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Gesetz bedroht hunderte hessische Wasserkraftwerke: Keine Förderung mehr?

Technologie

Felix Hoffarth muss laut werden, damit man ihn versteht: "Ich bin hier geboren, groß geworden. Hier war schon immer der Mühlgraben, die Turbine, es gehört einfach dazu." Der Landwirt steht im Mühlhaus, einem schummrigen Kellergewölbe, und blickt auf das dröhnende Herzstück seiner Wasserkraftanlage in Lohra bei Marburg. Unaufhörlich treibt eine Turbine ein Holzrad von eineinhalb Metern Durchmesser an. Über einen Riemen gibt das Rad die Energie an einen Generator weiter. Rund um die Uhr, fast das ganze Jahr. 400 Jahre Wasserkraft Seit mehr als 400 Jahren wird in Lohra Wasserkraft genutzt. Seit 1987 produziert die Turbine der Hoffarths Strom. Doch damit könnte bald Schluss sein. Im April wurde der Referentenentwurf aus dem Bundeswirtschaftsministerium für ein neues Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bekannt. Das bestehende EEG von 2023 läuft aus, die Bundesregierung muss bis Ende dieses Jahres ein neues Gesetz liefern. "Als ob man betrogen wird" "Nicht nachvollziehbar", "Irrsinn", "als ob man betrogen wird": Felix Hoffarth wird emotional, wenn er über den Gesetzesentwurf spricht. Bislang bekommt er für jede Kilowattstunde, die seine Anlage in das öffentliche Netz einspeist, einen festen Betrag - rund sieben Cent. Der Entwurf sieht diese feste Einspeisevergütung zukünftig aber nur noch für Anlagen vor, die mehr als 25 Kilowatt Leistung bringen. Hoffarths Anlage liegt darunter. Weil das Gesetz auf Neuanlagen abzielt, hätte seine zwar eigentlich Bestandsschutz. Doch der verfällt bei Modernisierung. Und genau die steht jetzt an. Der Landwirt zeigt auf einen alten, grauen Blechkasten mit vielen Anzeigen und Knöpfen: "Der Steuerungskasten muss nach 40 Jahren jetzt erneuert werden." Das würde rund 20.000 Euro kosten. "So viel Geld zu investieren, ist halt nur mit einer gesicherten Einspeisevergütung möglich." Modernisieren = verlieren? Ein Dilemma für den Landwirt: Ohne Modernisierung stünde seine 40 Jahre alte Anlage vor dem Aus. Mit Modernisierung fiele sie nach jetzigem Stand aus der EEG-Förderung. Hoffarth müsste seinen Strom dann selbst vermarkten. Das sei fast unmöglich, sagt er. Und "im Endeffekt auch das Aus". Von der EEG-Novelle betroffen wären nicht nur die Hoffarths: 492 Wasserkraftanlagen gibt es in Hessen, die meisten in Nord- und Mittelhessen. Mehr als die Hälfte liegt unterhalb der 25-Kilowatt-Grenze – und wäre potenziell bedroht. Der Bundesverband Deutscher Wasserkraftwerke schlägt deshalb Alarm: "Wenn der Gesetzesentwurf so durchgeht, wäre das mittelfristig das Aus für rund 300 hessische Anlagen", sagt Ronald Steinhoff. Bundesweit 3.500 Anlagen betroffen Deutschlandweit wären wohl 3.500 Anlagen betroffen. Schon 2023 mussten Kleinstanlagen um ihre Förderung bangen, wurden am Ende aber doch im EEG berücksichtigt. Kommt es diesmal anders? Das Bundeswirtschaftsministerium begründet den Gesetzesentwurf auf Nachfrage mit einem Verdacht: "Es ist davon auszugehen, dass der Strom aus sehr kleinen Anlagen regelmäßig zu großen Anteilen selbst verbraucht wird." Man wolle "nur noch für das zahlen, was tatsächlich einen Nutzen für das Stromsystem bringt". "Den Strom kann man nicht selbst verbrauchen" Den Strom einfach selbst verbrauchen und damit die eigene Stromrechnung drücken? Der Bundesverband Deutscher Wasserkraftwerke hält dieses Argument bei der Wasserkraft für Unsinn: "Eine Wasserkraftanlage erzeugt mit derselben Leistung fünfmal so viel Strom wie eine Solaranlage", sagt Steinhoff. "Das ist so viel und so stetig, das kann man nicht selbst verbrauchen." Auch die Eselsmühle der Hoffarths versorgt nicht den eigenen Hof, sondern auch 20 weitere Haushalte in Lohra mit Strom. Der Verband vermutet deshalb, dass der Entwurf auf kleine Photovoltaik-Anlagen ziele, mit den Wasserkraftanlagen aber die Falschen treffe. Unerwarteter Gegenwind Doch Gegenwind für die Anlagenbetreiber kommt auch aus anderer Richtung: Der Umweltverband BUND Hessen begrüßt ein mögliches Förderaus für Kleinstanlagen. Er wirft den Betreibern vor, mehr Schaden anzurichten als Nutzen zu bringen. Fischpopulationen würden durch Turbinen und blockierte Wanderrouten bedroht. Zudem steuerten die kleinen Wasserkraftanlagen weniger als ein Prozent zum bundesweiten Strommix bei. Sie seien für die Energiewende daher "nicht relevant", sagt Werner Neumann vom BUND Hessen. Wasserkraft-Vertreter Steinhoff widerspricht: Viele Anlagen besäßen Fischwege, um die Tiere zu schützen. Die Wasserkraft habe außerdem die beste CO2-Bilanz unter den Erneuerbaren, weil die Anlagen lange liefen und der Strom vor Ort verbraucht werde. "Wir liefern einen Riesen-Beitrag zum Klimaschutz", erklärt Steinhoff. Hinzu komme der Hochwasserschutz: "Die Anlagen halten Wasser zurück und geben es dann langsam ab." Dadurch könne einerseits Hochwasser vermieden und andererseits Dürre ausgeglichen werden. Netzstabilität und Blackout-Vorsorge Die Wasserkraft irrelevant? Der Aussage widerspricht auch Professor Markus Zdrallek von der Universität Wuppertal: "Wasserkraft ist nicht der größte, aber dafür ein solider regenerativer Pfeiler für die Energiewende." Ihr wichtigster Vorteil bestehe darin, die Schwankungen von Sonnen- und Windenergie auszugleichen: Die stetige Einspeisung vieler kleiner Wasserkraftanlagen stabilisiere das Stromnetz. Außerdem sei eine dezentrale Energieversorgung durch Kleinanlagen widerstandsfähiger als etwa durch wenige, zentrale Gaskraftwerke. "Im Falle eines Blackouts sind Wasserkraftwerke in der Lage, die Energieversorgung lokal aufrechtzuerhalten." Widerspruch zum Koalitionsvertrag Auch deswegen hatte sich die schwarz-rote Bundesregierung im Koalitionsvertrag 2025 darauf verständigt, die Wasserkraft weiter auszubauen. Dass das Wirtschaftsministerium die Förderung für modernisierte und neue Kleinanlagen jetzt auslaufen lassen könnte, widerspricht dem. Der Referentenentwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2027 wird aktuell regierungsintern verhandelt. Bevor darüber im Bundestag debattiert und abgestimmt werden kann, muss er erst noch vom Bundeskabinett verabschiedet werden. Bis dahin bleibt bei Mühlenbetreiber Felix Hoffarth aus Lohra vor allem Unsicherheit: "Wir sollen nachhaltig sein, wir wollen nachhaltig sein. Auch kleine Bausteine ergeben zusammen etwas Großes."

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