Gefahr für Jobs im Ruhrgebiet?
Deutschland war einmal ein stolzer Chemiestandort. Jetzt soll ein neuer Megakonzern die guten Tage zurückbringen.
BASF, das grösste deutsche Chemieunternehmen, will den Konkurrenten Evonik übernehmen. Ein erstes Übernahmeangebot scheiterte vergangene Woche, es soll laut Medienberichten über einen Kaufpreis von 10,3 Milliarden Euro verhandelt worden sein. Die Konzernleitung von BASF soll im Portfolio des Spezialchemieherstellers Evonik neue Anwendungsfelder sehen, um der asiatischen Konkurrenz beispielsweise mit Innovationen in Bereichen wie der Kosmetik zu trotzen.
Ob BASF ein zweites Angebot einreicht, ist derzeit noch offen. Das Unternehmen bestätigte das erste Angebot, gab zum weiteren Vorgehen auf Anfrage aber keine Auskunft. Branchenkenner gehen jedoch davon aus, dass der BASF-Chef Markus Kamieth an seinem Plan festhalten will.
Grosse Nervosität in Nordrhein-Westfalen
Beide Unternehmen sind Symbole für ihre Herkunftsregionen. BASF stammt aus Ludwigshafen, einer Stadt in der Metropolregion Rhein-Neckar im Südwesten Deutschlands. Evonik hingegen kommt aus dem westlichen Bundesland Nordrhein-Westfalen, genauer dem Ruhrgebiet. Der ehemaligen Industriehochburg Deutschlands, wo früher Kohlekraftwerke für Unmengen an Strom sorgten. Beide Firmen sind international tätig, unterhalten an ihren Heimatorten aber weiterhin wichtige Produktionsstätten.
Die Kräfteverhältnisse zwischen den Unternehmen sind deutlich. Gemessen am Umsatz ist BASF viermal so gross. Es ist ein Umstand, der im Stammland von Evonik gerade für Nervosität sorgt. Viele Industriearbeiter befürchten nämlich, dass der fusionierte Konzern einen harten Konsolidierungskurs fahren würde – und seine Stellen allen voran in den Produktionsstätten von Evonik abbauen würde. Am stärksten betroffen wären dann Anlagen in Marl und in Wesseling sowie die Zentrale des Unternehmens in Essen. Laut dem «Handelsblatt» befürchten die Arbeitnehmervertreter, dass im Zuge einer Übernahme bis zu 4000 Stellen wegfallen könnten.
Jochen Ott, Vorsitzender der SPD im Landtag des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, nannte Evonik die «Lebensader des Ruhrgebiets». Er forderte die Landesregierung auf, sich in der Übernahme klar für den Erhalt des industriellen Kerns einzusetzen: «Mit einer Übernahme stehen Arbeitsplätze, Standorte und Wertschöpfungsketten auf dem Spiel. Einen solchen Ausverkauf des Ruhrgebiets darf es nicht geben.»
Wird die Fusion zum Problem für einen Kanzlerkandidaten?
Lokalpolitische Interessen spielen bei der möglichen Übernahme eine grosse Rolle. Mehrheitsaktionärin von Evonik ist nämlich die RAG-Stiftung. Diese finanziert die Verpflichtungen, die seit dem Ausstieg aus dem Steinkohlenbergbau bestehen, beispielsweise die Grundwasserreinigung in den ehemaligen Steinkohlerevieren. Um das zu finanzieren, ist die öffentlichrechtliche Stiftung auf Einnahmen angewiesen, etwa Dividenden von der Beteiligung an Evonik.
Mit einem Aktienanteil von 44 Prozent hält die RAG-Stiftung eine Sperrminorität am Chemieunternehmen. Ein Übernahmeangebot muss also vom Kuratorium der Stiftung akzeptiert werden. Doch im Gremium gibt es Interessenkonflikte. Zwar profitiert die Stiftung von Lösungen, welche die langfristigen Ertragsaussichten aus der Beteiligung an Evonik verbessern – was zumindest die Unternehmensleitung von BASF ihr durch die Übernahme verspricht. Gleichzeitig sitzen im Kuratorium Politiker, für die der Erhalt von Arbeitsplätzen in der Region vorrangig sein dürfte.
Deutlich zeigt sich das bei Hendrik Wüst, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und immer wieder als möglicher Kanzlerkandidat seiner Partei gehandelt. Wüst muss sich im Frühling bei den Landtagswahlen zur Wiederwahl stellen. Eine Übernahme, die Spekulationen über einen grösseren Stellenabbau im Ruhrgebiet zulässt, kommt dem populären Ministerpräsidenten im Wahlkampf ungelegen.
Nach längerem Schweigen bezog Wüst nach Fragen aus dem Parlament am Montag erstmals öffentlich Stellung zu den Übernahmeplänen. Die Staatskanzlei Düsseldorf schrieb zu Evonik: «Die Arbeitsplätze und die eigenständige Entwicklung des Unternehmens dürfen nicht infrage gestellt werden.»
Heikel ist die Situation auch für Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Er ist neben seinem Amt als stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der RAG-Stiftung auch Aufsichtsrat von BASF. Beim Unternehmen aus Ludwigshafen ist der Gewerkschafter deswegen in den Ausstand getreten.
Die Chemiehersteller stecken in einem Umbruch
Beide Chemieunternehmen standen in den vergangenen Jahren unter Druck, allen voran aufgrund der hohen Energiepreise in Deutschland. Evonik verkündete im September ein Sparprogramm, mit dem der Konzern weltweit rund 3200 Stellen abbaut. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der CEO Christian Kullmann Ende August einer unvorhergesehenen Operation unterziehen musste. Er wird bis auf weiteres vom Asienchef Claus Rettig vertreten.
BASF sieht sich nach einem Konzernumbau «auf einem guten Weg», wie das Unternehmen bei der Verkündung der letzten Jahreszahlen sagte. Ein Problem bleibt aber das Stammwerk in Ludwigshafen, wo ein Drittel der Belegschaft des Konzerns arbeitet. Die Auslastung des Werks ist auf einem Tiefstand, womit der Betrieb des Werks in letzter Zeit defizitär war. Die Unternehmensleitung von BASF steht öffentlich immer wieder in der Kritik, weil sie international expandiert, gleichzeitig aber die Produktion in Deutschland herunterfährt.
Dabei soll der von BASF vorangetriebene Konsolidierungskurs überhaupt erst ermöglichen, dass das Unternehmen die Mittel für eine Milliardenübernahme hat. Im kommenden Jahr will BASF sein Agrargeschäft an der Börse abspalten – und hätte dann trotz wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Kerngeschäft genug Geld für den Kauf von Evonik.