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Gefährlicher als gedacht: Steckt das Herpesvirus wirklich hinter Alzheimer?

Gesundheit

Ein neuer Blick auf einen alten Verdächtigen Die Hypothese, dass zwischen der Alzheimer-Krankheit und dem Herpesvirus (genauer: dem Herpes-simplex-Virus Typ 1, HSV-1) ein Zusammenhang besteht, taucht wieder vermehrt in der wissenschaftlichen Diskussion auf. Diese Idee ist zwar nicht neu, gewinnt aber durch aktuelle Forschungsergebnisse an Glaubwürdigkeit. Sie legt nahe, dass Virusinfektionen an der Entstehung der charakteristischen Hirnschäden bei Alzheimer (und vielleicht auch bei anderen neurodegenerativen Krankheiten) beteiligt sein könnten. Sollte sich das bestätigen, könnten sich ganz neue präventive Ansätze eröffnen – zum Beispiel durch antivirale Medikamente oder Impfungen. Alzheimer: Viele Rätsel und neue Spuren Weltweit zählt Alzheimer zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen des Alters. In Deutschland leiden Schätzungen zufolge weit über eine Million Menschen an Demenzformen vom Alzheimer-Typ – in Frankreich, um ein Beispiel aus dem Ursprungstext zu nehmen, sind es etwa 1,2 Millionen. Trotz eines Jahrhunderts Forschung bleibt Alzheimer jedoch weitgehend rätselhaft; die Auslöser und der Verlauf sind nach wie vor nur unvollständig verstanden. Typisch für die Krankheit sind mikroskopisch kleine Veränderungen, die zunächst auf bestimmte Hirnregionen beschränkt bleiben, sich jedoch im Verlauf auf immer mehr Bereiche ausweiten. Die Erkrankung schreitet langsam und in vorhersehbaren Mustern fort. Klinisch zeigt sich das an zunehmenden Symptomen: Gedächtnisprobleme, Sprachstörungen, Schwierigkeiten beim Planen und Denken – und schließlich eine schwere neurokognitive Störung (oft als Demenz bezeichnet), die zu drastischem Verlust der Selbstständigkeit, sozialer Isolation und dem Verschwinden komplexer, menschlicher Fähigkeiten führt. Alte Theorien, neue Forschungsergebnisse Historisch betrachtet wurde besonders in den 1990er Jahren intensiv nach genetischen Ursachen gesucht. Damals fand man bei manchen Betroffenen Mutationen, die die Produktion des sogenannten Amyloid-β-Peptids (Aβ) erhöhen. Aus solchen Erkenntnissen entstand die berühmte “Amyloid-Kaskaden-Hypothese”, laut der die Ablagerung von Aβ im Gehirn den Stein ins Rollen bringt – alle anderen Schäden folgen diesem Ursprung und führen letztlich zur Demenz. Allerdings sind diese genetischen Mutationen extrem selten (weniger als 1 % der Fälle). Deshalb vermuten Forscher, dass viele weitere Risikofaktoren miteinander zusammenspielen. Bisher gibt es (trotz enormer Forschungsaufwände) noch keine wirksamen vorbeugenden oder heilenden Therapien für Alzheimer. Es bleibt ein zentrales Ziel, alle relevanten Ursachen und Risikofaktoren zu verstehen. Virale Spuren im Hirn – wie schlüssig sind die Beweise? Vor Kurzem veröffentlichte die anerkannte Fachzeitschrift “Neuron” eine große Studie: Analysiert wurden mehrere Tausend Personen aus Finnland und Großbritannien. Das überraschende Ergebnis: Wer aufgrund einer viralen Enzephalitis (einer durch Virusinfektion bedingten Gehirnentzündung) erkrankt war, hatte ein 20- bis 30-fach erhöhtes Risiko, später eine Alzheimer-Erkrankung zu entwickeln. Diese Daten reihten sich ein in eine wachsende Zahl internationaler Studien, die einen erhöhten Alzheimer-Risiko nach einer HSV-1-Infektion nahelegen. HSV-1 ist ein ausgesprochen “neurotropes” Virus, also sehr gut darin, ins Gehirn zu gelangen. Interessanterweise zeigte sich in denselben Studien, dass eine antivirale Behandlung das Risiko für Alzheimer senken könnte. Noch überzeugender: Untersuchungen aus Wales, Australien und den USA belegen, dass eine Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus (VZV, der Erreger von Windpocken und Gürtelrose, ein Verwandter des Herpesvirus) das Demenzrisiko signifikant reduziert. Die Idee eines viralen Zusammenhangs vertrat schon vor über 40 Jahren der kanadische Neurologe Melvyn Ball. Er stellte die These auf, dass wiederkehrende Herpes-Reaktivierungen (bekannt als “Fieberbläschen”) manchmal zu einer Ausbreitung des Virus ins Gehirn führen und dort die Gewebeschädigung anstoßen könnten – mit Demenz als Endpunkt. Weitere Forschungsarbeiten lieferten später Hinweise, etwa durch sogenannte “virale Signaturen” (Proteinteile oder Genome des Virus) in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten – zum Beispiel an den Amyloid-Plaques. Aber: Eine bloße Verbindung zwischen Virusinfektion und Alzheimer reicht wissenschaftlich noch lange nicht für einen direkten Ursache-Wirkung-Nachweis! Man könnte es sogar provokant umdrehen: Vielleicht macht erst Alzheimer den Körper anfälliger für Viren? Solche Fragen lassen sich nur durch aufwendige Experimente (etwa an Tiermodellen oder dreidimensionalen menschlichen Gehirn-Organoiden) wirklich beantworten. Am Ende braucht es Austausch und Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg – Virologen, Neurologen, Epidemiologen, Pathologen & Co. Ein Puzzle mit vielen Teilen – und kein Platz für Schnellschüsse Sicher ist: Auch bei anderen Krankheiten gibt es spannende Parallelen. Die Multiple Sklerose, zum Beispiel, wird eng mit einer Infektion durch das Epstein-Barr-Virus (ebenfalls ein Herpesvirus!) in Verbindung gebracht. Sollte sich der virale Anteil an Alzheimer bestätigen, könnten sich neue Wege für Prävention (z. B. Impfungen) oder Behandlung (z. B. antivirale Medikamente) eröffnen. Dennoch – Alzheimer bleibt extrem komplex, und es ist hochwahrscheinlich, dass bei Entstehung und Verlauf verschiedene genetische oder umweltbedingte Faktoren zusammenspielen. Wer auf eine eindeutige “Monokausale” Ursache hofft (also etwa eine vergangene Virusinfektion als alleinigen Auslöser), liegt mit Sicherheit daneben. Nicht ohne Grund sind 70 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung mit HSV-1 infiziert – und trotzdem erkranken die wenigsten an Alzheimer. Für den Alltag heißt das: Leichte Panikmache ist ebenso unangebracht wie vorschnelle Hoffnung auf einen “einfachen” Durchbruch.

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