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Geduld und Risikobereitschaft geben Hinweise auf das spätere Einkommen

Wissenschaft

Warten oder zugreifen? Ein Geldexperiment mit mehr als 3.000 jungen Dänen zeigt einen klaren Zusammenhang: Wer geduldiger entschied, bewarb sich später eher für längere Studiengänge mit stärkerem Einkommenswachstum. Risikoscheue Teilnehmer bevorzugten Bildungswege mit berechenbareren späteren Einkommen, selbst nach statistischer Berücksichtigung von Noten und familiärem Hintergrund. Ursache und Wirkung belegt die Studie jedoch nicht.

Aarhus (Dänemark). Ein Studium ist eine Investition in die Zukunft: Wer mehrere Jahre Ausbildung auf sich nimmt, verzichtet zunächst auf Einkommen und hofft auf spätere Erträge. Die ökonomische Theorie erwartet deshalb seit Langem, dass Geduld und Risikobereitschaft die Bildungswahl mitbestimmen, doch direkt prüfen ließ sich das bisher nur schwer. Denn solche Präferenzen müssen gemessen werden, bevor Jugendliche ihre Bildungsentscheidung treffen, und anschließend mit ihren späteren Bewerbungen verknüpft werden.

Ein internationales Forscherteam hat diese Lücke nun mit experimentellen Geldentscheidungen und dänischen Registerdaten untersucht. Als korrespondierender Autor ist Prof. Ernst Fehr von der Universität Zürich (UZH) ausgewiesen. Die Forscher haben Präferenzen von Jugendlichen gemessen, bevor deren erste Hochschulbewerbungen feststanden, und diese später mit den Eigenschaften der gewählten Bildungswege verknüpft.

Echtes Geld statt Persönlichkeitstest

2018 wurden 13.799 zufällig aus Bevölkerungsregistern ausgewählte 18- und 19-Jährige eingeladen, von denen 39 Prozent die Versuchsplattform aufriefen. In 16 Entscheidungen konnten die Teilnehmer Geld früher erhalten oder einen Teil gegen Zinsen auf später verschieben, während 15 weitere Situationen zwischen sicherer Auszahlung und riskanter Lotterie wählen ließen. Eine zufällig ausgewählte Entscheidung wurde tatsächlich bezahlt, im Mittel mit 250 dänischen Kronen. Aus den Antworten ordneten die Forscher die Teilnehmer auf einer Skala von 1 bis 100 nach Geduld und Risikoaversion ein.

„Ein solches groß angelegtes Anreizexperiment, das mit realen Bildungsentscheidungen verknüpft ist, hat es bisher noch nicht gegeben. Dadurch können wir über Korrelationen in Umfragedaten hinausgehen und tatsächlich erfassen, wie geduldig oder risikotolerant jemand ist“, sagt Prof. Søren Leth-Petersen von der University of Copenhagen (UCPH).

Nach den beschriebenen Auswahlkriterien blieben 3.132 Personen für die Analyse, deren Experimentdaten das Team mit Verwaltungsregistern zu Schulnoten, Elternhaus und Hochschulbewerbungen verband. Als Bildungswahl galt die erste Priorität im ersten Bewerbungsjahr, die bei 74 Prozent der Teilnehmer auch zur Zulassung führte. Die Arbeitsmarkteigenschaften der Programme stammten dagegen aus Daten früherer Absolventen und nicht aus den späteren Einkommen der jungen Versuchsteilnehmer.

Geduldigere Bewerber wählen längere Wege

Zunächst zeigte sich unbereinigt ein sehr steiles Gefälle zwischen Geduld und Ausbildungsdauer. Die Forscher verglichen dafür Programme anhand des durchschnittlichen Geduldsrangs ihrer Bewerber.

„Wir ordnen Bewerber danach, wie geduldig sie sind, auf einer Skala von 1 bis 100 ein. Ein Anstieg um zehn Ränge ist mit fast anderthalb zusätzlichen Ausbildungsjahren verbunden“, sagt Prof. Claus Thustrup Kreiner von der University of Copenhagen (UCPH).

In dieser einfachen Gegenüberstellung hing ein um zehn Punkte höherer Geduldsrang mit fast anderthalb zusätzlichen Ausbildungsjahren zusammen. Nach Einbezug von Schulnoten, Risikoaversion und weiteren Hintergrundmerkmalen fiel der Zusammenhang deutlich kleiner aus, blieb aber bestehen. Zehn Rangpunkte mehr durchschnittliche Geduld entsprachen dann rund 0,19 zusätzlichen Ausbildungsjahren, also gut zwei Monaten. Für das jährliche Einkommenswachstum lag der entsprechende Zusammenhang bei etwa 0,23 Prozentpunkten.

Der Zusammenhang von Geduld mit der Programmdauer war im bereinigten Modell etwa ein Viertel so groß wie jener der Schulnoten, beim Einkommenswachstum etwa ein Sechstel. Das Modell berücksichtigte außerdem Geschlecht, Migrationsstatus sowie Bildungs- und Einkommensmerkmale der Eltern.

Bei der Risikoscheu zeigte sich ein anderes Muster: Programme mit risikoscheueren Bewerbern hatten bei früheren Absolventen seltener sehr niedrige Einkommen und eine geringere Einkommensstreuung. Als niedrig galt ein Einkommen im untersten Fünftel der Referenzverteilung. Zehn Rangpunkte mehr durchschnittliche Risikoaversion waren im vollständig adjustierten Modell mit einem um rund drei Prozentpunkte geringeren Anteil solcher Niedrigeinkommen verbunden. Für diese Risikomaße war die Vorhersagekraft der Risikoaversion ähnlich groß oder teilweise größer als die der Schulnoten.

Vorhersage ist noch keine Ursache

„Auch nach Berücksichtigung von Noten und familiärem Hintergrund stellen wir fest, dass Geduld und Risikobereitschaft vorhersagen, welche Bildungswege junge Menschen wählen. Das deutet darauf hin, dass wirtschaftliche Ungleichheiten nicht nur entstehen könnten, weil junge Menschen unterschiedliche Ressourcen und Möglichkeiten haben, sondern auch, weil Bildungswege verlangen, auf künftige Erträge zu warten und unterschiedliche Grade von Unsicherheit in Kauf zu nehmen. Wir können aus dieser Studie nicht schließen, dass Präferenzen Ungleichheit verursachen, aber sie scheinen ein wichtiger und oft übersehener Teil des Gesamtbilds zu sein“, sagt Søren Leth-Petersen.

Eine Ursache belegt dieser Befund dennoch nicht. Die Analysen vergleichen vor allem Unterschiede zwischen 76 Bildungsprogrammen und beruhen auf durchschnittlichen Präferenzwerten ihrer Bewerber. Zudem sind Geduld und Risikoscheu latente Eigenschaften, die das Experiment nur über konkrete Geldentscheidungen erschließt, weshalb andere unbeobachtete Merkmale weiterhin eine Rolle spielen könnten.

Hinzu kommt der besondere dänische Kontext, in dem Hochschulbildung gebührenfrei ist und Studierende staatliche Zuschüsse erhalten können. Dadurch sind finanzielle Hürden geringer als in vielen anderen Ländern, was die Übertragbarkeit auf andere Bildungssysteme begrenzen kann. Zugleich nahm nur ein Teil der Eingeladenen am Experiment teil, auch wenn die Analysestichprobe der Vergleichsbevölkerung bei den beobachteten Merkmalen weitgehend ähnelte.

Quellen:

Fachpublikation im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, doi: 10.1073/pnas.2610891123

Pressemitteilung der Aarhus University (AU)

Fachinformation der University of Copenhagen (UCPH)

23. August 2026 - Clara Lyu

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