Generation Burnout: Warum Millionen Boomer erschöpft in den Ruhestand gehen
Es ist die größte Abschiedsbewegung, die der deutsche Arbeitsmarkt je erlebt hat. Jahr für Jahr verlassen jetzt die geburtenstärksten Jahrgänge der Republik das Berufsleben. Viele von ihnen gehen erschöpft. Denn diese Generation hat ein Arbeitsverständnis mitgebracht, das sie nie hinterfragt hat. Wer in den 1950er- oder 1960er-Jahren geboren wurde, lernte Arbeit als Pflicht kennen, lange bevor jemand nach Berufswünschen fragte. Kindheit der Babyboomer: mitarbeiten ab zehn Die Jahrgänge 1946 bis 1964 wuchsen in Ländern auf, die sich im Wiederaufbau befanden. Große Familien, knappe Mittel, feste Rollenbilder. Zehnjährige halfen im Laden, auf dem Feld oder im Haushalt mit. Den Begriff Berufung kannte diese Generation kaum, es ging um den Bedarf der Familie. Eine weiterführende Schule zu besuchen, war in Deutschland wie in Frankreich ein Privileg, wie das französische Magazin L'Internaute in einer aktuellen Analyse beschreibt. Besonders eng war der Spielraum für Mädchen. Viele Frauen dieser Jahrgänge konnten ihren Beruf nie frei wählen. Ihre gesellschaftliche Rolle war auf den Haushalt oder auf wenige zugelassene Tätigkeiten festgelegt. Freies Spiel: Was die unbeaufsichtigte Kindheit brachte Eltern arbeiteten lange, Kinder waren stundenlang draußen. Ohne Bildschirme, ohne durchgeplante Nachmittage, oft ohne Erwachsene in Reichweite. Der Schulweg wurde zu Fuß bewältigt, Streit unter Gleichaltrigen persönlich ausgetragen. Der amerikanische Psychologe Peter Gray zeigte 2011 im Fachjournal American Journal of Play, dass genau dieses unbeaufsichtigte Spiel den Umgang mit Risiko und das Selbstvertrauen stärkt – und die Fähigkeit, Konflikte ohne Vermittler zu lösen. Dazu kam die früh übertragene Verantwortung. Der Psychologe Herbert M. Lefcourt beschrieb in seinem Buch „Locus of Control“ die interne Kontrollüberzeugung: das Gefühl, mit eigenem Handeln tatsächlich etwas zu bewegen. Sie gilt bis heute als wichtiger Faktor für Resilienz. Leistungsdruck: „Nur wer etwas leistet, ist etwas wert“ Aus dieser Prägung wurde ein Lebensprinzip. Andreas Hillert, Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck, nennt in der Wirtschaftswoche Leitsätze wie „Nur wer etwas leistet, ist etwas wert“. Volkswirtschaftlich hat sich das ausgezahlt. Die Sätze trugen zum Wirtschaftswachstum bei. Für die Betroffenen selbst war der Preis hoch. Chronischer Stress und dauerhafte Überlastung gehörten zum Berufsalltag. Ausgerechnet diese Generation gab dem Erschöpfungssyndrom ab Mitte der 1970er-Jahre einen gesellschaftsfähigen Namen. Der Begriff Burnout bot nach Hillerts Einschätzung erstmals eine Sprache, die nicht stigmatisierte. Frührente statt Ruhestand: eine Zahl, die alles sagt Nicht alle fanden einen Umgang mit dem Druck. Während sich die einen abgrenzen lernten, verabschiedeten sich andere vorzeitig aus dem Beruf, häufig mit depressiver Symptomatik. Zwischen 1993 und 2001 erreichten laut Hillert weniger als zehn Prozent der Beamten die Regelaltersgrenze. Die meisten Frühpensionierungen gingen auf psychische Erkrankungen zurück. Bildungsreform: der deutsche Sonderweg der Boomer Warum der Antrieb so groß war, hat mit den Aufstiegschancen zu tun, die diese Generation plötzlich bekam. Die Bildungsreform der 1970er-Jahre öffnete den Babyboomern Wege, die ihre Eltern nicht gekannt hatten – teils verbunden mit rapidem Wohlstandsgewinn. Der Soziologe Heinz Bude hat das auf einem Fachsymposium der Universität Kassel beschrieben. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete über die Tagung, die sich mit der Frage befasste, welche Konflikte diese Generation in die Psychotherapie mitbringt. Viele Boomer waren jahrzehntelang politisch engagiert und überzeugt, die Welt verbessern zu können. Warum viele Boomer ein Gefühl des Scheiterns tragen Genau diese Ansprüche kollidierten mit der Lebensrealität. Die Psychoanalytikerin Marie-Luise Hermann legte bei dem Symposium dar, dass viele ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreichten und seither ein Gefühl persönlichen Scheiterns mit sich tragen. Verschärft habe das eine Elterngeneration, die noch im Nationalsozialismus sozialisiert worden war und für psychische Probleme kaum offen gewesen sei. Schuld und Versagen wurden nach 1945 verdrängt. In der rastlosen Arbeitshaltung vieler Boomer erkennt Hermann ein „hypomanisches Arbeiten“, wie das Ärzteblatt zitiert. Eine Wiedergutmachung, die über die Generationen hinweg weitergereicht wurde. Der Antrieb dahinter war der Beweis, es besser gemacht zu haben als die eigenen Eltern. Eine Boomer-Regel, die Jüngere missachten: Aber ich folge ihr immer noch Die Kehrseite der gelobten Resilienz Der französische Psychiater Boris Cyrulnik weist darauf hin, dass die viel gelobte Widerstandsfähigkeit dieser Jahrgänge einen blinden Fleck hat. Kinder, die emotional wenig begleitet wurden, lernten früh, ihre Gefühle klein zu halten. Sein Kollege Christophe André beobachtet bei jüngeren Generationen die umgekehrte Kompetenz. Sie erkennen und benennen ihre Gefühle deutlich besser, wie das französische Magazin schreibt. Warum die Gen Z Erschöpfung früher bemerkt Hillerts eigene Forschung zeigt ein Paradox. In einem 2023 veröffentlichten Fachbeitrag stellte er fest, dass jüngere Menschen ihr Burnout-Erleben teils deutlich stärker beschreiben als ältere Gruppen. Der Grund liegt nach seiner Einschätzung nicht in härterer Arbeit, sondern in der Sozialisation. Wer als Kind regelmäßig gefragt wurde, wie es ihm geht, entwickelt ein feineres Gespür für die eigene Belastung. Die Boomer hätten jahrzehntelang gar nicht gelernt, auf Warnsignale zu hören. Wer nie gefragt wurde, wie es ihm geht, hat auf die Frage auch keine Antwort. Was beide Generationen voneinander lernen können Grenzen setzen und Nein sagen: Was für die Generation Z selbstverständlich ist, mussten viele Babyboomer erst im letzten Berufsdrittel üben. Umgekehrt könnten Jüngere von der Verbindlichkeit profitieren, mit der sich Boomer auf berufliche Ziele festgelegt haben. Gerade Ziellosigkeit sorgt nach Hillerts Beobachtung für erheblichen Stress – unabhängig von der Wochenarbeitszeit. Für die Boomer selbst kommt diese Einsicht spät. Sie treffen sie am Ende eines Arbeitslebens, das sie nie infrage gestellt haben. Lesen Sie mehr zum Thema