Gaspreise könnten sich in den nächsten Monaten fast halbieren
Eine Schlüsselrolle spielt dabei Katar. Das Emirat will seine Stellung als einer der weltweit größten LNG-Anbieter zurückerobern und setzt dabei auf ungewöhnliche Methoden. Bereits im September gelang es dem 29 Jahre alten LNG-Tanker Al Rayyan erstmals, die Straße von Hormus zu durchqueren, wie Bloomberg berichtet. Vor der Küste Omans wurde die Ladung auf ein moderneres Schiff umgeladen, das das Gas anschließend nach China transportierte. Der ältere Tanker kehrte zurück, um weitere Ladungen aufzunehmen. Weitere Schiffe folgten.
Katar versucht damit, seine durch den Krieg stark eingeschränkten Exporte schrittweise wiederherzustellen. Gleichzeitig verhandelt der Staatskonzern QatarEnergy über langfristige LNG-Lieferverträge mit amerikanischen Produzenten, um das eigene Handelsgeschäft auszubauen. Eine Rückkehr zu den früheren Exportmengen ist zwar noch nicht absehbar, aber Engpässe sind vorerst auch nicht in Sicht. Durch Angriffe wurden rund 17 Prozent der katarischen Exportkapazitäten beschädigt. Die Wiederherstellung könnte eine Weile dauern.
Auch außerhalb Katars wächst das Angebot. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) sollen neue LNG-Projekte in Nordamerika, Afrika und Australien 2026 knapp 50 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Gas liefern. Bestehende Anlagen könnten um weitere mehr als 10 Milliarden Kubikmeter hochgefahren werden. Damit ließen sich die Ausfälle am Persischen Golf zumindest teilweise kompensieren. Schon zwischen März und Juni stieg die LNG-Produktion außerhalb der Golfregion um rund 18 Prozent. Etwa drei Viertel der Lieferausfälle wurden dadurch ausgeglichen. Neue Exportanlagen, insbesondere in den USA, könnten die Versorgung in den kommenden Jahren weiter verbessern.
Eine zweite Entwicklung könnte den Preisauftrieb bremsen: Weltweit wird weniger Gas verbraucht als erwartet. Die IEA rechnet für 2026 mit einem Rückgang der globalen Gasnachfrage um rund 0,5 Prozent beziehungsweise 20 Milliarden Kubikmeter. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in China. Zwischen März und Juni gingen dort die LNG-Importe um zwölf Prozent zurück. Hohe Preise veranlassen Industriebetriebe, ihre Produktion zu drosseln, während einige Länder bei der Stromerzeugung verstärkt auf andere Energieträger ausweichen. Auch in Europa dürfte der Gasverbrauch nach Einschätzung der IEA in diesem Jahr um mehr als zwei Prozent sinken. Die schwächere Nachfrage aus Asien könnte zusätzliche LNG-Ladungen für europäische Käufer verfügbar machen und den Preisdruck reduzieren.
Hinzu kommt das Wetter. Sollte sich das Klimaphänomen El Niño weiterentwickeln, könnten sich die Chancen auf einen vergleichsweise milden Winter in Teilen der nördlichen Hemisphäre erhöhen. Das würde den Gasverbrauch für Heizzwecke verringern, die Entnahme aus europäischen Speichern begrenzen und den Bedarf an zusätzlichen LNG-Lieferungen reduzieren. Das käme vor allem Deutschland sehr gelegen, da die Speicherstände hier so niedrig sind wie seit Jahren nicht mehr. Sie liegen aktuell bei 60 Prozent, verglichen mit 97 Prozent vor zwei Jahren um diese Zeit und knapp 95 Prozent im Krisenjahr 2022 nach dem Beginn des Ukraine-Krieges.
Sollten die Großhandelspreise tatsächlich deutlich sinken, wäre das eine erhebliche Entlastung für energieintensive deutsche Unternehmen. Zu den potenziellen Profiteuren zählt BASF. Der Chemiekonzern benötigt Erdgas sowohl als Energieträger als auch als Rohstoff für die Herstellung von Grundchemikalien. Besonders am Standort Ludwigshafen spielen die Kosten für Gas, Strom und Prozessdampf eine entscheidende Rolle. Auch Thyssenkrupp könnte profitieren. Die Stahlproduktion ist energieintensiv, wobei insbesondere die Energieversorgung der Industrieanlagen und der Einsatz von Gas in verschiedenen Produktionsprozessen relevant sind. Ähnliches gilt für den Chemiekonzern Covestro, der Erdgas unter anderem zur Bereitstellung von Energie benötigt.
Banken rechnen mit sinkenden Gaspreisen
Einige Großbanken halten einen deutlichen Rückgang der europäischen Gaspreise für möglich. Die niederländische Rabobank prognostiziert für 2027 einen durchschnittlichen TTF-Preis von rund 45 Euro je Megawattstunde, nahezu eine Halbierung gegenüber dem aktuellen Niveau. Goldman Sachs erwartet bereits für das vierte Quartal 2026 einen Durchschnittspreis von 70 Euro. Sollten die LNG-Lieferungen aus dem Persischen Golf schneller wieder anlaufen, wären nach Einschätzung der US-Bank sogar Preise um 50 Euro möglich. Auch Morgan Stanley hat ein solches Szenario durchgerechnet: Bei einer raschen Erholung der katarischen Exporte und einem milden Winter könnte der Gaspreis auf 50 Euro fallen. Allerdings zeigt die Gegenrechnung, wie groß die Unsicherheit bleibt. Bei anhaltenden Lieferausfällen und kalter Witterung hält Morgan Stanley auch 130 Euro je Megawattstunde für möglich.
Für einen deutlichen Preisrückgang müssten mehrere Faktoren zusammenspielen: eine weitere Normalisierung der LNG-Exporte aus Katar, zusätzliche Lieferungen anderer Produzenten, eine schwache asiatische Nachfrage und ein möglichst milder Winter. Dem stehen erhebliche Risiken gegenüber. Neben den niedrigen europäischen Speicherständen sorgt der Konflikt im Nahen Osten weiterhin für Unsicherheit. Zudem läuft die EU ab 2027 auf ein vollständiges Verbot russischer LNG-Importe zu.
Eine schnelle Halbierung der Gaspreise ist derzeit eher ein optimistisches Szenario als die wahrscheinlichste Entwicklung. Doch die Voraussetzungen für sinkende Preise könnten sich bereits in diesem Winter verbessern und damit deutlich schneller als derzeit angenommen wird. Mit dem weiteren Ausbau der weltweiten LNG-Kapazitäten könnte sich die Lage spätestens aber ab 2027 und 2028 nachhaltig entspannen. Für Europas Verbraucher und Unternehmen wäre das eine dringend benötigte Entlastung.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion