Gasspeicher in Deutschland: Ministerium sieht trotz niedriger Gasvorräte keinen Handlungsbedarf
Das Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) sieht derzeit trotz der niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher keinen Anlass, aktiv zu werden. Die Füllung der deutschen Speicher, die aktuell rund zur Hälfte ausgelastet sind, sei »sehr gering«, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. »Wir beobachten die Lage genau, auch im geopolitischen Kontext, und fordern die Händler auf einzuspeichern.« Die wegen des Irankriegs blockierte Straße von Hormus erschwert den internationalen Transport von Gas und Öl, was die Preise in die Höhe treibt. Für Händler, die normalerweise im Sommer Gas kaufen, um es in der Heizperiode im Winter zu verkaufen, ist der Einkauf deshalb derzeit wenig attraktiv. Der Preis für europäisches Erdgas stieg zuletzt auf das höchste Niveau seit der Anfangsphase des Irankriegs. Der richtungsweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam zu 64,60 Euro je Megawattstunde (MWh) gehandelt. Das ist der höchste Stand seit Mitte März. Ministerium und Netzagentur appellieren an Händler Netzagentur-Chef Klaus Müller nimmt ebenfalls die Händler in die Pflicht. »Es ist ausreichend Gas verfügbar. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Gashändler seinen Kunden erklären möchte, dass es im Winter nicht genug Gas gibt, weil er nicht ausreichend vorgesorgt hat«, sagte er dem Nachrichtenportal t-online. »Ich erwarte, dass die Gashändler ihrer Verantwortung nachkommen.« Auf die Frage, ob die Gasversorgung für den Winter gesichert sei, äußerte sich eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums nicht klar, sondern appellierte an die Verantwortung der Händler. Das Haus von Ministerin Reiche argumentiert, dass Deutschland inzwischen Gas aus mehreren Quellen beziehe. »Fast die Hälfte unseres Gasbedarfs kommt aus Norwegen. Dazu bekommen wir Pipeline-Gas aus Frankreich und aus Belgien.« Dazu werde über die deutschen Terminals Flüssiggas (LNG) importiert, das zu einem Großteil aus den USA stammt. Reiche führe politische Gespräche, um Gaslieferverträge mit weiteren potenziellen Lieferanten den Weg zu bereiten. Das Ministerium verwies jedoch auch darauf, dass das Ministerium selbst kein Gas einkaufe. »Wir machen ja keine Verträge, das machen ja die Unternehmen«, sagte die Sprecherin. Man sei jedoch jederzeit in der Lage zu reagieren. »Oberste Priorität ist, die Versorgungssicherheit für den Winter zu gewährleisten.« Künftig soll eine strategische Gasreserve die Versorgung sichern. Die Finanzierung ist aber noch unklar. Deutsche Reserven unter europäischem Niveau Die deutschen ebenso wie die europäischen Gas-Füllstände liegen aktuell deutlich unter dem Niveau des Vorjahres. Laut jüngsten Daten des europäischen Verbands der Gasinfrastrukturbetreiber (GIE) lag der Füllstand am 17. August bei 61,37 Prozent. Vor einem Jahr waren es knapp 74 Prozent. Die deutschen Gasreserven sind deutlich geringer: Hier meldete der GIE für den 17. August einen Füllstand der Speicher von 50,06 Prozent, nachdem sie vor einem Jahr zu knapp 67 Prozent gefüllt waren. Der Branchenverband Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas schrieb dazu in einer Pressemitteilung, dass die gesetzliche Einspeichervorgabe zum 1. November 2026 kaum noch zu erreichen sei, »selbst bei einer Einspeicherung von bis zu 1,2 TWh pro Tag – dem höchsten Wert, der im Markt je beobachtet wurde«. Aktuell liegen die Einspeicherungen deutlich niedriger. »Poker mit der sicheren Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung« Die Linksfraktion machte Reiche schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit den Vorräten. Der energiepolitische Sprecher Jörg Cezanne sagte der Rheinischen Post: »Es ist kaum zu fassen, dass sich Katherina Reiche selbst dann nicht von ihrer Marktgläubigkeit lossagt, wenn doch die internationalen Gasmärkte durch die Kriege Russlands und der USA vollkommen durcheinandergeraten sind. In einer derart unsicheren Weltmarktsituation auf einen milden Winter oder auf funktionierende LNG-Märkte zu bauen, damit die halb leeren Speicher ausreichen, ist ein Poker mit der sicheren Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung.«