DAX +1,15 % 25.704,02 Pkt 18:00:00 MDAX +0,45 % 30.425,40 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,05 % 6.167,81 Pkt 18:00:00 Dow Jones +0,22 % 52.475,10 Pkt 22:18:52 S&P 500 +0,88 % 7.743,98 Pkt 22:18:42 Nasdaq +1,45 % 26.549,85 Pkt 22:15:59 Nikkei +0,42 % 64.220,04 Pkt 05:16:50 Gold -0,06 % 4.049,20 USD 05:21:50 Silber -0,32 % 53,29 USD 05:21:57 Brent -4,30 % 110,36 USD 05:20:19 WTI -1,28 % 101,46 USD 05:21:54 Bitcoin -1,82 % 79.780,54 USD 05:31:54 EUR/USD +0,16 % 1,11480 USD 05:31:44 EUR/GBP +0,06 % 0,83660 GBP 05:32:01 EUR/CHF +0,10 % 0,92320 CHF 05:32:01 EUR/JPY +0,01 % 175,814 JPY 05:32:01

„Geschenk für die radikale Linke“ - wie das Hamas-Massaker Neukölln veränderte

Nation

In Berlin sollen rund 40.000 Menschen mit palästinensischen Wurzeln leben. Es ist die größte palästinensische Community in Europa. Über die eine oder andere Ecke kennt hier jeder jemanden, der nach dem 7. Oktober bei der Zerstörung des Gaza-Streifens durch die israelische Armee getötet wurde. Einige haben Hikel ihre Geschichte erzählt. Doch, sagt er, er verstehe ihren Schmerz.

Aber Gaza ist Gaza – und Berlin ist Berlin. Und hier ist das Klima seither spürbar rauer geworden. Besonders in Neukölln. Auf eine Hauswand hat jemand „Gaza“ gesprüht. Ein anderer hat „Free“ davorgesetzt. Hikel bleibt stehen. Er atmet tief durch. Ein Jahr nach dem Massaker in Israel musste er einräumen, was sich nicht länger leugnen ließ: In seinem Bezirk fühlten sich Juden nicht mehr sicher. Kaum ein Tag verging, ohne dass sie Opfer wurden. Beleidigungen, Graffiti-Schmierereien, Schlägereien.

Ein Mordversuch

Sogar einen Brandanschlag hat es gegeben. Tatort: das „Bajszel“, eine Kneipe, die sich solidarisch mit Israel geäußert hatte. Das Schlüsselloch hatten die Täter zuvor mit Klebstoff verstopft. Die Polizei wertete den Anschlag als Mordversuch. Hikel sagt: „Die meinen das wirklich ernst.“

Von den 2197 antisemitischen Vorfällen, die der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) 2025 für Berlin gemeldet wurden, passiert jeder vierte Vorfall in Neukölln – die meisten im Schillerkiez. Berlinweit geht diese Zahl inzwischen leicht zurück, aber hier, im Epizentrum des politischen Erdbebens, zwischen Karl-Marx-Straße und dem Tempelhofer Feld, stagniert sie auf hohem Niveau.

Hikel führte eine App ein, mit der Vorfälle direkt dem Ordnungsamt gemeldet werden. Er lud Opfer und Unterstützer an einen runden Tisch. Er sagt: „Wenn wieder etwas passiert, können sich die Bewohner gegenseitig unterstützen.“ Der Zweimetermann kommt jetzt an einem Wahlplakat der Linken vorbei. Es zeigt einen kahlköpfigen Mann, der neuer Bürgermeister von Neukölln werden will: Ahmed Abed. Chef der Linksfraktion in der Bezirksverordneten-Versammlung (BVV). Ein Palästinenser, auch er.

„Ich glaube, er sieht sich als eine Mischung aus Mahatma Gandhi und Malcolm X.“

Martin Hikel über seinen designierten Nachfolger Ahmed Abed

Kritiker der Linken sehen in ihm die treibende Kraft für die Anti-Israel-Initiativen innerhalb der Gesamtpartei. Nach dem 7. Oktober trat er als Redner bei den Anti-Israel-Demos auf der Sonnenallee auf. Im Wahlkampf wurde er von Ibrahim Ibrahim unterstützt. Auf Anfrage von FOCUS, woher er den prominenten Gast der Wahlparty der Linken kenne, schreibt er: „Unabhängig von meiner Kenntnis oder Zustimmung haben zahlreiche Personen für die Linke, Elif Eralp und mich geworben.“

Man hätte Abed gerne persönlich getroffen. Aber in seiner Anwaltskanzlei geht niemand ans Telefon. Es ist ein Büro in einem prächtigen Gründerzeitbau hinter dem Rathaus Neukölln. Ein Schild mit dem Namen seiner Kanzlei gibt es nicht. Dafür klebt ein Cartoon auf der Bürotür in der 2. Etage. Drei Karikaturen von Polizisten – und eine unmissverständliche Botschaft: „Wir müssen draußen bleiben.“

Der Mann, der Neukölln regieren will, hat sich einen Namen als Verteidiger palästinensischer Aktivisten gemacht. 2019 hat er auch gegen die Resolution des Bundestags gegen die Anti-Israel-Initiative „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) geklagt – ohne Erfolg.

Martin Hikel sagt: „Ich glaube, er sieht sich als eine Mischung aus Mahatma Gandhi und Malcolm X.“ Seit dem 7. Oktober 2023 sei Abed richtig aufgeblüht. Mit Schrecken erinnert er sich an den Besuch des Bürgermeisters der israelischen Partnerstadt Bat Yam. Es war Hikel, der die Städtepartnerschaft neu belebt hat. Im Oktober 2025 gab es einen Empfang für den Bürgermeister in der BVV. Er endete mit einem Eklat. Ahmed Abed beschimpfte ihn als „Völkermörder“. Dem FOCUS schreibt er: „Weil er als enger Vertrauter des gesuchten Kriegsverbrechers Benjamin Netanjahu Mitverantwortung für den israelischen Völkermord und die illegale Besatzung trägt.“

Kulturkampf statt Integration

Ein Ideologe, keine Frage. Hikel sagt, Abed sei jedes Mal ausgeflippt, wenn er, Hikel, von „Clankriminalität“ gesprochen habe. Die Linke findet den Begriff rassistisch – Ahmed Abed ist ihr vehementester Kulturkämpfer. „Für ihn ist es antimuslimischer Rassismus, wenn man islamistische Strukturen kritisiert, wird man automatisch delegitimiert.“

Hikel hielt dagegen. In der SPD geriet er damit immer mehr in die Defensive. Im November 2025 wählten ihn nur noch 68,5 Prozent für eine dritte Amtszeit. Seine Stimme wird jetzt doch etwas lauter. Er spricht von einem „Denkzettel“, den ihm die eigene Partei verpasst habe. Seine Glaubwürdigkeit habe auf dem Spiel gestanden. Er habe keine Lust gehabt, einen Wahlkampf zu machen, „bei dem mir jeder reinfrickelt“. Am Ende zog er nicht nur seine Kandidatur zurück. Er gab auch sein Amt als Landesvorsitzender auf.

Es ist, man muss das so sagen, eine Kapitulation, vor Ahmed Abed, vor der eigenen Partei. Hikel will das so nicht stehen lassen. „Nicht ich habe verloren, die SPD hat verloren.“

Mehr zum Thema

Die Hauptstadt hat gewählt

Radikal, aktivistisch, links – diese Wahl bedeutet für Berlin nichts Gutes

Ein Kommentar von Carsten Fiedler

FOCUS Briefing

„Clans werden es einfacher haben“ – Remmos Zuneigung zu Berliner Linken hat Gründe

Von Thomas Tuma

Und wie geht es jetzt weiter? In der BVV hat die Linke keine Mehrheit. Hikel hofft, dass seine Partei Ahmed Abed keine Stimme gibt. Ahmad Mansour, palästinensischer Psychologe und Kenner der Szene, mag sich lieber nicht vorstellen, dass Neukölln demnächst von ihm regiert werden würde. „Das wäre der Super-GAU. Der will keine Sachpolitik machen, er bringt seine Ideologie mit rein.“

Kulturkampf statt Integration? Es wäre das Letzte, was Neukölln jetzt brauche. In acht Jahren als Bürgermeister hat Martin Hikel einiges erreicht. Die Kinderarmut ist gesunken, ein „Integrationsteam“ hilft Geflüchteten und Zugewanderten, sich einzuleben. Im Kampf gegen die Clankriminalität arbeitet die Polizei jetzt mit dem Zoll und dem Ordnungsamt zusammen. Ein Modell, das in Neukölln erprobt wurde. Mit Erfolg. Jetzt haben es die anderen Bezirke übernommen.

Hikel ist jetzt auf seinem Spaziergang auf dem Tempelhofer Feld angelangt. Er setzt sich hin und lässt den Blick über die grüne Fläche schweifen. „Hier kann man den schönsten Sonnenuntergang in Berlin erleben.“ Er klingt jetzt doch etwas wehmütig. Nicht mehr lange, und er kehrt in seinen Beruf als Mathelehrer zurück.

Er sagt: „Eigentlich ganz schön hier.“

Zur Startseite

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren