Gasspeicher-Füllstände: Hitze bremst das Befüllen, INES warnt
Gasspeicher in Deutschland 47-Prozent-Marke macht Experten nervös Von Jennifer Buchholz 03.08.2026 - 15:11 UhrLesedauer: 6 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Historisch niedrige Füllstände, steigende Gaspreise und eine Hitzewelle in Europa: Die Versorgungslage für den kommenden Winter gibt Experten Anlass zur Sorge. Aktuell sind die deutschen Gasspeicher nur zu rund 47 Prozent gefüllt. In gut drei Monaten, bis zum 1. November, müssten sie nach der Gasspeicherfüllstandsverordnung eigentlich insgesamt bei 80 Prozent liegen. Zum Vergleich: Genau vor einem Jahr lag der Gesamtfüllstand bei 62,1 Prozent. Doch seit Wochen steigen die Füllstände nur gering. Die Einspeicherung liegt bei gerade einmal 0,1 Prozent pro Tag. Bleibt das so, rückt die Mindestfüllmenge in weite Ferne. Mehrere Fachleute warnen deshalb, dass es im kommenden Winter eng werden könnte. Hinzu kommt, dass Deutschland im vergangenen Winter nur knapp an einer echten Gasmangellage vorbeigeschrammt ist – diese Erfahrung prägt die aktuelle Debatte und verschärft den Anspruch, die Speicher deutlich robuster zu füllen und zusätzlich Vorsorge zu treffen. Die Gasfüllstandsvorgaben Für 2026 gelten in Deutschland verbindliche Ziele für die Speicherstände: zum 1. November müssen die Gasspeicher zu 80 Prozent, zum 1. Februar zu 30 Prozent gefüllt sein; für bestimmte Speicher gelten abweichend 45 Prozent, sodass das Gesamtziel auf rund 70 Prozent hinausläuft. Im November 2025 waren die Speicher zu 75 Prozent gefüllt. Anfang Februar 2026 waren sie bei 31 Prozent und damit nur knapp über der gesetzlichen Untergrenze. Problem 1 Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich der Gasmarkt und somit die Gasversorgung in Deutschland verändert. Früher bezogen Deutschland und andere Länder Europas einen großen Teil des benötigten Gases relativ günstig und zuverlässig aus Russland. Diese Quelle kommt seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine für Europa nicht mehr infrage. Dementsprechend muss die europäische Gasversorgung über andere Lieferanten, LNG-Importe und Speicher sichergestellt werden. Hinzu kommen die Lehren aus der Gaskrise 2022/23. Damals wurden als Schutzmechanismus gesetzliche Mindestfüllstände für die europäischen Speicher eingeführt. Sie sollen gewährleisten, dass vor Beginn der Heizsaison ein bestimmter Vorrat vorhanden ist, damit es nicht zu einer Gasmangellage kommt. Das bedeutet, dass nicht mehr genügend Gas zur Verfügung steht, um alle Anschlüsse gleichzeitig zu versorgen. Dann greift der sogenannte Notfallplan Gas der Bundesnetzagentur. Notfallplan Gas Der Notfallplan Gas sieht dafür drei Stufen vor: In der Frühwarn- und der Alarmstufe beobachtet die Bundesregierung den Markt und versucht, über Einsparappelle und Anreize gegenzusteuern. Erst in der dritten Stufe, der Notfallstufe, greift der Staat direkt ein, priorisiert die Versorgung und legt fest, wer noch Gas bekommt – geschützte Kunden wie Haushalte, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen haben dann Vorrang, Industrie und größere Betriebe müssten als Erste mit Einschränkungen rechnen. Bisher haben der Schutzmechanismus und die gesetzlichen Mindestfüllmengen dazu beigetragen, dass es zu keinem Gasnotstand im Winter kam. Doch inzwischen haben die Vorgaben einen negativen Effekt auf den Gasmarkt. Das zeigt eine vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie der Beratungsgesellschaft Frontier Economics. In der Regel sinken im Sommer die Gaspreise auf dem Großmarkt, da die Nachfrage geringer ist. Das ist für die Speicherbetreiber die Gelegenheit, günstig einzuspeichern, um das Gas im Winter gewinnbringend auszuspeisen (Sommer-Winter-Spread). Durch die gesetzlichen Vorgaben weiß jedoch nun jeder Marktteilnehmer, dass die Nachfrage zur Einspeicherung eine gewisse Untergrenze nicht unterschreiten darf. Bis zum Winter müssen die Speicher auf etwa 70 bis 80 Prozent kommen. Das heißt, dass der Gaspreis im Sommer nicht mehr so weit sinkt, wie es für eine wirtschaftlich attraktive Speicherbefüllung nötig wäre. Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES), sagt im Gespräch mit t-online: "Den Marktakteuren kann es ja auch egal sein, sie wissen: Irgendwann muss einer das Gas kaufen. Ob das ein Unternehmen ist oder am Ende der Staat einspringt, spielt für Gasverkäufer im Prinzip keine Rolle." Für Speicherbetreiber bedeutet das, dass sie aufgrund des politischen Drucks Gas zu hohen Preisen kaufen müssen, um die Füllstände zu erreichen. An dieser Stelle soll die von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) geplante Erdgasreserve greifen. Sie soll als separates Notfallinstrument bereitstehen, das im Falle von außergewöhnlichen Störungen, beispielsweise unerwarteten Importausfällen, die Versorgung für eine begrenzte Zeit stabilisiert. Dabei soll sie die Preisbildung im Sommer-Winter-Geschäft nicht verzerren. Problem 2 Hinzu kommt nun noch die allgemein angespannte Lage auf den internationalen Energiemärkten. Der Konflikt im Nahen Osten hat die Risiken zuletzt deutlich erhöht. Der Iran greift seit Ende Februar immer wieder Ziele in den Golfstaaten mit Raketen und Drohnen an, als Reaktion auf US-Angriffe. Neben Militärstützpunkten gerieten dabei vereinzelt auch Energieanlagen ins Visier, etwa die LNG-Infrastruktur in Katar oder Ölanlagen in Kuwait. Und das wiederum treibt die Preise sowohl für Öl als auch für Gas in die Höhe. Problem 3 Ein weiteres Hemmnis bei der Gasspeicherbefüllung ist die Hitzewelle in Europa. Durch die hohen Temperaturen und den ausbleibenden ausgiebigen Regen sinken die Pegelstände der Flüsse. Die Folge: Wasserkraftanlagen als Stromlieferant stehen nicht zur Verfügung – besonders in Österreich und Serbien ein Problem. In Frankreich, Ungarn und Rumänien müssen aufgrund der niedrigen Pegelstände Atomkraftwerke (AKW) heruntergefahren oder gar abgeschaltet werden. Der Grund: Für die Kühlung der Reaktoren wird Wasser benötigt. Fehlt es, müssen AKW abgeschaltet werden. Das ist aktuell in Ungarn der Fall. Die abgeschalteten AKW sind ein Problem sowohl für die jeweiligen Staaten, in denen sie stehen, als auch für die Nachbarländer. Besonders deutlich wird das bei den französischen AKW: Frankreich zählt zu den größten Stromexporteuren in Europa. Italien importiert fast ein Drittel (bis zu 32 Prozent), Deutschland und die Benelux-Staaten je nach Netzauslastung zwischen 18 und 27 Prozent. Zwar gibt es in Deutschland zahlreiche Erneuerbare-Energie-Anlagen (EE-Anlagen). Doch auch hierzulande sind die Wasserpegel gering – Wasserkraftanlagen stehen still. Windräder drehen sich aufgrund des geringen Winds kaum. Zwei wichtige Stromerzeugungsquellen, die also auch in Deutschland wegfallen. Fallen Atomkraftwerke und EE-Anlagen als Stromlieferanten weg, müssen Gaskraftwerke einspringen. Für die Gaseinspeisung ist das ein Hemmnis. Denn Erdgas, das eigentlich eingespeichert werden sollte, wird nun für die Stromproduktion verbraucht. Wie groß die Auswirkungen durch die weggefallenen AKW sind, ist nicht genau bekannt. Es sind jedoch Effekte erkennbar. Loading... Loading... Loading... Risiko für die Versorgungssicherheit steigt Die INES schätzt die aktuelle Lage als sehr kritisch ein. Die Speicher seien für diese Jahreszeit nicht nur außergewöhnlich niedrig, sondern "historisch niedrig" befüllt, warnt Heinermann auf Nachfrage von t-online. "Nach den INES vorliegenden Daten ist dies der niedrigste Füllstand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen." Werde sich der Einspeichertrend der vergangenen drei Wochen unverändert fortsetzen, können die aktuellen Füllstandsvorgaben der Bundesregierung nicht erreicht werden, gibt der INES-Experte weiter zu bedenken. "Hierfür müssten die Einspeicherungen deutlich zunehmen." Einen Hoffnungsschimmer sieht er jedoch: Technisch ist die Erreichung der Füllstandsvorgaben derzeit noch möglich. Ähnlich sah auch das Ergebnis des Juli-Updates vom 7. Juli 2026 der INES aus. Damals hielt es die Initiative für "technisch möglich", die Speicher bis zum 1. November auf den gebuchten Stand von 76 Prozent zu bringen. Ob dieses Niveau tatsächlich erreicht wird, hängt aber von mehreren Faktoren ab. Ein zentraler Punkt sind die Gaspreise. Sie machen es für viele Marktakteure unattraktiv, Gas jetzt einzukaufen und einzuspeichern. Heinermann schlägt vor, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Gasspeicherung in Deutschland verbessert werden. Das könnte zu einer stärkeren marktwirtschaftlichen Buchung und Befüllung der Speicher vor Beginn des Winters führen. "Denkbar wären beispielsweise eine Absenkung der Netzentgelte an Speichern oder die Abschaffung der Konvertierungsumlage. Werden die mit der Gasspeicherung in Deutschland verbundenen Kosten reduziert, verbessert dies die Anreize für marktwirtschaftliche Einspeicherungen." Info Die Bundesnetzagentur (BNetzA) orientiert sich an den offiziellen Füllstandsdaten der europäischen Plattform AGSI und an den gesetzlichen Füllstandsvorgaben (80 Prozent zum 1. Oktober, 90 Prozent zum 1. November). Die INES spricht von einem gebuchten Stand von 76 Prozent. Das ist die Menge, für die Kapazitäten reserviert wurden. Die Bundesnetzagentur sieht weiterhin kein Problem bei der Gasversorgung für Deutschland im Winter. Das Land verfüge über unterschiedliche Importmöglichkeiten. Gasmengen können über Pipelines (insbesondere aus Norwegen) sowie über LNG-Terminals importiert werden. Dadurch könne eine Gasknappheit verhindert und die Gasversorgung gesichert werden, so die BNetzA. Sollten die Gasspeicher nicht rechtzeitig und ausreichend befüllt werden, "steigt das Risiko für die Versorgungssicherheit im kommenden Winter erheblich", erklärt INES-Geschäftsführer Heinermann. Konkret bedeutet das: bei einem außergewöhnlich kalten Winter, wie etwa 2010, reicht das in den Gasspeichern vorhandene Gas nicht aus, um die Versorgung aller Gasverbraucher vollständig sicherzustellen. Dann würde der oben bereits erwähnte Notfallplan Gas greifen. Kommt es zu einem milden oder normalen Winter, reicht der Gasspeicherfüllstand von 80 Prozent hingegen aus. Staatliche Gasreserve könnte helfen Die Bundesregierung ist sich der Lage durchaus bewusst. Sie arbeitet parallel zu den Füllstandsvorgaben an einem zusätzlichen Sicherheitsnetz: einer staatlichen Erdgasreserve. Sie soll als Krisenpuffer dienen und die Versorgung in Ausnahmesituationen ergänzend absichern. Sie soll rund 24 Terawattstunden (TWh) umfassen. Das entspricht etwa zehn Prozent der gesamten deutschen Speicherkapazität. Die Menge soll im Verlauf von zwei bis drei Jahren beschafft werden. Die erstmalige Einspeicherung erfolgt dann ab Sommer 2027, um den Gasmarkt nicht zusätzlich zu belasten. Was mit der staatlichen Reserve passiert, soll im Ernstfall die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler entscheiden. Ein Ernstfall tritt beispielsweise ein, wenn der wichtigste norwegische Anlandepunkte Dornum für 30 Tage ausfällt oder LNG-Importe für 40 Tage gestoppt werden. Ebenso könnte die Reserve genutzt werden, um in einem Extremwinter die Versorgung von Haushalten und Gewerbe für etwa zehn Tage zu stützen und damit harte Abschaltungen in der Industrie zu vermeiden. Die staatliche Gasreserve soll über die Gasverbraucher finanziert werden. Für private Haushalte liegt die mögliche Belastung für eine Gasheizung im Einfamilienhaus bei wenigen Euro Mehrkosten im Jahr. Aber auch Extrakosten für den Aufbau der Reserve wären möglich. Sie könnten um die 40 Euro liegen.