DAX +0,15 % 25.410,84 Pkt 18:00:00 MDAX +0,67 % 30.287,68 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,79 % 6.116,23 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,96 % 52.361,58 Pkt 21:43:41 S&P 500 +0,17 % 7.676,77 Pkt 21:43:43 Nasdaq +0,62 % 26.169,38 Pkt 22:04:56 Nikkei -0,80 % 62.189,65 Pkt 07:45:03 Gold +0,57 % 4.030,90 USD 21:54:50 Silber +0,12 % 54,02 USD 21:53:55 Brent -1,34 % 110,20 USD 21:50:53 WTI -1,88 % 101,33 USD 21:54:53 Bitcoin -0,28 % 79.802,10 USD 22:04:55 EUR/USD -0,37 % 1,11790 USD 22:04:46 EUR/GBP +0,02 % 0,83730 GBP 22:04:52 EUR/CHF +0,48 % 0,92440 CHF 22:04:46 EUR/JPY +0,16 % 175,880 JPY 22:05:00

Generation Z: „Man hat uns das genommen, was für uns Jugendliche wichtig war“

Technologie

Faul, anspruchsvoll und wenig belastbar: Über die Generation Z grassieren viele Vorurteile. Seltener wird gefragt, warum junge Menschen am Aufstiegsversprechen zweifeln und welchen Stellenwert Arbeit für sie hat, wenn selbst ein Eigenheim unerreichbar scheint.

Ralf Ruthardt hat seiner Tochter Viktoria, Jahrgang 2003 und Wirtschaftsrechtsstudentin, genau diese Fragen gestellt. Sie erklärt, was die Corona-Jahre mit ihr gemacht haben und warum der Wunsch nach mehr Freizeit aus ihrer Sicht wenig mit Bequemlichkeit zu tun hat.

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Mit Generation Z, kurz Gen Z, bezeichnet man junge Menschen, die ungefähr zwischen 1995 und 2010 geboren sind. Die Gen Z folgt auf die sogenannten Millennials und ist die erste Generation, die mit dem Smartphone quasi aufwächst. Nun, liebe Viktoria, du gehörst zur Gen Z und wir beide kennen uns: Du bist meine Tochter. Danke, dass wir mit Blick auf deine Generation vor Publikum über einige Fragen und Kontexte sprechen dürfen. Dabei geht es mir nicht um Repräsentatives, sondern wir richten den Blick, wie mit einer Taschenlampe, auf das, was uns gerade interessant erscheint.

Das können wir gerne machen. Auf deine Fragen bin ich gespannt.

Berliner Zeitung: An der Schublade der potenziellen Vorurteile über die Gen Z steht „faul“ und „nicht ambitioniert“.

Ich kann es nachvollziehen, warum man zu diesem Ergebnis kommen kann. In meinem Alter haben viele noch kein konkretes Ziel, insbesondere kein Berufsziel. Ich glaube aber nicht, dass das mit Bequemlichkeit oder Faulheit zu tun hat. Sondern eher damit, dass man beispielsweise seinen Job physisch und psychisch auf die Reihe bekommen und nicht darunter leiden möchte. Das spielt bei der Berufswahl eine große Rolle.

Vielleicht auch, weil meine Generation oftmals die Qual der Wahl hat, was zum Beispiel den Berufsweg anbelangt. Es gibt so viele Möglichkeiten; eine Vielzahl von spezifischen Ausbildungen, eine geradezu Unzahl von Studiengängen mit jeweiligen Schwerpunkten. Gemessen daran setzt man sich während seiner Schulzeit wenig mit der Berufsorientierung auseinander.

In deiner Generation war der Beruf der Eltern eine gewisse Orientierung. Oder die Inspiration aus dem sozialen Umfeld. Da und dort war bereits die Schulart eine quasi Vorgabe, sich auf bestimmte Berufsausbildungen zu bewerben. Heute ist das anders: Sehr viele von uns jungen Leuten nutzen den zweiten Bildungsweg. Am Ende haben sehr viele von uns das Abitur. Das liegt womöglich auch daran, dass von den Unternehmen für eine Vielzahl an Berufsausbildungen mindestens der Realschulabschluss oder gar ein Abitur eingefordert wird.

Nochmals zurück zu „faul“ und „nicht ambitioniert“ …

Meine Generation stellt sich womöglich vermehrt die Frage, wie die Relation zwischen Entgelt und Freizeit ausschauen soll. Dabei geht es nicht um die Frage von Freizeit, um nichts zu tun. Vielmehr geht es zum Beispiel um freie Zeit, die man mit der Familie oder Freunden verbringen möchte.

Denn wir stellen doch fest, dass es für meine Generation später mal kaum möglich sein wird, aus eigener Kraft sich eine entsprechende Immobilie leisten zu können. Oft höre ich in meinem Umfeld zudem die Frage, ob man sich eine Familie, sprich Kinder, finanziell leisten kann. Das fängt ja schon damit an, dass es der üblich gewordene Weg zu sein scheint, sein Kind sehr früh in die Ganztagsbetreuung zu geben, weil man sich von einem Einkommen als Familie seinen Wohlstand nicht leisten kann.

Und jetzt die Frage: Was hat das mit „faul“ und „nicht ambitioniert“ zu tun? Ich würde eher sagen, da denkt eine Generation über ihre Zukunft nach.

Okay, dann stellen wir uns die Frage, wo die Gen Z herkommt, was sie also bisher erlebt hat, und wo es hingehen könnte.

Natürlich kommen wir aus einem relativen Wohlstand. Wir sind im Frieden – ich rede für Deutschland und weite Teile Europas – und in einem leistungsfähigen Sozialstaat großgeworden. Der Zugang zur Bildung war niederschwellig. Da können wir überall einen Haken ranmachen.

Wenn wir uns aber genauer anschauen, in welcher Zeit die sogenannte Gen Z die Kindheit und Jugendzeit erlebt hat, dann lassen sich eben auch ein paar besondere Kontexte erkennen.

Zum einen sind wir die ersten wirklichen Digital Natives. Womöglich sind wir auch diesbezüglich die Versuchskaninchen der Digitalisierung von Freizeit. Ein anderer Punkt: Meine Generation wurde seit ihrer Kindheit mit Krisen konfrontiert. Logischerweise nicht immer direkt, aber unmittelbar durch das soziale Umfeld; insbesondere das Elternhaus. Da gab es globale Finanzkrisen, wie die Banken- und Immobilienkrise. Oder denken wir an den erschütternden Terroranschlag 9/11 und die anschließenden militärischen Interventionen. Du erinnerst dich noch an die Flüchtlingskrise im Jahr 2015, wo wir gemeinsam in München am Hauptbahnhof mitgeholfen haben, geflüchtete Menschen zu versorgen. Nun, die letzten Jahre stehen im Zeichen einer globalen Klimakrise und parallel hatten wir auch für uns junge Menschen unfassbare Einschnitte während der Corona-Pandemie. Und es ist auch heute nicht stressbefreit, weil wir auf eine schwierige Zukunft schauen.

Was genau meinst du mit schwieriger Zukunft?

Das ist doch offensichtlich: Schau auf den Krieg in der Ukraine. Dann ist da die Klimakrise. Und dann hören wir jungen Leute von Deindustrialisierung und realisieren, dass die Kaufkraft durch die gestiegene Inflation spürbar gesunken ist. Auf die in Deutschland gespaltene Gesellschaft will ich hier nur insofern eingehen, als das für uns junge Leute sehr wohl Stress bedeutet, wenn wir uns mit politischen Fragen auseinandersetzen. Soll ich das Renten- und Gesundheitssystem noch anführen? Mir würden noch weitere Sachverhalte einfallen, die auf eine schwierige Zukunft schließen lassen.

Dann halten wir fest, dass deine Generation in einer Zeit aufgewachsen ist, in welcher es ständig neue, intensiv fühlbare Bedrohungen gab. Die Verunsicherungen in der Gesellschaft und damit auch in den Familien und der Stress der Krisenbewältigung haben deine Generation mitgeprägt und womöglich auch mentale Auswirkungen gehabt, die erst so langsam in den Blick genommen werden.

Genau das ist mein Punkt. Wir machen es uns als Gesellschaft womöglich zu einfach, wenn wir über die Gen Z sprechen. Als wir beide 2024 erstmals öffentlich darüber gesprochen haben, habe ich deine fiktive Taschenlampe auf eine Studie gerichtet: Es gibt unter anderem die bundesweite COPSY-Studie – COrona und PSYche –, die Rückschlüsse erkennen lässt. In dieser Studie des Hamburger Uniklinikums Eppendorf wurden unter der Leitung der Psychologin Ulrike Ravens-Sieberer damals in vier Befragungswellen – Mai/Juni 2020, Dezember 2020/Januar 2021, September/Oktober 2021 und Februar 2022 – sehr schlüssige Erkenntnisse gewonnen. Es geht um die seelischen Belastungen bei Kindern und Familien.

Sage und schreibe 71 Prozent der 11- bis 17-Jährigen gaben der Studie zufolge an, während der Corona-Krise äußerst oder ziemlich belastet gewesen zu sein. Vor der Pandemie haben die Angaben bei einem von drei Kindern auf eine niedrige Lebensqualität schließen lassen. Die Studie berichtet, dass sich dieser Anteil nunmehr verdoppelt habe. Psychische Auffälligkeiten lagen vor der Pandemie bei 18 Prozent. Nach der Pandemie waren es laut damaligem Studienstand 31 Prozent. Dabei handelte es sich vor allem um eine Zunahme von Angststörungen. Zahlreiche Kinder hatten Einschlafprobleme und Kopfschmerzen entwickelt.

Was ich meine: Die Gen Z hat nicht nur das Smartphone und oftmals tolle Urlaube erlebt. Sie hat Kindheit und Jugendzeit in einem sozialen Umfeld erlebt, welches fortwährend neue Krisen zu bewältigen hatte und noch immer hat.

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Ganz ehrlich, die Sorge von euch jungen Leuten, was eure Zukunft anbelangt, hatte ich in den vergangenen Jahren in dieser Deutlichkeit nicht auf meinem elterlichen Radar. Insofern ist es an dieser Stelle eine Erkenntnis.

Lass mich bitte einen Gedankensprung machen. In unserem früheren Gespräch habe ich von der Entwicklungsneuropsychologin Anja Karlmeier berichtet. Sie leitet die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Sie richtete unser Augenmerk auf eine besondere Gruppe von Jugendlichen während der Pandemie: „Das sind die Jugendlichen etwa zwischen elf und 14 Jahren, die in einer kritischen Entwicklungsphase sind. In der Vorpubertät und frühen Pubertät wird alles eingerissen, was zuvor schon aufgebaut wurde: die Hirnentwicklung und die bisherigen Bindungen.“ Während Jugendliche über 15 Jahren sich besonders gut an neue Situationen anpassen könnten, sei dies bei der genannten Altersgruppe in der Regel nicht der Fall. Vor diesem Hintergrund meine allgemein gehaltene Frage: Wie ist es aus deiner Sicht der Altersgruppe der Teenager während der Pandemiejahre ergangen?

Viele von uns hatten Verständnis für die Maßnahmen. Es war vieles nachvollziehbar und man hat die Regelwerke befolgt. Nur, was kam während der Pandemie von der Gesellschaft zurück? Alles weg. Keine sozialen Kontakte. Dem Grund nach hat man uns das genommen, was für uns Jugendliche wichtig war. Nicht belanglos wichtig, sondern wirklich wichtig.

Du hast von Anja Karlmeier, der Entwicklungsneuropsychologin, berichtet. Ich fasse das mal in meine Worte: Die wirklich wichtigen Dinge sind beispielsweise die Entwicklung seines eigenen Charakters. Das lernt man nicht im virtuellen Leben, sondern im realen Leben und dazu braucht es Begegnung mit anderen, mit gleichaltrigen Menschen. Und noch etwas ganz und gar nicht Banales: Ist es nicht die Jugendzeit, in welcher man seine Freiheiten mit einer gewissen Leichtigkeit leben sollte – und was haben wir bekommen: kompromisslose Regelwerke – und womöglich jetzt im Nachhinein die Erkenntnis, dass das so hätte nicht laufen müssen.

Wir bekommen in unserem Gespräch nicht alle Aspekte beleuchtet und besprochen. Daher eingangs das Bild mit der Taschenlampe. Gib den Leserinnen und Lesern an dieser Stelle bitte einen Schlusssatz.

Die Gen Z hat erlebt, dass aus kleinen Krisen oftmals große Krisen geworden sind. Wir haben das mit dem Klimawandel, mit den Staatsschulden, mit einer unsicheren Rente und so weiter vor uns. Jetzt haben wir einen Berg von gesellschaftlichen Problemen, der uns sehr, sehr fordert, und damit müssen wir lösungsorientiert umgehen.

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