Gibt es beim Ergebnis eine Überraschung?
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Umfragen lagen 2021 völlig daneben – kommt in Sachsen-Anhalt die große Überraschung?
Von: Stephanie Munk
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Vor der Sachsen-Anhalt-Wahl liegt die AfD in Umfragen weit vorn. Doch 2021 lagen die Institute daneben. „So etwas ist immer möglich“, sagt ein Wahlforscher dem Münchner Merkur.
Magdeburg – Über 40 Prozent – so schätzen aktuelle Umfragen die AfD vor der Sachsen-Anhalt-Wahl ein. Doch wer sich an die letzte Wahl dort erinnert, weiß: Die Prognosen sind nicht das letzte Wort. 2021 lagen die Demoskopen in Sachsen-Anhalt so falsch wie selten bei einer Wahl zuvor. Der renommierte Wahlforscher Thorsten Faas sagt zum Münchner Merkur von Ippen.Media: „So etwas ist immer möglich.“ Allerdings seien die Vorzeichen aktuell andere als vor fünf Jahren.
Vor der Sachsen-Anhalt-Wahl 2021 prognostizierten mehrere Umfrageinstitute für die Landtagswahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD – die beiden Parteien trennten teils nur ein Prozentpunkt. Ganz anders sah dann das Ergebnis am Wahlabend aus: Die CDU kam auf 37,1 Prozent – und damit bis zu 10,1 Prozentpunkte mehr, als die Institute vorhergesagt hatten. Die AfD lag bis zu fünf Prozentpunkte unter den Umfragewerten und kam auf 20,8 Prozent. Zwischen Prognosen und Realität klaffte also eine drastische Abweichung.
Unsicherheiten bei Umfragen zur Sachsen-Anhalt-Wahl könnten zulasten der CDU gehen
„Taktisches Wählen wirkte sich damals positiv auf die CDU aus“, sagt Thorsten Faas, Politikwissenschaftler und Wahlforscher an der Freien Universität Berlin, im Rückblick. Die CDU in Sachsen-Anhalt habe 2021 vor allem von Stimmen aus dem Lager der Grünen und der SPD profitiert.
„Dieses Mal ist die Debatte ja eher, SPD und Grünen über die Fünf-Prozent-Hürde zu verhelfen“, schildert der Experte unserer Redaktion. „Das taktische Wählen könnte also dieses Mal zulasten der Union gehen.“ Keine guten Nachrichten wären das für Sven Schulze, der laut Prognosen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt satte 20 Prozent hinter Herausforderer Ulrich Siegmund von der AfD liegt.
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Umfragen bildeten das Ergebnis 2021 nur ungenau ab
Die eklatanten Unterschiede bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2021 listete jüngst der Spiegel auf, beruhend auf einer Analyse mithilfe von wahlrecht.de und eigenen Berechnungen. Demnach sah das Meinungsforschungsinstitut INSA die AfD in Umfragen über fünf Prozent stärker, als die Partei am Wahlabend abschnitt. Die CDU wurde in den Umfragen um mehr als zehn Prozentpunkte schwächer eingeschätzt, als es dann beim Endergebnis der Fall war. Auch Grüne und SPD schnitten besser ab als prognostiziert.
Umfragen für Sachsen-Anhalt scheinen „stabil“ – AfD laut Prognose 20 Prozentpunkte vor CDU
Ob die Wahlergebnisse bei den anstehenden Landtagswahlen in diesem Herbst wieder so anders ausfallen werden als die Umfragen, darüber wagt Wahlforscher Faas keine Vorhersage. Gewählt wird am 6. September in Sachsen-Anhalt, dann am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin.
„Insgesamt ist die Gemengelage komplexer geworden“, sagt Faas. „Gerade wenn sie etwa nach Berlin schauen, wo fünf Parteien im zweistelligen Bereich liegen.“ Die Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt scheinen „recht stabil zu sein“, analysiert der Experte. AfD‑Spitzenkandidat Ulrich Siegmund liegt dort seit Monaten weit vor CDU‑Ministerpräsident Schulze. Der 35-Jährige strebt sogar eine Alleinregierung an. Rechnerisch ist das nicht ausgeschlossen, falls mehrere kleinere Parteien – darunter Grüne, SPD und BSW – an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Ob die AfD tatsächlich eine absolute Mehrheit der Sitze erreicht, hängt jedoch von der konkreten Stimmenverteilung und der Sitzverteilung ab.
Landtagswahl-Umfragen scheinen verlässlich – doch kleine Ausreißer können großen Effekt haben
Laut dem Umfrageportal Dawum lag 2021 die durchschnittliche Abweichung aller Institute bei der Sachsen-Anhalt-Wahl 2021 bei 2,86 Prozentpunkten – ein Wert, der für sich genommen ebenfalls für die Verlässlichkeit der Demoskopie spricht. Laut einer Auswertung des Spiegels von über 1500 Umfragen vor Landtagswahlen weichen bei der AfD im Osten die Umfragewerte im Mittel um 2,5 Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis ab.
Auch wenn sie nicht oft vorkommen: Ausreißer jenseits dieser Durchschnittswerte können die politische Landschaft auf den Kopf stellen. Und Gedankenspiele sind erlaubt: Legt man die Abweichungen der INSA-Umfrage von 2021 rein beispielhaft auf die aktuelle INSA-Erhebung um – was könnte sich daraus ergeben? Die CDU läge dann wie zuletzt bei INSA nicht bei 22, sondern bei 32 Prozent, die AfD nicht bei 42, sondern bei 37 Prozent. Die SPD könnte es auf über zehn Prozent schaffen, die Grünen auf sieben oder acht Prozent. Sven Schulze könnte dann das bilden, was derzeit als fast unmöglich vorhergesagt wird: eine Koalition, ohne auf Linke und AfD angewiesen zu sein. Die CDU hat einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Koalitionen mit beiden Parteien.
In Sachsen-Anhalt können Differenzen beim Wahlergebnis im Vergleich zu den Umfragen auch auf andere Art entscheidend sein: Grüne, SPD und BSW kratzen dort an der Fünf-Prozent-Hürde, kleine Veränderungen entscheiden also darüber, ob sie im Landtag vertreten sind oder nicht. Durch ihren Einzug in den Landtag könnten sie eine absolute Mehrheit der AfD verhindern. Im Wahlkampf setzen die Grünen gerade vehement darauf, für taktisches Wählen zu werben, um eine AfD‑Regierung zu verhindern.
Für Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sieht Wahlforscher „Momentum zugunsten der SPD“
Überraschungen beim Wahlergebnis im Vergleich zu den Prognosen erwartet Wahlforscher Faas aber eher bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zwei Wochen danach. In Umfragen sehe man dort aktuell „ein Momentum zugunsten der SPD“. Das sei „interessant, weil dieses Momentum erst durch Umfragen sichtbar und gegebenenfalls verstärkt wird“.
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gelang 2021 ein starkes Ergebnis von 39,6 Prozent für die SPD. Den Stimmenanteil der AfD konnte sie im Vergleich zur Wahl 2016 sogar verringern. Umfragen hatten den Sieg Schwesigs und das Abschneiden der AfD damals allerdings vergleichsweise zuverlässig abgebildet.
Umfragen vor Wahlen können falsch liegen – das hat mehrere Gründe
Wie aber kommt es dazu, dass Umfragen manchmal krass danebenliegen? „Es sind einerseits methodische Herausforderungen, andererseits aber auch die politische Dynamik selbst, die Herausforderungen darstellen“, erklärt Experte Thorsten Faas. Gerade bei der AfD gebe es Besonderheiten: „AfD‑Stimmenanteile werden häufig zunächst unterschätzt, vor allem weil deren Wähler häufig nicht an Umfragen teilnehmen. Das kann man mit Erfahrungswissen korrigieren, aber es bleibt unsicher.“
Bei jeder Erhebung gelte außerdem: „Die Umfrage spiegelt den Stand zum Zeitpunkt der Umfrage wider.“ Bis zum Wahltag könnten sich immer „Dinge ändern, nicht zuletzt auch durch die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen selbst“, so Faas. Forscher Ulrich Kohler von der Universität Potsdam schilderte im Spiegel ebenfalls diesen Effekt: „Wird in Wahlumfragen zum Beispiel ein enges Rennen kommuniziert, kann das Menschen mobilisieren, die sonst vielleicht nicht gewählt hätten.“ Dieser Effekt habe bei der Sachsen-Anhalt-Wahl 2021 wohl der CDU genutzt.
Umfrageergebnisse vor Landtagswahlen haben statistische Fehlertoleranz
Hinzu kommt bei Umfragen die statistische Fehlertoleranz: Sie beschreibt die Unsicherheit, die allein durch die Auswahl der Befragten entsteht. Sagt eine Umfrage zum Beispiel voraus, dass die AfD 43 Prozent der Stimmen erhält, und beträgt die Fehlertoleranz drei Prozent, liegt der tatsächliche Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 40 und 46 Prozent.
Je nach Stichprobengröße liegt die statistische Fehlerspanne bei Wahlumfragen häufig bei etwa zwei bis drei Prozentpunkten. Das klingt nach wenig – kann aber über den gerade für Sachsen-Anhalt ausschlaggebenden Einzug mancher Parteien in den Landtag entscheiden. Und darüber, ob die AfD die absolute Mehrheit schafft.
Laut einer Erhebung des Instituts Pollytix vom 12. August kommt die AfD aktuell auf 43 Prozent, die CDU mit Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) als Spitzenkandidaten auf 23 Prozent. Eine Umfrage von INSA vom 10. August sieht die Verhältnisse ähnlich: Die AfD erreicht 42 Prozent, die CDU 22 Prozent. Schulze gibt sich trotz der schwierigen Umfragelage kämpferisch. Beim Parteitag in Dessau-Roßlau Mitte Juni sagte er, bis zum Wahltag am 6. September werde den Menschen in Sachsen-Anhalt klar werden, wer „nur eine Show“ abziehe. (Quellen: eigene Recherche, Der Spiegel, dawum.de, frühere Berichterstattung) (smu)