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„Gefährlicher Fehlschluss“: Russland hat den Krieg nicht verloren, warnt Selenskyjs großer Konkurrent

Welt

Der Krieg in der Ukraine ist immer auch ein Krieg um die Deutungshoheit. Die ukrainische Regierung um Präsident Wolodymyr Selenskyj war jüngst sehr bemüht, die derzeitigen objektiven Erfolge herauszustellen: Die ukrainische Armee hat mit ihren Luftschlägen auf die Militär- und Öl-Infrastruktur in Russland sowie auf der Krim eine Treibstoffkrise verursacht. Putins Soldaten haben in der Ukraine Probleme beim Vorrücken. Selenskyj weiß, dass er diese militärischen Erfolge auf der internationalen Bühne präsentieren muss, weil die überlebensnotwendigen Hilfen des Westens daran geknüpft sind. Gleichzeitig entstand ein Bild, wonach die Ukraine den Krieg gedreht habe. Gegen dieses Bild schreibt nun Walerij Saluschnyj in einem Beitrag in der britischen Zeitung „The Telegraph“ an. Saluschnyj ist seit 2024 Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich, davor war er Oberkommandierender der Streitkräfte seines Landes. Er hat die Verteidigungsarmee in den ersten zwei Jahren der russischen Invasion angeführt, bis er von Selenskyj entlassen wurde. Auch Saluschnyj benennt in seinem Text die Erfolge der Ukraine. Daraus dürfe aber nicht abgeleitet werden, dass sich der Konflikt dem Ende nähere. Das wäre ein „gefährlicher Fehlschluss“, den Saluschnyj zufolge eine wachsende Zahl westlicher Analysten machten. Stattdessen müsse das große strategische Bild beachtet werden. Saluschnyj, dem Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt werden, erinnert daran, dass es sich bei den Kämpfen um einen Abnutzungskrieg handelt. Das ist eine von Militärexperten geteilte Einschätzung, wonach die Seite den Krieg gewinnt, die länger durchhält als die andere. Landgewinne sind demzufolge weniger entscheidend als Ressourcen, zumal in einem so statischen Krieg wie dem in der Ukraine. Keine Seite kommt voran, aber Russland könnte den längeren Atem haben „Jeder taktische Gewinn hat enorme Kosten“, sagt Saluschnyj. „Positionen können eingenommen werden, aber sie zu halten, zu verstärken und Verwundete zu evakuieren, ist unter ständiger Drohnenüberwachung zunehmend schwierig geworden.“ Das gelte auch für die Schläge gegen die russische Logistik. Diese seien zwar „zunehmend effektiv“, aber auch teuer und führten zu russischen Gegenattacken. Anders formuliert: Man dreht sich mit Russland im Kreis, keine Seite – weder Aggressor noch Verteidiger – kommt nach klassischen militärischen Maßstäben voran. Russland, so Saluschnyj, spiele auf Zeit. Ja, die Ukraine habe Putins Kriegsziele bisher verhindert und dem feindlichen Militär sowie der russischen Wirtschaft schwere Schäden zugefügt. Doch Moskau setze darauf, die Ukraine „ökonomisch, militärisch und psychologisch zu erschöpfen“. Dabei habe Russland gegenüber der Ukraine den Vorteil einer größeren Reserve an Personal. Auch die industrielle Kapazität in kritischen Sektoren sei größer. Darunter sei die Produktion der für Kyjiw zunehmend problematischen ballistischen Raketen. Ferner verweist Saluschnyj auf die Abhängigkeit der Ukraine von internationaler Unterstützung: „Politische Veränderungen in Washington und anhaltende Spaltungen innerhalb Europas werfen berechtigte Fragen darüber auf, ob das heutige Unterstützungsniveau unbegrenzt aufrechterhalten werden kann.“ Bei der Unterstützung geht es dieser Tage vorwiegend um die teuren und knappen Patriot-Abfangraketen. Die Bestände in der Ukraine sind gering, was Russland offenbar für Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung ausnutzt und dabei auch noch Munition spart. US-Präsident Donald Trump versprach jüngst, dass die Ukraine die Verteidigungswaffen künftig in Lizenz selbst produzieren dürfe. Doch an dem Vorhaben „ist vieles unklar“, wie der österreichische Militärexperte Gustav Gressel dem Tagesspiegel mitteilte. Das betreffe unter anderem die Finanzierung. Auch ist nicht davon auszugehen, dass die Ukraine schnell ihre eigenen Patriots herstellt.

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