Giftschlangen werden am Mount Everest zur wachsenden Gefahr
Königskobras in über 2.000 Metern Höhe, Schlangenbiss-Patienten am Everest-Basislager: Der Klimawandel treibt Giftschlangen in Nepals Bergregionen vor. Doch viele Kliniken haben kein Gegengift vorrätig. Schlangenbisse galten in Nepal lange als Problem der heißen, feuchten Tiefebene im Süden des Landes. Doch diese Zeiten sind vorbei. Immer häufiger werden Fälle aus Hügel- und Bergdistrikten gemeldet – selbst aus dem Distrikt Solukhumbu, in dem der Mount Everest liegt. Kliniken, die nie auf die Behandlung von Giftschlangenbissen ausgelegt waren, sehen sich mit einer neuen Bedrohung konfrontiert. Ein eindrückliches Beispiel liefert die Gemeinde Sotang in Solukhumbu. Auf 2.173 Metern Höhe gelegen, meldete das dortige Krankenhaus seit Mitte April rund 30 Schlangenbiss-Patienten, wie die "Himalayan Times" berichtet. Zwei Betroffene mussten wegen besonders schwerer Vergiftungen zur Weiterbehandlung nach Kathmandu, die Hauptstadt Nepals, verlegt werden. Königskobras in Everest-Nähe – Behandlungszentrum in Planung Angesichts der steigenden Fallzahlen drängen die lokalen Behörden auf ein spezialisiertes Schlangenbiss-Zentrum am Sotang Primary Hospital. Der Vorsitzende der Landgemeinde, Khilaraj Basnet, erklärte gegenüber der "Himalayan Times", die Vorbereitungen stünden kurz vor dem Abschluss, ein Inspektionsteam der Epidemiologie- und Seuchenkontrollabteilung habe die Einrichtung bereits begutachtet. Auch von anderen Krankenhäusern in Nepals Bergregionen gingen ähnliche Hilferufe ein, wie "t-online" unter Berufung auf Behördenangaben berichtet. Ärzte registrierten demnach einen Anstieg giftiger Bisse weit außerhalb des bisherigen Verbreitungsgebiets der Reptilien. Wie groß die Gefahr ist, zeigen konkrete Vorfälle: Im vergangenen Jahr wurde ein japanischer Bergwanderer nahe dem Everest-Basislager von einer Grubenotter gebissen. Wildtierretter fingen zudem zehn Giftschlangen in einem Gebiet unweit des höchsten Berges der Welt ein, neun davon waren Königskobras. Klimawandel begünstigt Ausbreitung giftiger Schlangen Der nepalesische Arzt und Schlangenexperte Sanjib Kumar Sharma ordnete die Entwicklung gegenüber dem britischen "Telegraph" ein: "Die Erderwärmung macht die Umgebung vermutlich für Schlangen geeigneter." Gleichzeitig könnten auch zunehmender Transport und veränderte Siedlungsstrukturen eine Rolle spielen. Wissenschaftler sehen den Klimawandel als zentralen Treiber der Ausbreitung. Nepal erwärmt sich nach Expertenangaben nahezu doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt – ein Phänomen, das als höhenabhängige Erwärmung bekannt ist und dazu führt, dass Gebirgsregionen besonders stark betroffen sind, wie das Outdoor-Portal "Live for the Outdoors" berichtet. Steigende Temperaturen verschieben die Lebensräume giftiger Arten in immer höhere Lagen. Auch in der Tarai-Ebene verschärft sich die Lage. In der Region Banke etwa treibt extreme Hitze gefährliche Arten wie die Kettenviper und den Krait in bewohnte Gebiete, wo sie kühlere Unterschlupfmöglichkeiten suchen, so die "Himalayan Times". Tausende Bisse, Hunderte Tote – und eine hohe Dunkelziffer Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des Problems: Laut der Fachzeitschrift "The Lancet Global Health", zitiert von der "Himalayan Times", erleiden jährlich rund 40.000 Menschen in Nepal einen Schlangenbiss, etwa 3.000 sterben daran. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von 20.000 bis 37.000 Fällen pro Jahr aus, mit 1.000 bis über 2.700 Todesfällen – je nach Erhebungsmethode. Aktuelle Daten der nationalen Katastrophenschutzbehörde NDRRMA belegen, dass seit Mitte April mindestens 22 Menschen an Schlangenbissen gestorben und 320 verletzt worden sind, wie "Live for the Outdoors" unter Berufung auf die "Kathmandu Post" berichtet. Dennoch dürften die tatsächlichen Zahlen noch deutlich höher liegen. Sharma betonte, Schlangenbisse seien eine "massiv untererfasste Erkrankung". Studien zeigten, dass rund 80 Prozent der Todesfälle einträten, bevor die Betroffenen überhaupt ein Behandlungszentrum erreichten. Gegengift fehlt – Beschaffung stockt Gegengift gilt als einzige wirksame Therapie bei Giftschlangenbissen, wie die "Himalayan Times" mit Verweis auf die nationalen Behandlungsrichtlinien des nepalesischen Gesundheitsministeriums berichtet. Doch gerade in den Bergregionen mangelt es an Vorräten. Das Sotang-Krankenhaus etwa habe Gegengift angefordert, warte aber noch auf die Lieferung. Ein Behördenvertreter erklärte gegenüber der "Kathmandu Post", man werde Einrichtungen beliefern, die alle Voraussetzungen erfüllten – doch der diesjährige Beschaffungsprozess habe noch gar nicht begonnen. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Viele Betroffene in abgelegenen Gebieten greifen zunächst auf traditionelle Methoden zurück, etwa Abbindungen oder den Gang zu Heilern – Praktiken, die den Zustand laut den Leitlinien des Gesundheitsministeriums häufig verschlimmern. Empfehlungen der Redaktion Neuer Fall von Tollwut bei Fledermäusen – wie groß ist die Gefahr für Menschen? Schlangen in deutschen Flüssen und Seen – reale Gefahr für Badegäste? Ihre Opfer ersticken nicht – wie also töten Würgeschlangen? Experten mahnen: Trekker sollten sich vorbereiten Nepal hat sich dem Ziel der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, Todesfälle und Behinderungen durch Schlangenbisse bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren. Doch Fachleute bezweifeln, dass die Reaktion mit der Geschwindigkeit der Veränderung Schritt hält. Sharma warnte: "Wenn kein Gegengift für die in den Bergen vorkommenden Schlangen entwickelt oder bereitgestellt wird, besteht die Möglichkeit, dass es in diesen Regionen zu weiteren Todesfällen durch Schlangenbisse kommen wird." Schlangenbisse sind mittlerweile ein reales Risiko auf den Bergpfaden. Für Wanderer und Bergsteiger, die nach Nepal reisen, bedeutet die Entwicklung eine zusätzliche Gefahr, auf die sie sich vorbereiten sollten. (red)