Gekaufte Umfragen und Gelder aus dem Ausland: Als reicher Sohn getarnter Reporter enthüllt neuen Skandal bei Farage
Großbritanniens rechtspopulistische Partei Reform UK ist einer gewieften Undercover-Recherche auf den Leim gegangen. Eine Dokumentation des Senders „Channel 4 News“ und der Investigativplattform „Verbatim“ deckte auf, dass die Partei des einstigen Brexit-Vorkämpfers Nigel Farage heimlich ihr wohlgesonnene Umfragen bezahlte, die in renommierten britischen Medien wie dem „Daily Telegraph“ und der „Times of London“ veröffentlicht wurden.
Auch versuchte Reform UK, sich verbotenerweise Spendengelder eines angeblichen, superreichen US-Unternehmers zu sichern, was gegen britische Parteifinanzierungsgesetze verstößt. Dafür gab sich der Reporter ein Jahr lang als Sohn eines nicht existierenden Amerikaners aus und knüpfte enge Kontakte zu den hochrangigen Reform-Funktionären James Orr und Dan Jukes, ihres Zeichens enge Berater von Farage. Orr gilt außerdem als Freund des US-Vizepräsidenten JD Vance. Jukes und Orr legten am Morgen ihre Parteiämter nieder.
„Diese kleinen, heimlichen Projekte sind so wertvoll“, brüstete sich der Farage-Berater
Heimliche Video- und Tonaufnahmen zeigen, wie Orr und Jukes die Umgehung der Regeln offen besprachen. Orr sprach davon, dass man „leicht damit durchkommen“ könne, Jukes sagte: „Diese kleinen, heimlichen Projekte sind so wertvoll.“ Auch brüstete er sich damit, dass Reform über Strohmänner weitere Gelder von reichen ausländischen Spendern erhalte.
Auch mit Farage selbst, der laut seiner Mitarbeiter nichts von alledem wissen sollte, kam es in dessen Wahlkreis zu einem Treffen über Austern und Wein. Dabei wurde deutlich, dass Farage offenbar sehr wohl wusste, was vor sich ging: Er bedankte sich bei den verdeckten Reportern für ihre bisherige Unterstützung, und nannte das Ergebnis der Umfragen „fantastisch“. Diese hätten „Knall für Geld“ gebracht. „Es hat funktioniert. Boom“, sagte Farage.
Reform UK hatte beim eigentlich renommierten Meinungsforschungsinstitut JL Partners mehrere Umfragen in Auftrag gegeben. Deren Chef James Johnson brüstete sich im Gespräch mit dem verdeckten Reporter, dass niemand öffentlich erfahre, dass Reform die Umfragen bezahle. „Die Zeitungen dürfen das nie erfahren“, sagte Johnson im Video.
Umfragen legten große Unterstützung für Reform UK nahe
Tatsächlich besorgte sich die Partei das Geld – rund 38.000 Euro – dafür beim angeblichen US-Unternehmen, als dessen Vertreter sich der Reporter ausgab. Mitunter drängte Orr den Reporter gar, die Kosten für eine der Umfragen zu übernehmen. Verbatim überwies das Geld, um die Recherche zu stützen.
Wenig überraschend legten diese Anfang des Jahres eine große Unterstützung für Farages Partei bei Wählern und in Gewerkschaften sowie desolate Unterstützungswerte für die regierende Labour-Partei in Großbritannien nahe. Der „Telegraph“, der wie die „Times“ offenbar über die Ursprünge der Umfragen getäuscht und diese als „Exklusiv“ verkauft hatte, nahm betroffene Online-Artikel vorerst offline. Der Verband britischer Meinungsforscher kündigte eine Untersuchung wegen möglicher vorsätzlicher Regelverstöße an.
JL Partners erklärte, es gebe offenbar „Schwächen und mögliche Grauzonen in unseren Abläufen“, denen man auf den Grund gehen wolle. Das Umfrageinstitut betonte aber, es gebe keine Zweifel an der Genauigkeit ihrer Umfragen.
Der Bericht trifft die rechtspopulistische Partei während ihres Parteitages in Birmingham, der bis Samstag geht. Am Freitagnachmittag wird eine Rede von Farage erwartet. Ihm wurde im Rahmen eines anderen Skandals bereits vor Monaten vorgeworfen, kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten im Jahr 2024 ein Geldgeschenk in Höhe von rund sechs Millionen Euro von einem dubiosen, in Thailand lebenden Kryptoinvestor angenommen, aber nicht als Spende deklariert zu haben. Farage weist die Vorwürfe zurück und sagt, es habe sich um ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen gehandelt.
Im Sommer war Farage wegen der Vorwürfe und der daraus resultierenden Untersuchung von seinem Parlamentssitz zurückgetreten, ließ sich in der nötig gewordenen Nachwahl im Wahlkreis Clacton aber erneut wählen. Beobachter sehen den Reform-Chef inzwischen als geschwächt an, in Umfragen ist Reform nicht mehr so stark wie vor einigen Monaten. (mit dpa)