Geschliffenes Kopfsteinpflaster: Radfreundlich und leise
Stand: 05.07.2026 14:10 Uhr
Ein Forschungsprojekt zum Radverkehr und eine Straßenbaufirma haben zusammen ein revolutionäres Verfahren entwickelt: Ein glatt geschliffenes Kopfsteinpflaster ist plötzlich radfreundlich und leise.
von Clemens Haug, MDR WISSEN
Geschichten von technischen Fortschritten sind oft zu schön, um wahr zu sein. Doch am neuen Verfahren, Kopfsteinpflaster fahrradfreundlich und leise zu machen, hat bisher niemand gewichtige Nachteile entdeckt. Und das ist wirklich erstaunlich.
Neues Verfahren macht Kopfsteinpflaster komfortabel
Eric Feind, Geschäftsführer der Straßenbaufirma E.Feind aus Lübben im Spreewald, steht an einem heißen Tag neben der neuen Wundermaschine: einer Großfräse der Firma Wirtgen. Die verfügt über zwei Besonderheiten. Zum einen ist da die große Walze unter dem Fahrzeug. "Das sind 380 in Reihe gespannte Diamantscheiben. Damit können wir einen Flächenschnitt machen", erklärt er. Statt wie zuvor jeden Stein einzeln glattzuschneiden, fräst die große Walze das gesamte Pflaster von oben vertikal ab. Dabei entsteht ein Rillenmuster auf den Steinen, das für Grip bei Nässe sorgt.
Zum anderen verfügt die Fräse über ein Kettenfahrwerk und mehrere Seitenstempel mit Lasermessgeräten. So kann sie die Walze in einer präzisen Ebene über eine Pflasterstraße führen, vorausgesetzt, die Steine der Straße befinden sich zumindest ungefähr in einer Ebene. Große Ungleichheiten im Niveau müssen vor dem Schleifgang baulich ausgeglichen werden. "Wir wollen die Steine so weit abschleifen, dass der Kopf flach ist, alle Steine in einer Ebene liegen und alle Unebenheiten aus der Straße raus sind."
Geschliffenes Pflaster: Leiser und besser für Radfahrer
Das Ergebnis überzeugt. Auf dem Radweg Thüringer Städtekette gibt es zwischen Weimar und Erfurt ein kurzes Stück Pflasterstraße, das Radfahrer bisher sehr gestört hat. Seit Januar ist nun eine Hälfte der Straße abgeschliffen – und fährt sich seitdem für Radfahrer fast so gut, als wäre es Asphalt.
Der zweite Vorteil: Fahren Autos mit 30 Kilometern pro Stunde über den geschliffenen Teil, sind sie plötzlich deutlich leiser. "Bei den meisten Pflastersteinstraßen wird es laut, weil es starke mechanische Einflüsse auf die Räder gibt", erklärt Erik Feind. Die Folge: "Das Rad schwingt sich mechanisch auf, und es entsteht dieses Klackergeräusch, dieses laute Aufpoltern des Fahrzeugs." Ist das Pflaster dagegen glatt, wird der mechanische Einfluss kleiner. "Dadurch gibt es viel weniger Aufschwingung im System und es wird leiser." Kopfsteinpflaster auf diese Art zu schleifen, könnte Straßen nicht nur angenehmer für Radfahrer machen. Es würde auch in vielen Wohnquartieren die Lärmbelastung für Anwohner reduzieren.
Von der Bürgeridee zur Innovation im Straßenbau
Entstanden ist die Idee zum neuen Verfahren allerdings an einer anderen Stelle, im sogenannten NUDAFA-Reallabor. Der Name steht für "Nutzerdaten-gestützte Planung eines integrierten Fahrradverkehrsnetzes" und ist ein 2026 abgeschlossenes Forschungsprojekt unter Leitung von Christian Rudolph von der Technischen Hochschule Wildau. Das Labor hat in den vergangenen Jahren nach neuen Ansätzen gesucht, wie Kommunen gemeindeübergreifend und kostengünstig Infrastruktur für den Radverkehr verbessern können.
Dabei haben sich unter anderem Bürger aus der Gemeinde Eichwalde engagiert. Die Ortschaft liegt genau wie Wildau im Speckgürtel von Berlin – und hat quasi ausschließlich Pflasterstraßen. "Ein Bürger hatte die Idee, das Pflaster abzuschleifen", sagt Rudolph. "Also haben wir im Projekt nach einer Maschine und einem Unternehmen gesucht, das das können."
Die Reise sei lang gewesen. Anfängliche Tests mit einer kleinen Maschine scheiterten. Vier Jahre später wurde eine Firma gefunden, mit deren Geräten das Ergebnis schon besser wurde. "Aber es war für große Flächen ungeeignet. "Dann kam der Kontakt zur Firma Feind in Lübben über eine Schaubaustelle zustande. Mit der Großfräse hat es dann funktioniert."
Wie dauerhaft ist geschliffenes Kopfsteinpflaster?
Wie lange bleibt die geschliffene Straße so eben? Dazu gibt es noch keine Erfahrungen. Doch Eric Feind ist optimistisch. "Die meisten Straßen, die wir schleifen, sind zwischen 30 und 100 Jahren alt", sagt er. "Diese Straßen erreichen irgendwann einen Endzustand, weil die Druckverhältnisse im Untergrund so festgesetzt sind, dass es nicht mehr viel Potenzial für Verschiebung gibt", erklärt er.
Das bedeutet: Weil Autos vor allem an Kreuzungsbereichen und Einmündungen anfahren und abbremsen, verdichten sie dort den Boden. Wird das Pflaster dann geglättet, sinke die mechanische Wirkung auf den Boden. Erik Feind glaubt, dass eine so bearbeitete Straße deutlich langlebiger sein könnte als Asphalt. "Pflastersteine gehen nicht alle 20 Jahre kaputt, die liegen oft über 100 Jahre da." Außerdem erhalten die Fugen zwischen den Steinen die Fähigkeit des Bodens, Regenwasser aufzunehmen. Die Versiegelung ist viel geringer als bei Asphalt.
Kostengünstige Lösung für Städte und den Radverkehr
Ob bald viele Städte ihr Kopfsteinpflaster radfreundlich schleifen lassen, steht angesichts knapper Finanzen gerade in den Sternen. Ein weiterer klarer Vorteil des Verfahrens ist allerdings: Es benötigt kaum Vorplanung und die Baustelle ist relativ schnell abgearbeitet. "Pro Tag können wir zwischen 300 und 350 Quadratmeter in einen Zustand bringen, wo wir sagen: Das ist jetzt eben und gut befahrbar." Folglich sind auch die Kosten wesentlich niedriger als bei einer Komplettsanierung.
Christian Rudolf schätzt, dass die Einsatzpotenziale immens sind. "Es gibt noch sehr viele Kopfsteinpflasterstraßen in Deutschland", sagt er. "Wir hatten Kontakt mit Hamburg-Altona, da ist ja die ganze Altstadt voll mit Pflasterstraßen", sagt er. Auch Berlin allein habe noch mehr als 300 Kilometer Kopfsteinpflaster.
Weimar testet geschliffenes Pflaster in der Innenstadt
Nach dem Erfolg mit dem Radweg hat die Stadt Weimar inzwischen auch ein Stück innerstädtische Straße testweise schleifen lassen. Nun prüft die Verwaltung, ob und wann weitere Abschnitte folgen könnten.