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Geburtenlücke in Ostdeutschland: Die fehlende Generation

Wissenschaft

Geburtenzahlen

Die fehlende Generation: Ostdeutschlands Geburtenlücke

Stand: 06.07.2026 16:11 Uhr

Mit 1,32 Kindern je Frau war die Geburtenrate 2025 in Deutschland so niedrig wie seit 1997 nicht, und ganz hinten steht Sachsen mit 1,16 Kindern je Frau. Der Reflex sagt: typisch Osten. Doch die ostdeutsche Kurve ist eine Achterbahn – nach der Wende steil bergab, später leicht über den West-Werten, nun wieder Schlusslicht. Dahinter stecken ein demografisches Echo, abgewanderte Frauen und "ergraute" Landkreise. Und ein Zusammensetzungseffekt, der zeigt: Ein großer Teil des heutigen "Rückstandes" ist gar kein ostdeutsches Verhalten, sondern Statistik.

von Robert Rönsch

Es ist eine dieser Zahlen, die sofort ein Bild auslösen. Das Statistische Bundesamt hat für 2025 die Geburtenziffern gemeldet – bundesweit nur noch 1,32 Kinder je Frau, der niedrigste Wert seit 1997 – und Sachsen steht ganz unten, mit 1,16. Niedriger war die Rate dort zuletzt 1998. Ein typischer schneller Reflex wäre: Ah ja, der Osten, kinderarm, wie gehabt.

Doch dieser Reflex verwechselt gleich zwei Dinge. Wie viele Kinder eine Frau im Schnitt bekommt – die Geburtenziffer – ist etwas anderes als die Zahl der Kinder, die in einer Region überhaupt zur Welt kommen. Das eine sagt etwas über Verhalten, das andere hängt vor allem davon ab, wie viele mögliche Mütter es gibt. Im Osten sind beide Kurven gefallen, aber aus ganz verschiedenen Gründen.

Die Achterbahn der Kinderzahl

Bleiben wir zunächst bei der Geburtenziffer, den Kindern je Frau. Sie folgt im Osten keiner flachen Linie, sondern der dramatischsten demografischen Kurve, die Deutschland zu bieten hat. In den 1980er-Jahren (noch DDR) lag sie klar über dem Westen, nach 1990 stürzte sie beinahe senkrecht ab, kletterte dann wieder hinauf, schob sich über den Westen – und fiel zuletzt erneut zurück.

Wichtig ist, was diese Kurve misst: die Intensität des Kinderkriegens pro Frau, nicht die schiere Zahl der Geburten. Genau deshalb kann sie im Osten zeitweise über dem Westen liegen, während dort trotzdem weniger Kinder zur Welt kommen.

Der Absturz, den es so noch nicht gegeben hatte

Die tiefsten Punkte der Kurve 1993 und 1994 waren echte Einbrüche der Geburtenziffern. Ausgelöst durch den (Nach-)Wende-Schock: Biografien waren unsicher geworden, Kinderwünsche wurden vielleicht nicht gestrichen, aber zumindest aufgeschoben. So wurde die absolute Zahl der Geburten mehr als halbiert: von rund 178.000 im Jahr 1990 auf nur noch 79.000 im Jahr 1994.

Und hier beginnt ein Echo, das bis heute nachhallt, jedenfalls bei den absoluten Geburtenzahlen im Osten. Die zahlenmäßig kleinen Jahrgänge von Anfang der 1990er sind heute selbst im Elternalter. Wenn eine "schmale" Generation Kinder bekommt, sinkt die Zahl der Geburten – selbst wenn jede einzelne Frau genauso viele Kinder bekommt wie anderswo.

Wer heute vorn liegt – und wer hinten

Das erklärt aber noch nicht den neuesten Trend bei den relativen Geburtenziffern, der folgendermaßen aussieht: Die östlichen Flächenländer kamen im Jahr 2025 zusammen auf 1,22 Kinder je Frau, die westlichen auf 1,34. Am höchsten im Osten lag Brandenburg mit 1,30, am stärksten sank die Rate in Mecklenburg-Vorpommern. Und der rohe Abstand zwischen West und Ost wächst zuletzt sogar wieder – von 0,08 (2023) auf 0,12 (2025).

Ordnet man die Länder der Reihe nach, zeigt sich: Unter dem Durchschnitt stehen nicht nur die Ost-Länder, sondern auch die Stadtstaaten – und ganz oben rangieren ländlich geprägte West-Länder wie Niedersachsen, das seit 2018 die höchste Geburtenhäufigkeit hat.

Als dem Osten die Mütter ausgingen

Ein wichtiger Grund für die schwindende Zahl der Geburten im Osten insgesamt steht nicht in der Geburtenstatistik – sondern in der Wanderungsstatistik. Denn zum Aufschub der Kinderwünsche in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung kam der Auszug der potenziellen Mütter. Seit der Wende verließen unterm Strich rund 1,2 Millionen Menschen mehr den Osten in Richtung Westen, als umgekehrt kamen. 57 Prozent davon waren Frauen – etwa 693.000, und 428.000 von ihnen waren jünger als 25.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung nannte das Phänomen 2007 "Not am Mann". In manchen ländlichen Kreisen entstand ein Männerüberschuss von bis zu einem Viertel. "Dieser Frauenmangel ist europaweit einzigartig", sagte Mitautor Reiner Klingholz damals.

Auch hier lohnt die saubere Unterscheidung: Wer wegzieht, senkt nicht die Geburtenziffer der Zurückgebliebenen – wohl aber die Zahl der Frauen, die überhaupt Kinder bekommen können. Der Aderlass kostete den Osten also Geburten und Jugend, nicht unbedingt den Kinderwunsch. Erst um 2008 kippte die Richtung, zwischen 2017 und 2021 drehte die Bilanz sogar kurz ins Plus. Doch die Alterspyramide vieler Kreise war da längst verformt.

Die alternden Landkreise

Wo junge Frauen fehlen und wenige Kinder nachkommen, altert eine Region doppelt schnell – und das ist die direkte, unstrittige Folge der schwindenden Geburtenzahl und der Abwanderung. Auf der Landkarte lässt sie sich heute ablesen. Das durchschnittliche Alter der Bevölkerung lag 2024 im Median der ostdeutschen Kreise bei 48,4 Jahren, im Westen bei 44,9.

Noch deutlicher wird es an den Extremen. Die ältesten Kreise Deutschlands liegen ausnahmslos im Osten: Suhl führt mit 51,6 Jahren, gefolgt von Mansfeld-Südharz (50,7), Greiz (50,5), Spree-Neiße und dem Altenburger Land (je 50,4). Die jüngsten Kreise sind durchweg westdeutsche Universitätsstädte.

Dasselbe Muster zeigt der Anteil der über 60-Jährigen. Im Median liegt er in den Ost-Kreisen bei 38,3 Prozent, im Westen bei 31,5.

Und wenn man die 19 "ältesten" Kreise Deutschlands nach diesem Maß herausgreift, dann liegen sie – alle – im Osten.

Andere Zusammensetzung der Bevölkerung

Aber zurück zu den Geburtenziffern, also den Kindern je Frau. Da gibt es eine Statistik, die noch größere Abstände zwischen zwei Gruppen aufzeigt als der Ost-West-Vergleich. 1,20 zu 1,78 heißt es nämlich, wenn man die Staatsangehörigkeit der Frauen beachtet, die 2025 in Deutschland Mütter waren: 1,20 Kinder waren es im Schnitt bei Frauen mit deutschem Pass, 1,78 bei Frauen mit anderer Staatsangehörigkeit.

Ausländische Frauen ziehen den Durchschnitt also nach oben – und sie leben ganz überwiegend im Westen. Wenn man diesen Effekt herausrechnet, liegt der Unterschied zwischen West und Ost nicht mehr bei 0,12 – sondern schätzungsweise nur noch bei rund 0,02. Fünf Sechstel des Abstandes beruhen also auf diesem Zusammensetzungseffekt.

Der Osten ist demografisch gar kein wirklicher Sonderfall mehr. Fachleute sagen längst, dass es im generativen Verhalten seit etwa 2005 keinen substanziellen Ost-West-Unterschied mehr gibt. Aber ein Vorbote könnte er sein. Was hier geschieht – wenige Geburten, Abwanderung, rasche Alterung –, kommt in dieser oder abgeschwächter Form vermutlich auf viele Regionen Europas zu.

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