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Gewonnene Jahre, verlorene Gesundheit: Die Menschheit altert mit mehr Beschwerden

Allgemein

Stand: 22.07.2026 05:00 Uhr Ein langes Leben gilt als Errungenschaft der modernen Medizin, doch der Zugewinn hat seine Schattenseiten. Laut einer großen Analyse im Fachjournal "The Lancet Public Health" hat sich die Lücke zwischen der reinen Lebenserwartung und den beschwerdefreien Jahren innerhalb von nur einer Generation um fast zwei Jahre vergrößert. Weltweit sorgen Leiden wie chronische Rückenprobleme, mentale Erkrankungen und Gehörverlust dafür, dass Menschen immer mehr Lebenszeit in beeinträchtigtem Zustand verbringen. von MDR Wissen / RR Die globale Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Doch die gewonnenen Jahre bedeuten nicht automatisch mehr Lebensqualität. Eine umfassende Untersuchung des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) aus dem US-Bundesstaat Washington, veröffentlicht im Fachjournal The Lancet Public Health, zeichnet ein deutliches Bild: Die Menschheit lebt zwar immer länger, verbringt aber auch einen immer größeren Teil dieser Zeit in schlechter Gesundheit. Die Forscher sprechen hierbei von einer sich ausweitenden "Morbiditätslücke" – also dem Zeitraum, den ein Mensch mit Krankheiten, Beschwerden oder körperlichen Einschränkungen verbringen muss. In den Jahren zwischen 1990 und 2023 stieg die weltweite Lebenserwartung bei der Geburt von 64,6 auf 73,8 Jahre an. Die sogenannte gesunde Lebenserwartung – also die Zeit, die man ohne gravierende gesundheitliche Beeinträchtigungen verbringt – hielt mit diesem Tempo jedoch nicht Schritt. Sie wuchs lediglich von 55,9 auf 63,1 Jahre. Das bedeutet: Die verhängnisvolle Spanne, in der Menschen an chronischen Leiden leiden, vergrößerte sich innerhalb nur einer Generation um zwei Jahre von 8,7 auf 10,7 Jahre. Im Jahr 2023 verbrachten die Menschen weltweit durchschnittlich 14,5 Prozent ihres Lebens in schlechter Gesundheit – 1990 waren es noch 13,6 Prozent. Das Überraschende an diesen Ergebnissen: Diese Beschwerden treten keineswegs nur im allerletzten Lebensabschnitt auf. Die Forschungsgruppe stellte fest, dass sich die Lücke über das gesamte Erwachsenenalter hinweg ausgeweitet hat. Erwachsene leben somit über Jahrzehnte hinweg mit dauerhaften gesundheitlichen Problemen. Selbst die weltweite Corona-Pandemie, die die Lebenserwartung kurzfristig einbrechen ließ, hat diesen langfristigen Trend zu mehr Krankheitsjahren nicht umgekehrt. Reiche Länder haben die längsten Leidenszeiten Entgegen der Vermutung, dass Wohlstand und eine gute medizinische Versorgung vor langem Siechtum schützen, zeigt die Datenanalyse, dass gerade in den reichsten Ländern der Welt die Spanne der kranken Lebensjahre am größten ist. Die Vereinigten Staaten führen diese Statistik mit einer Morbiditätslücke von genau 14 Jahren an, dicht gefolgt von Australien mit 13,9 und Kanada mit 13,7 Jahren. Je höher der soziodemografische Entwicklungsindex eines Landes ist, desto länger leben die Menschen dort zwar – desto mehr Jahre verbringen sie jedoch auch mit Gebrechen. Im globalen Vergleich wiesen die hoch entwickelten Regionen der Erde im Jahr 2023 mit durchschnittlich 12,7 Jahren den größten Abstand zwischen Gesamtleben und gesunder Lebenszeit auf. In Afrika südlich der Sahara war dieser Wert mit 9,0 Jahren am geringsten. Wo die Medizin tödliche Infektionskrankheiten erfolgreich bekämpft und Menschen dadurch ein hohes Alter erreichen, gewinnen sie also auch Jahre hinzu, in denen sich chronische Leiden bemerkbar machen. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass zukünftige Fortschritte in der Gesundheit der Bevölkerung nicht nur darin bestehen werden, den Menschen zu einem längeren Leben zu verhelfen, sondern ihnen zu helfen, gesünder zu leben", sagt Christopher Murray, Direktor des IHME und leitender Autor der Studie. "Fortschritte beim gesunden Altern sollten nicht nur an der Lebensspanne, sondern an der Gesundheitsspanne gemessen werden – mit größeren Investitionen in Prävention, langfristiges Krankheitsmanagement und chronische Pflege, um die in schlechter Gesundheit verbrachten Jahre zu reduzieren." Frauen leben länger, leiden aber auch länger Besonders prägnant ist ein geschlechtsspezifischer Unterschied, den die Wissenschaftler in allen untersuchten Regionen feststellen konnten: Frauen übertreffen Männer zwar fast überall auf der Welt in der Lebenserwartung, sie zahlen dafür jedoch einen hohen Preis. Im Jahr 2023 verbrachten Frauen durchschnittlich 12,1 Jahre ihres Lebens in schlechter Gesundheit. Bei den Männern lag dieser Wert hingegen bei nur 9,3 Jahren. "Eine Verbesserung des gesunden Alterns erfordert eine stärkere Konzentration auf die Erkrankungen und Risikofaktoren, die zu den mit Beeinträchtigungen verbrachten Jahren führen", sagt Studien-Co-Autorin Catherine Bisignano. "Wenn wir diese durch Prävention und eine bessere Langzeitversorgung früher angehen, könnte das erhebliche gesellschaftliche, gesundheitliche und wirtschaftliche Auswirkungen haben." Rückenleiden, Depressionen und vermeidbare Auslöser Mehr als die Hälfte aller in schlechter Gesundheit verbrachten Jahre geht weltweit auf das Konto einer überschaubaren Gruppe chronischer Leiden, die meist nicht tödlich, aber extrem einschränkend sind. Den größten Anteil am Anstieg der Krankheitstage haben Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems – allen voran Rückenschmerzen im unteren Bereich. Dahinter folgen psychische Störungen wie Depressionen und Angstzustände, Beeinträchtigungen der Sinnesorgane wie altersbedingter Hörverlust sowie Sturzunfälle und Verletzungen. Viele dieser Beschwerden stehen im Zusammenhang mit Risikofaktoren, die vermeidbar oder zumindest gut behandelbar wären. Ein zu hoher Blutzuckerwert, Übergewicht, aber auch Mangelernährung bei Müttern und Kindern sowie der Tabakkonsum gehören weltweit zu den Hauptverursachern. Während in ärmeren Regionen vor allem Mangelernährung und Luftverschmutzung das Geschehen bestimmen, sind es in Wohlstandsländern primär Zivilisationskrankheiten. Die Forscher fordern daher ein deutliches Umdenken: Statt rein symptomatischer Spätmedizin brauche es einen massiven Ausbau von Vorsorge, Rehabilitation und psychischen Versorgungsangeboten.

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