Gasheizung: Neue Regel wohl nicht umsetzbar - Haushalte tragen das Risiko
Wer heute eine neue Gasheizung einbaut, muss sie ab 2029 schrittweise mit sogenannten „grünen“ Brennstoffen betreiben. So sieht es das neue Heizungsgesetz der Bundesregierung aus Union und SPD unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor. In der Praxis dürfte dafür vor allem Biomethan infrage kommen. Genau dieses Gas ist aber knapp, schwankt stark im Preis und wird an anderer Stelle dringender gebraucht.
Gasheizung braucht immer mehr Biomethan
Eine neue Studie des Öko-Instituts im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) bewertet den Weg, die Gasheizung über eine wachsende Beimischung von Biomethan weniger klimaschädlich zu machen, „aus energiewirtschaftlicher Sicht kritisch“. Die Forschenden haben dafür Potenziale, Bedarf und Preise von Biomethan ausgewertet. Grundlage war der Referentenentwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG).
Das Gesetz ist inzwischen beschlossen und gilt seit dem 29. Juli. Die sogenannte Bio-Treppe steht in § 43 GModG. Wer nach diesem Stichtag in ein bestehendes Gebäude eine Gas- oder Ölheizung einbaut, muss ab 2029 mindestens zehn Prozent der Wärme aus Biomethan, Bioöl, biogenem Flüssiggas oder Wasserstoff erzeugen. 2030 steigt der Anteil auf 15 Prozent, 2035 auf 30 Prozent und 2040 auf 60 Prozent.
Anrechnen lassen sich auch eine Solarthermieanlage oder eine Wärmepumpen-Hybridheizung. Die frühere Vorgabe, nach der neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien laufen mussten, ist entfallen.
Bedarf übersteigt Potenzial um ein Vielfaches
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland laut UBA-Bericht rund zehn Terawattstunden (TWh) Biomethan ins Gasnetz eingespeist. Das entspricht 1,2 Prozent des Gasverbrauchs. Etwa die Hälfte davon nutzen Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme erzeugen.
Die ausgewerteten Klimaschutzszenarien kommen für 2045 bis 2050 auf einen Bedarf von 68 bis 121 TWh. Mit dem GModG ändert sich die Rechnung. Gas- und Ölheizungen würden 2044 noch rund 140 TWh fossile Brennstoffe verbrauchen, die bis 2045 ersetzt werden müssten. Der Bedarf an Biomethan steigt dadurch auf 208 bis 260 TWh.
Dem steht ein mobilisierbares Potenzial von 53 bis 65 TWh gegenüber. Der Bedarf läge damit gut drei- bis fast fünfmal so hoch wie die Menge, die sich in Deutschland nachhaltig bereitstellen ließe. Das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ) ist noch zurückhaltender. René Backes, der dort den Bereich Bioenergiesysteme leitet, hält in einem Gespräch mit dem MDR eine Steigerung auf 20 bis 30 TWh für realistisch. Auch Importe schließen die Lücke nicht. Selbst das gesamte mobilisierbare Potenzial der Europäischen Union von rund 170 TWh würde laut Studie nicht ausreichen, um den deutschen Bedarf zu decken.
Wie groß die Lücke ist, zeigt auch eine Beispielrechnung des Vermittlungsportals Aroundhome, über die futurezone.de bereits im Sommer berichtet hat. In den 150 größten deutschen Städten werden demnach rund 10,3 Millionen Wohnungen mit Gas beheizt. Schon ein Biomethan-Anteil von zehn Prozent würde für sie 209.000 bis 316.000 Hektar Silomais erfordern. Sollten alle gasbeheizten Wohnungen in Deutschland vollständig auf Biomethan umsteigen, kämen bis zu 7,55 Millionen Hektar zusammen. Das entspricht rund 21 Prozent der Fläche Deutschlands. Die Rechnung ist rein hypothetisch, verdeutlicht aber die Größenordnung des Mangels.
Topaktuell
Schwankende Preise bringen Kostenrisiko
Biomethan wird laut UBA-Bericht überwiegend außerbörslich gehandelt und neigt zu Preisspitzen. Im Jahr 2025 lagen die Preise bei 7,8 bis 11,5 Cent pro Kilowattstunde. Zwei ausgewertete Untersuchungen erwarten bis 2045 einen Anstieg um vier bis acht Cent pro Kilowattstunde. Eine weitere Studie des Öko-Instituts für Greenpeace vom März 2026 rechnet beim Heizen mit Gas mit einem Anstieg von rund elf Cent pro Kilowattstunde auf rund 15 Cent im Jahr 2029 und mehr als 25 Cent im Jahr 2040.
„Das begrenzte und wertvolle Biomethan sollte nur dort eingesetzt werden, wo es keine anderen Möglichkeiten gibt, wie etwa für Hochtemperaturprozesse in der Stahlindustrie und den Schiffsverkehr“, sagt Studienautor Moritz Vogel vom Öko-Institut in einer Mitteilung. „Die starken Preisschwankungen können zudem zur Kostenfalle werden.“
Wärmepumpe meist günstiger
Die Studie verweist auch auf Kostenvergleiche. Nach Berechnungen des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) aus dem Jahr 2024 sei eine Luft-Wasser-Wärmepumpe 23 Prozent günstiger als eine Gasheizung, die zu 65 Prozent mit Biomethan läuft. Wärmenetz, Biomassekessel und Wärmepumpen-Hybridheizung liegen 10 bis 20 Prozent darunter.
Eine Untersuchung von Prognos für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), den World Wildlife Fund (WWF) und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kam 2023 zu dem Ergebnis, dass eine Gasheizung mit Biomethan für Mieter*innen doppelt so teuer ist wie eine Luft-Wärmepumpe mit Photovoltaik. Eigentümer*innen müssten demnach mit Energiekosten von mehr als 3.000 Euro im Jahr 2030 und mehr als 4.000 Euro im Jahr 2035 rechnen.
Auf dem Markt verschiebt sich das Verhältnis bereits. Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) zählte im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 352.000 verkaufte Wärmeerzeuger, davon 194.500 Wärmepumpen und 134.000 gasbasierte Geräte. Die Gasheizung macht damit noch immer gut jede dritte neue Heizung aus.
Gasnetze könnten zum Problem werden
Ein weiteres Risiko betrifft die Infrastruktur. Das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM) hat im Auftrag des Umweltinstituts München und der Initiative GasWende ein reales Gasverteilnetz mit rund 30.000 Haushalten durchgerechnet. Je mehr Haushalte auf Wärmepumpen oder Wärmenetze umsteigen, desto weniger Kund*innen tragen die weitgehend fixen Netzkosten. Netzentgelte und Gaspreise steigen dadurch für die verbliebenen Nutzer*innen.
Die Autor*innen sehen Netzbetreiber spätestens ab 2045 nicht mehr in der Lage, ihre Netze kostendeckend zu betreiben. Bio-Treppe und Grüngasquote könnten das nicht verhindern, weil Biomethan knapp und teuer sei.
Da Gasheizungen in der Regel rund 25 Jahre laufen, droht laut Studie auch neu eingebauten Anlagen eine Fehlinvestition. Die Auftraggeber sind Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen, die Berechnung beruht auf einem einzelnen Beispielnetz.
Grüngasquote erhöht die Nachfrage zusätzlich
Neben der Bio-Treppe für neue Anlagen plant die Bundesregierung eine Quote für den Bestand. § 42a GModG verpflichtet sie, bis zum 1. Dezember 2026 ein Gesetz vorzulegen, nach dem Gas, Öl und Flüssiggas für Gebäude ab 2045 vollständig klimaneutral sein müssen.
Die Eckpunkte, die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegt hat, sehen einen Start mit einem Prozent im Jahr 2028 vor, danach 5 Prozent 2030, 20 Prozent 2035 und 50 Prozent 2040. Ab 2045 sollen es 100 Prozent sein. Verpflichtet sind die Lieferanten von Gas, Heizöl und Flüssiggas, nicht die Heizungsbesitzer*innen. Steigende Beschaffungskosten können aber an die Haushalte weitergegeben werden. Die Quote soll nur für private Haushalte gelten, erfasst deren Versorgung aber insgesamt und damit auch bestehende Anlagen. Industrie und Gewerbe bleiben außen vor.
Lieferanten sollen Quotenmengen untereinander handeln und Über- oder Unterschreitungen ins Folgejahr übertragen können. Auf die Bio-Treppe soll sich die Grüngasquote anrechnen lassen. Wie das geschieht, ist offen. Zugelassen werden sollen neben Biomethan auch erneuerbare flüssige Brennstoffe sowie grüner und kohlenstoffarmer Wasserstoff.
Wie groß die zusätzliche Nachfrage wäre, zeigt eine Überschlagsrechnung der IWR. Private Haushalte bezogen 2024 laut BDEW 252,7 TWh Erdgas. Eine Quote von 20 Prozent entspräche rechnerisch rund 51 TWh. Eingespeist wurden 2024 laut Bundesnetzagentur 10,45 TWh Biomethan. Wie viel 2035 tatsächlich benötigt wird, hängt vom künftigen Verbrauch, den zugelassenen Brennstoffen und den Anrechnungsregeln ab.
Bio-Treppe und Grüngasquote greifen damit auf dieselben knappen Mengen zu. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) warnt, dass Industrie, Verkehr und Stromerzeugung um dieselben Mengen konkurrieren, und fordert eine Biomethanstrategie. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) kritisiert, dass wegen der zugelassenen kohlenstoffarmen Brennstoffe selbst eine Quote von 100 Prozent nicht zwangsläufig klimaneutral wäre. Das Ministerium hält einen langsameren Anstieg für möglich. „Bei Bedarf kann der Anstieg der Quote zeitlich verschoben werden, wenn Marktentwicklungen dies erforderlich machen“, zitiert pv magazine aus dem Papier. Das Ziel für 2045 soll bestehen bleiben.
Was die Studie empfiehlt
Die Autor*innen empfehlen, Biomethan vorrangig dort einzusetzen, wo es kaum Alternativen gibt, etwa für industrielle Hochtemperaturprozesse und in der Schifffahrt. Für Gebäude stehen mit Wärmepumpen und Wärmenetzen dagegen ausgereifte Techniken bereit. Selbst der Fachverband Biogas erklärte gegenüber Tagesspiegel Background: „Startmengen einer wachsenden Biomethannachfrage durch das Gebäudemodernisierungsgesetz könnten national zwar bereitgestellt werden, der langfristig steigende Bedarf jedoch nicht.“
Wer jetzt eine neue Gasheizung einbaut, bindet sich damit für Jahrzehnte an einen Brennstoff, dessen Preis und Verfügbarkeit von der Konkurrenz mit Industrie und Verkehr abhängen.
Quellen: „Nachhaltiges Biomethan: Potenziale, Einsatz und Alternativen“ (UBA, 2026); Gesetze im Internet; Mitteldeutscher Rundfunk; „Weniger Klimaschutz, höhere Kosten, größere Unsicherheit: Bewertung der Eckpunkte zum neuen Gebäudemodernisierungsgesetz“ (Öko-Institut, 2026); „H2-ready: Die Kostenfalle im Gebäude“ (BUND/WWF/DUH, 2023); Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie e.V.; Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung; Tagesspiegel Background