Gegen die Detroit-Depression: Baden-Württemberg als Green-Tech-Standort
Die grün-schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg ist angetreten, den düsteren Erzählungen vom industriellen Niedergang etwas entgegenzusetzen. Während Mercedes-Chef Ola Källenius, der für die Fehlentscheidungen seines Konzerns und die sogenannte Premiumstrategie eine große Mitverantwortung trägt, kürzlich den Ton noch einmal verschärft hat, indem er die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich forderte und versprach, die „Harmonie zu stören“, versucht die Landesregierung, die Ängste der Bürger nicht noch zu verstärken. Statt die alten, klischeehaften Bilder von Detroit und dem Niedergang der Autoindustrie zu bemühen, lenkt die Regierung ihre Aktivitäten auf die Zukunftsbranchen. Eine dieser künftigen Leitbranchen soll die „Green-Tech-Branche“ sein, dazu gehört der Bau hochmoderner Anlagen zum Rohstoffrecycling, zur Energieverteilung, zur Umweltüberwachung oder zur Produktion nachhaltiger Verpackungen. Tatsächlich hat sich diese Branche in den vergangenen Jahren im Exportland Baden-Württemberg gut entwickelt: Die Bruttowertschöpfung stieg von elf Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 27 Milliarden Euro im Jahr 2025. Nach einer Statistik des Wirtschaftsministeriums liegt die Bruttowertschöpfung von Green Tech bei 26,6 Milliarden Euro, zum Export trägt die Branche 6,7 Milliarden Euro bei. Das sind allerdings nur 2,8 Prozent der Ausfuhren. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Bis 2030 könnten 40.000 Arbeitsplätze in der Autobranche wegfallen Schaut man auf die Zahl der Beschäftigten, dann ist die Entwicklung auch in dieser Hinsicht gut: Mittlerweile arbeiten in dieser Branche etwa 200.000 Menschen, nur in Bayern und Niedersachsen sind es mehr. Im Fahrzeugbau arbeiten im Südwesten 232.000, allerdings muss man als weitere industrielle Kernbranche den auch von der Automobilwirtschaft zum Teil abhängigen Maschinenbau mit 300.000 Arbeitsplätzen hinzurechnen. Durch die Absatzprobleme deutscher Autohersteller am chinesischen Markt könnten bis 2030 nur in Baden-Württemberg in der Automobilbranche 40.000 Arbeitsplätze wegfallen. Der Präsident der IHK Stuttgart, Claus Paal, sagte der F.A.Z.: „Das Wachstum dieser Branche begrüßen wir. Aber natürlich wird die Mobilitätsindustrie wichtig bleiben. Die Talsohle ist hier noch nicht erreicht. Zeitenwende muss auch heißen, dass der Wissenstransfer für unsere Mittelständler besser wird und wir vor allem schnellere Entwicklungszyklen hinbekommen.“ Obwohl mit den Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft und mit der Steinbeis-Gesellschaft dies seit Jahrzehnten praktiziert wird, gibt es hier weiterhin Defizite. Die Landespolitik arbeitet daran. Gerade stellte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) mit der Landesrektorenkonferenz ein Netzwerk mit 99 „postfossilen Forschungsprojekten“ vor; es soll dazu dienen, die Arbeit der Forscher an den neun Landesuniversitäten besser zu koordinieren. Dazu gehören eher Nischenprojekte wie eines zur Produktion von Baudämmstoffplatten aus Tee-Resten und wegweisende Vorhaben zur Batterietechnik. „Es wird an der Batterie für das Post-Lithium-Zeitalter gearbeitet. Dazu haben wir ein Exzellenzcluster. Die Messe ist noch nicht gelesen“, sagte Olschowski. Führende Stellung in der Raumfahrtindustrie Rund 400 Unternehmen sind derzeit über die Plattform „Green Tech BW“ vernetzt. Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Stuttgart, unterstützt die Initiative der Universitäten und der Landesrektorenkonferenz. „Die Wirtschaft steht zu den Klimazielen. Der Krieg am Golf zeigt, dass die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu hoch ist.“ Der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern bleibe wichtig und eröffne der Wirtschaft neue Chancen. Wie groß diese Chancen sind, hängt für das Land auch von der Bundespolitik und vom Tempo ab, mit dem die Energie- und Wärmewende fortgeführt wird. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sagt, „Green Tech“ sei „kein Nischenthema“ und werde ein wichtiger Baustein der überarbeiteten Hochtechnologie-Strategie sein. Zu den Zukunftsbranchen des Landes gehören ferner Robotik, Raumfahrt, Verteidigungstechnik, Künstliche Intelligenz, Medizintechnik und Medizinforschung. Mit dem Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an der Universität Stuttgart verfügt das Land über eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen Deutschlands. Etwa 40 Prozent der Beschäftigten in der Raumfahrtindustrie in Deutschland arbeiten zwischen Mannheim und Konstanz. Bei der Entwicklung von kleinen, niedrig fliegenden Satelliten verfügen die Stuttgarter Forscher über einen Technologievorsprung. Fortschritte machte das Land in den vergangenen Jahren auch beim Ausbau der Medizintechnik und Medizinforschung. Gute Beispiele sind die Entwicklung des Klinikverbundes Heidelberg-Mannheim oder der Bau des Digitalen Innovationszentrums (DIGIZ) am Universitätsklinikum Freiburg. Die national einzigartige Einrichtung soll die Translation – die Übertragung von medizinischen Forschungsergebnissen in die Behandlung – durch Verknüpfung KI-generierter Daten sowie solcher aus der akuten Patientenversorgung verbessern. Für Nadyne Saint-Cast, grüne Landtagsabgeordnete und wissenschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, ist das DIGIZ ein wichtiger Schritt. „Zugleich müssen wir weiterhin Hürden abbauen beim Beihilfe- und Patentrecht, bei der Mobilisierung von privatem Risikokapital und bei der Verbindung von Unternehmertum und Wissenschaft“, sagte sie der F.A.Z. In der Koalitionsvereinbarung haben sich Grüne und CDU eine Aktualisierung der Hightech-Strategie vorgenommen, allerdings gibt es bislang nur vage Absichtserklärungen.