Winter zu gewährleisten." Auch andere warnen, wie etwa Deutschlands größter Gasimporteur Uniper am Dienstag. "Diese hohen Preise sind schlecht für unsere Kunden, schlecht für die Industrie und schlecht für unseren Wohlstand", sagte Uniper-Chef Michael Lewis am Dienstag. Kurzum: Der Markt funktioniert überhaupt nicht mehr. Früher oder später wird sich der Gas-Engpass aber doch bemerkbar machen – dann dürften die Gaspreise steil ansteigen. Heinermann fordert deshalb eine zügige Reform, die die Wirtschaftlichkeit des Einspeicherns verbessert und so die Motivation der Speichernutzer auf Versorgungssicherheit ausrichtet. "Für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre es höchstproblematisch, wenn Industriekunden nicht mehr auf eine verlässliche und gleichzeitig bezahlbare Gasversorgung auch im Winter vertrauen können", unterstreicht er. Reiche hatte volle Gasspeicher bis zum Herbst versprochen Dabei geht sein Blick auch zur Bundesnetzagentur, die als zentrale Aufsichtsbehörde im Energiemarkt agiert. In den vergangenen Jahren seien nach Angaben des Ines-Chefs die Abgaben und Netzentgelte für die Speicherbetreiber immer wieder gestiegen, auch die hohen Bürokratiekosten würden den Markt belasten. Als das Gas billig aus Russland kam, lohnte sich die Einspeicherung trotzdem. Jetzt, wo die Gaspreise hoch sind, schmälern solche Kosten den Ertrag der Betreiber erheblich. Verantwortlich ist aber vor allem das Bundeswirtschaftsministerium. Ministerin Katherina Reiche (CDU) hatte im Frühjahr noch versprochen, dass die Gasspeicher bis zum nächsten Winter "gut gefüllt" sein würden – und zwar durch "normales Marktgeschehen". Damit wollte sie deutlich machen, dass die Bundesregierung nicht eingreifen und staatlich Gas einkaufen wird. Das allein reicht aber offensichtlich nicht aus. Loading... Loading... Loading... Putin könnte Europa erneut erpressen Jetzt ist zu befürchten, dass sie doch zum Markteingriff gezwungen sein könnte, so wie bereits ihr Vorgänger Robert Habeck (Grüne). Der veranlasste im Frühjahr 2022 die staatliche Beschaffung von Gas, als deutlich wurde, dass Russland die Gasabhängigkeit Deutschlands als Waffe einsetzen könnte. Auch jetzt könnte Kremlchef Wladimir Putin Europa mit Gas erpressen, denn: Zum 1. Januar 2027 soll ein Importverbot auf LNG aus Russland in Kraft treten. Angesichts der ohnehin schon knappen Verfügbarkeiten von LNG auf dem Weltmarkt könnte Putin die europaweit leeren Speicher jetzt wieder als Druckmittel nutzen. Eigentlich gelten in Deutschland auch gesetzliche Füllstandsvorgaben, die sicherstellen sollen, dass die Speicher befüllt werden. Nur haften im Zweifel nicht die Speicherbetreiber, sondern die Bundesregierung. Sie kann der Trading Hub Europe (THE), die für die Verwaltung des Gasmarktgebiets verantwortlich ist, anordnen, Gas einzukaufen und so die Speicher zu befüllen – so wie seinerzeit Habeck. Genau das will Reiche aber unbedingt vermeiden, denn: Sobald der Markt zu verstehen bekommt, dass der Staat Gas einkaufen will, steigen die Preise. Für Deutschland würde es dann sehr teuer werden. Die Gasfüllstandsvorgaben Für 2026 gelten in Deutschland verbindliche Ziele für die Speicherstände: zum 1. November müssen die Gasspeicher zu 80 Prozent, zum 1. Februar zu 30 Prozent gefüllt sein; für bestimmte Speicher gelten abweichend 45 Prozent, sodass das Gesamtziel auf rund 70 Prozent hinausläuft. Im November 2025 waren die Speicher zu 75 Prozent voll. Anfang Februar 2026 lag der Wert bei 31 Prozent und damit nur knapp über der gesetzlichen Untergrenze. Wird Reiche den Rechtsbruch zulassen? Abgesehen von einer zügigen Reform oder einem staatlichen Eingriff bleiben Reiche noch zwei Alternativen, doch keine davon ist besonders attraktiv. Entweder, sie lässt zu, dass die Füllstandsvorgaben nicht eingehalten werden – also das Gesetz von der eigenen Bundesregierung nicht eingehalten wird –, oder sie ändert ganz kurzfristig noch das Gesetz vor dem 1. November, um einen Rechtsbruch zu vermeiden. "In beiden Fällen gibt es einen großen Verlierer, die Versorgungssicherheit", bewertet Heinermann auf Nachfrage die genannten Alternativen. Zugleich hat die Ministerin im Sommer den Aufbau einer strategischen Gasreserve angekündigt, die die Versorgung im Ernstfall absichern soll. Diese Reserve wird allerdings erst 2027 aufgebaut. Zwar hält Heinermann deren Aufbau grundsätzlich auch für einen "vernünftigen Schritt". "Für den kommenden Winter kommt sie aber zu spät", sagt der Ines-Chef.