Gen Z ist ständig vernetzt und trotzdem einsam
Ich lebe in Berlin und lerne ständig neue Menschen kennen. An der Universität ergibt sich ein gutes Gespräch, beim Ausgehen verstehe ich mich auf Anhieb mit jemandem. Wir tauschen Instagram-Accounts aus, schreiben vielleicht noch ein paar Nachrichten – und dann passiert nichts mehr. Obwohl ich die Person gerne wiedersehen würde, bleibt es bei dieser einen Begegnung.
In meinem Social-Media-Feed erzählen derzeit viele junge Menschen, dass sie sich einsam fühlen. Manche haben niemanden, mit dem sie spontan etwas unternehmen können, andere wünschen sich eine beste Freundin oder einen engen Freundeskreis. Unter den Videos schreiben zahlreiche Menschen, dass es ihnen genauso geht.
Ich bin Jahrgang 1998 und gehöre damit zur Generation Z, deren Einsamkeit zunehmend öffentlich diskutiert wird. Ich habe Freunde und fühle mich nicht grundsätzlich einsam. Eine Erfahrung kommt mir trotzdem bekannt vor: Neue Menschen kennenzulernen ist nicht dasselbe, wie neue Freunde zu finden.
Immer mehr junge Menschen haben keine engen Freunde
Dass die Videos nicht nur vereinzelte Erfahrungen zeigen, legt ein Bericht des britischen Instituts für Politikforschung vom September 2026 nahe. In England gab 2014 etwa einer von 100 jungen Menschen an, keine engen Freunde zu haben. Inzwischen ist es einer von 20. Auch der Anteil der 16- bis 21-Jährigen mit mindestens drei engen Freunden ist zurückgegangen.
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Die Zahlen lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Eine bundesweit repräsentative Befragung der Bertelsmann Stiftung zeigt aber, wie verbreitet Einsamkeit unter jungen Menschen auch hier ist. Im Jahr 2024 fühlten sich rund 35 Prozent der jungen Befragten moderat einsam. Etwa zehn Prozent berichteten von starker Einsamkeit.
Viele Kontakte bedeuten nicht automatisch Nähe
Die Untersuchungen messen Unterschiedliches: Die britischen Zahlen erfassen die Zahl enger Freunde, die deutschen das Gefühl von Einsamkeit.
Der Neurologe und Psychiater Mimoun Azizi unterscheidet zwischen sozialer Isolation und Einsamkeit. Während sozial isolierte Menschen tatsächlich wenige Kontakte haben, können sich auch Menschen mit einem großen Bekanntenkreis einsam fühlen. Entscheidend sei nicht allein, wie viele Menschen wir kennen, sondern ob wir unsere Beziehungen als unterstützend und bedeutsam erleben.
Zwischen Kennenlernen und Freundschaft liegt ein zweites Treffen
Gerade im Masterstudium habe ich den Eindruck, dass viele bereits einen festen Freundeskreis haben. Ich selbst arbeite neben dem Studium 20 Stunden pro Woche, möchte Zeit mit meinem Partner verbringen, Sport machen und meine bestehenden Freundschaften pflegen. Wenn ich nach einem langen Tag jemanden neu kennengelernt habe, kommt mir der Gedanke, dass wir unbedingt etwas zusammen unternehmen sollten. Aber ein Treffen zu organisieren, verschiebe ich leicht auf später.
Von Kommilitonen höre ich, dass sie gezielt „Bumble For Friends“ nutzen. In der App können Menschen, die neue Freundschaften suchen, unkompliziert miteinander ins Gespräch kommen. Doch auch ein Match führt bei ihnen nicht automatisch zu einem Treffen: Die meisten schreiben eine Weile, dann verläuft die Unterhaltung oft im Sand.
Social Media ist nicht automatisch das Problem
Es wäre verlockend, Social Media für die negative Entwicklung verantwortlich zu machen. Schließlich kann ich darüber neue Leute kennenlernen und den Kontakt mit ein paar Nachrichten aufrechterhalten, ohne ihnen noch einmal persönlich zu begegnen. Gleichzeitig helfen mir soziale Netzwerke, mit Freunden in anderen Städten verbunden zu bleiben: Wir schicken uns auf Instagram Nachrichten, reagieren auf Storys und bekommen so weiterhin etwas vom Alltag der anderen mit.
Eine 2025 veröffentlichte Studie mit 1632 jungen Erwachsenen in Großbritannien zeigt, weshalb einfache Schuldzuweisungen zu kurz greifen. Zwar bestand ein Zusammenhang zwischen der Zeit, die junge Erwachsene im Internet verbrachten, und ihrer Einsamkeit. Für die Nutzung sozialer Netzwerke wie Instagram oder Facebook allein ließ sich dieser Zusammenhang jedoch nicht feststellen. Die Nutzung von WhatsApp war sogar mit einer geringeren Einsamkeit verbunden.
Für mich sind soziale Medien deshalb weder der Grund, warum eine Bekanntschaft im Sande verläuft, noch die Lösung dafür. Sie machen es mir leicht, nach einem ersten Gespräch in Verbindung zu bleiben. Ob daraus eine Freundschaft wird, hängt aber auch davon ab, ob wir beide bereit sind, uns wiederzusehen und einander kennenzulernen.
Ich will nicht mehr darauf warten, dass sich Freundschaft zufällig ergibt
Dieses Experiment starte ich nun selbst: Wenn ich jemanden sympathisch finde, werde ich fragen, ob wir nächste Woche einen Kaffee trinken gehen. Und wenn daraus nichts wird, weiß ich zumindest, dass es nicht an meiner fehlenden Initiative gescheitert ist.
Statt darauf zu warten, dass aus einer Begegnung irgendwann von selbst mehr wird, will ich mir für Menschen, die ich gerne näher kennenlernen würde, bewusst Zeit nehmen – und aus einem guten ersten Gespräch ein konkretes zweites Treffen machen.