Geisteswissenschaften stecken in der Krise
Von Niedergang war die Rede, von Krise. Gemeint waren die Geisteswissenschaften. Anfang dieses Jahres vergab das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation sechs nationale Forschungsschwerpunkte. Hochdotierte Prestigeprojekte. Alle gingen an die Medizin und Naturwissenschaften: Krebstherapie, Klimaforschung, Hochenergiephysik, Technologietransfer, Präzisionsmessung und Entstehung des Lebens im Universum. Die Geistes- und Sozialwissenschaften gingen leer aus.
Der Aufschrei, der folgte, war laut. Forscher warfen dem Bund vor, die Geisteswissenschaften zu vernachlässigen. Nur was wirtschaftlichen Nutzwert verspreche, werde gefördert. Die Wissenschaftspolitik der Schweiz orientiere sich an falschen Kriterien. Die Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften sei in Aufruhr, gab deren Generalsekretärin bekannt: «Es ist am Brodeln.»
Die Professorinnen und Professoren taten, was sie besonders gut können: Sie machten Druck. Mehr als tausend von ihnen schickten Bundesrat Guy Parmelin einen Protestbrief. Die Ungleichbehandlung von Natur- und Geisteswissenschaften sei nicht zu rechtfertigen, kritisierten sie. Die Forschungspolitik des Bundes sei diskriminierend und werde den Anforderungen nicht gerecht, die sich in modernen Gesellschaften an die Wissenschaft stellten.
Die Politik lenkte ein. Im Frühsommer wurde eine Sonderausschreibung nachgeschoben, für Projekte aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Nun soll ein weiterer Forschungsbereich finanziert werden. Welcher, steht noch nicht fest, das Auswahlverfahren ist im Gang.
Natürlich ging es beim Protest um Geld. Aber nicht nur. Was die Professoren umtrieb, war «das grundsätzliche Empfinden, immer hinten anstehen zu müssen», wie die Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften schrieb. Dass die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften nach wie vor mit erheblichen Beiträgen gefördert werden, blieb selbstverständlich unerwähnt. Es ging um Standesinteressen: das Prestige der Forschenden. Und das Ansehen ihrer Disziplinen.
Tendenz: sinkend
Das hat tatsächlich gelitten. Nicht nur in der Politik, sondern auch bei den Studierenden. Sie entscheiden sich deutlich seltener für ein geisteswissenschaftliches Studium, wie eine kürzlich publizierte Studie zeigt. Zwar hat sich die Zahl der Studentinnen und Studenten in den Geistes- und Sozialwissenschaften seit 1980 verdoppelt. Doch in der gleichen Zeit ist das Angebot explodiert. Die Universitäten sind gewachsen. Die Zahl der Studierenden hat sich von rund 60 000 auf 176 000 fast verdreifacht. Und seit Mitte der neunziger Jahre bieten auch Fachhochschulen geisteswissenschaftliche Studiengänge an.
Der Anteil der Geistes- und Sozialwissenschaften an der Gesamtzahl der Studierenden ist zurückgegangen. Deutlich sogar: Seit 2003 von mehr als vierzig auf knapp dreissig Prozent. Noch markanter ist der Einbruch, wenn man nur die Geisteswissenschaften betrachtet. Während Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie zulegten, haben Geschichte, Literaturwissenschaften oder Kunstgeschichte verloren. Zum Teil stark. Die Germanistik, in den achtziger und neunziger Jahren ein Boomfach, hat rund ein Drittel weniger Studenten als vor zwanzig Jahren. Tendenz: weiter sinkend.
Das mag mit der Angst vor KI zusammenhängen. Und damit, dass den Geisteswissenschaften der ideelle Boden weggebrochen ist. Wo es früher um das Wahre, Schöne und Gute ging, tut sich heute ein Feld endloser Kulturkämpfe auf. Vom woken Zeitgeist bis zum dekolonialistischen Aktivismus. Aber das erklärt nicht alles. Stecken die Geisteswissenschaften tatsächlich in einer Krise?
Was die Studierendenzahlen betrifft, kaum. Auch wenn die Entwicklung auf den ersten Blick dramatisch aussieht. Betrachtet man sie auf längere Sicht, zeichnet sich lediglich ein Ausgleich ab. Nach dem Boom in den siebziger und achtziger Jahren erholt sich der Markt. Der Anteil der Geisteswissenschaften an den Universitäten liegt wieder ungefähr auf dem Niveau von 1970. Trotzdem ist es nicht ganz falsch, von Krise zu reden. Nur ist sie kein neues Phänomen. Die Geisteswissenschaften haben ein besonderes Verhältnis zur Krise. Historisch betrachtet, kann man sagen: Sie sind aus einer Krise hervorgegangen, die sie radikal infrage stellte.
Dass man überhaupt von Geisteswissenschaften spricht, hängt untrennbar damit zusammen, dass Geschichte, Sprach- und Literaturwissenschaften im 19. Jahrhundert unter starken Druck gerieten. Angesichts der Erfolge der Physik, Chemie und Biologie etablierte sich ein Verständnis von Wissenschaft, das auf Formeln, Messungen und Experimenten beruhte. Als wissenschaftlich galt nur, was sich beweisen lässt.
Schön, aber überflüssig
Die «weichen» Fächer hatten dem nichts entgegenzusetzen. Wer sich mit dem Nibelungenlied oder der Geschichte des Dreissigjährigen Kriegs befasste, musste sich fragen lassen, was er zum Fortschritt der Menschheit beitrage. Und wie sich Erkenntnisse begründen liessen, die nicht quantifizierbar sind. Im universitären Kanon gerieten die historischen und sprachlichen Fächer in eine Randposition. Sie drohten als unwissenschaftlich, «schöngeistig» und überflüssig abgewertet zu werden.
Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis die Geisteswissenschaften eine wissenschaftstheoretische Grundlage erhielten. Und einen Namen. 1883 veröffentlichte der Theologe und Philosoph Wilhelm Dilthey eine «Einleitung in die Geisteswissenschaften». Er postulierte, dass Natur- und Geisteswissenschaften gleichwertig seien, aber sich in Bezug auf ihre Forschungsgegenstände und Methoden grundsätzlich unterschieden. Und dass sie ganz verschiedene Ziele verfolgten.
Naturwissenschaften, so Dilthey, erklären die Welt. Sie beobachten Phänomene und versuchen daraus allgemeingültige Gesetze abzuleiten. Geisteswissenschaften dagegen versuchen, die Welt zu verstehen. Sie befassen sich mit den inneren Erfahrungen, nach denen Menschen die Welt gedeutet haben. Und suchen nicht nach Formeln und allgemeingültigen Gesetzen, sondern nach Sinnzusammenhängen.
Diltheys Theorie war eine Pioniertat, auch wenn sich mittlerweile gezeigt hat, dass die Naturwissenschaft nicht so wertfrei arbeitet, wie er es behauptete. Seine Theorie sollte die Geisteswissenschaften legitimieren – in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften ihre Nützlichkeit in bahnbrechenden technischen Neuerungen bewiesen. Die Nutzung der Röntgenstrahlen, der Dieselmotor, die drahtlose Telegrafie: Sie zeigten, wie Wissenschaft das Leben erleichtert. Was sollte es da noch für einen Sinn haben, sich mit mittelalterlicher Philosophie oder römischer Dichtung zu befassen.
Dilthey hat den Geisteswissenschaften den Weg gewiesen. Und ihnen zugleich ein schwieriges Erbe hinterlassen. Weil er ihnen die Verpflichtung auferlegte, sich gegenüber den Naturwissenschaften zu beweisen. Davon haben sie sich nie ganz befreit. Man kann die Geschichte der Geisteswissenschaften seit dem 19. Jahrhundert als Kampf um Anerkennung verstehen. Einen Kampf, in dem sich Germanisten, Historikerinnen und Philosophen so gewandt wie erfolgreich bewährten. Indem sie zu zeigen versuchten, dass die «schönen Wissenschaften» nicht nur schön sind. Und dass erst sie es möglich machen, die Welt in ihren Widersprüchen zu erkennen.
Am Lack kratzen
Das prägt die Geisteswissenschaften bis heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten sie erneut unter Druck. Philosophen wie Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas wiesen den «weichen» Wissenschaften die Aufgabe der Ideologiekritik zu. Sie sollten das scheinbar Selbstverständliche hinterfragen. Am Lack kratzen, mit dem die Moderne die Brüche überdeckt, die sich durch die Gesellschaft ziehen.
Der Kampf um gesellschaftliche Relevanz sicherte den Geisteswissenschaften über Jahrzehnte Anerkennung. Und Beliebtheit bei den Studierenden. Doch über dem Ringen, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, scheint vielen Wissenschaftern der Glaube an ihre Gegenstände abhandengekommen zu sein.
Viele Hochschulen und Institute biedern sich dem Zeitgeist an, mit Studiengängen wie Digital Humanities oder Social Media Studies, die einen arbeitsmarkttauglichen Abschluss versprechen. Oder verstricken sich in sogenannt politisch engagierte Forschung: Antiisraelischer Aktivismus wird als Wissenschaft verkauft und die etablierte Wissenschaft als rassistisches Konzept entlarvt, mit dem der Westen die Welt unterwarf. Glaubhafter werden die Geisteswissenschaften dadurch nicht. Und Erfolg bei den Studierenden erkaufen sie sich damit auch nicht.
Die Krise der Geisteswissenschaften ist vielleicht gar keine Krise. Im Kern ist ihre Aufgabe noch immer die gleiche: erkennen, wie der Mensch die Welt gestaltet. Wenn sie diese Aufgabe wahrnehmen, sind sie nicht überflüssig. Doch über dem Bemühen, ihre Wissenschaftlichkeit und Relevanz zu behaupten ist den Geisteswissenschaften eines vergessengegangen: Die Beschäftigung mit Geschichte, Literatur und Kunst ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine Kunst. Wenigstens ein bisschen. Und sinkende Studierendenzahlen sind keine Gefahr. Sondern eine Chance.