Gerüchte um Werksschließung: Kirche will Audi-Mitarbeitern helfen
Heilbronn Baumstammläufer Mehmet Topyürek macht es, die Politik macht es schon länger, jetzt will sich auch die Kirche in die Diskussion um den Audi-Standort in Neckarsulm einbringen. „Ich versuche derzeit, Kontakt zum Audi-Betriebsrat aufzunehmen“, sagt Birgit Elsasser von der katholischen Betriebsseelsorge Heilbronn. Während Topyürek als Solidaritätsaktion zehn Kilometer im Neckar schwamm und Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig immer wieder die regionale Bedeutung des Werkes betont, versteht Elsasser ihre Aufgabe etwas anders: „Selbstverständlich wünsche auch ich mir für alle Menschen, die dort arbeiten, dass der Standort erhalten wird“, sagt die Betriebsseelsorgerin, „und im Falle eines Falles steht die Betriebsseelsorge auch mit der Gewerkschaft und den Mitarbeitenden am Werkstor, wenn gestreikt wird.“ Darüber hinaus will Elsasser aber vor allem zuhören. Betriebsseelsorge will den Menschen beim Reflektieren helfen Birgit Elsasser sitzt am Tisch ihres Büros im Heinrich-Fries-Haus. Auf der schwarzen Ledercouch liegen farbige Kissen. „Ich bin keine Therapeutin“, sagt sie. In der Betriebsseelsorge gehe es nicht darum, den Menschen einen Ausweg aus ihrer Situation aufzuzeigen, sondern ihnen beim Reflektieren zu helfen: Wo wollen sie hin? Was können sie ändern? Wo gibt es keine Handlungsspielräume mehr? Elsasser sagt: „Manchmal begleitet man die Menschen auch ins Loslassen.“ Sie hat schon einer Sozialarbeiterin zugehört, bei der Hilfesuchende Schlange standen in einem Büro, das von ihrem Träger nicht einmal mit einem Computer ausgestattet war. Sie hat einem Angestellten zugehört, der wegen vermeintlicher sexueller Belästigung fristlos gekündigt wurde und auch vor den Scherben seines sozialen Lebens stand. Gerüchte um Audi-Werk Neckarsulm: Existenzängste und rauer Ton Seit Wochen kursieren Gerüchte um ein Ende des Audi-Standortes in Neckarsulm. Alles deutet zumindest darauf hin, dass bei der VW-Tochter weitere Stellen gestrichen werden. Wird in einem Unternehmen Personal abgebaut, löst das bei den Mitarbeitern Existenzängste aus. „Oft wird dann auch der Ton rauer“, sagt Birgit Elsasser. Der Kampf um den eigenen Job kann bis hin zu Mobbing führen. Andere wiederum stehen kurz vor dem Burnout – weil sie meinen, sie müssten sich ganz besonders anstrengen, um im Unternehmen bleiben zu dürfen. Birgit Elsasser: „Für diese Menschen bin ich als Seelsorgerin da.“ Der Weg dorthin ist lang: Birgit Elsasser versucht in der Regel zuerst, Kontakt zum Betriebsrat aufzunehmen. Das ist nicht immer einfach, denn die Kontakte stehen nicht einfach allen zugänglich im Internet. Im Falle von Audi vertraut Elsasser zum Beispiel auf ihr Netzwerk im Deutschen Gewerkschaftsbund. Nicht bei allen Betriebsräten aber ist sie willkommen: „Manche sagen, Kirche ist Kirche und Geschäft ist Geschäft.“ Betriebsseelsorge folgt einer Grundhaltung Dabei ist die Betriebsseelsorge das Paradebeispiel dafür, wie sich die Kirche gesellschaftlich einbringt, ohne etwas zu erwarten: Das Angebot ist konfessionsunabhängig. Es spielt also keine Rolle, welcher Religion jemand angehört, oder ob man sich überhaupt als gläubig definiert. Elsasser erklärt die Grundhaltung: Jedem Menschen deutlich zu machen, dass er gewollt sei und eine Würde habe. Ist es Elsasser gelungen, sich bei Betriebsversammlungen vorzustellen, dauert es meist noch eine Weile, bis die Seelsorgerin auch allen Mitarbeitern bekannt ist. „Und dann braucht es viel Mut, um den Hörer in die Hand zu nehmen“, sagt sie. Manchmal kommt der Anruf auch aus der Führungsebene. Elsasser hat schon einem Top-Manager zugehört, der in seiner Spitzenposition erleben musste, dass nach Fehlern an seiner Arbeit gesucht wurde.