Ging die TV-Kamera aus, kamen Kattys Wutausbrüche
Frau Salié, Sie haben beim ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ weiterhin vor der Kamera moderiert und nach außen professionell funktioniert, aber hatten eine depressive Episode. Woran haben Sie selbst zuerst gemerkt, dass nicht einfach nur Erschöpfung oder eine schwierige Phase dahintersteckt?
Katty Salié: Ich habe mich in dieser Zeit verändert, was mir selbst nicht gefiel – ich bin aber auch von meinem privaten Umfeld gespiegelt worden: dass ich einerseits extrem schnell aus der Haut fahre und andererseits durchgehend betrübt wirke.
Mir ist selbst aufgefallen, dass ich mich eigenartig taub fühlte – da war sehr wenig Lust auf irgendwas, wenig Antrieb und generell wenig Gefühl, mir fehlten die Ausschläge nach oben, aber auch nach unten – es fühlte sich seltsam gleichförmig an, wie eine stetige Nullinie.
Und doch bekam ich wegen Kleinigkeiten zwischendurch heftige Wutausbrüche. Diese innere Diskrepanz, aber auch gerade der Kontrast zwischen dem Funktionieren nach außen und der totalen Überforderung im Privaten, hat mich beunruhigt. Ich denke aber, ohne mein spiegelndes Umfeld, das sich sorgte, wäre ich nicht zum Arzt gegangen – hätte eben immer gedacht: „Naja, ist 'ne schwierige Phase – es geht ja einiges, da kann es nicht so schlimm sein.“ Der Arzt, den ich konsultiert habe, hat dann aufgrund der passenden Parameter eine mittelgradige Depression diagnostiziert.
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Katty Salié ist Journalistin und Fernsehmoderatorin. Sie moderiert seit 2012 das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“. Am 22. Oktober 2026 spricht sie beim Mental Health Summit von FOCUS-Business in München.
Disclaimer: FOCUS-Business und der Mental Health Summit gehören ebenso wie FOCUS online zu Hubert Burda Media.
Der Begriff „hochfunktionale Depression“ klingt zunächst widersprüchlich. Was kann diese Bezeichnung für Betroffene sichtbar machen – und wo besteht die Gefahr, dass sie den Leidensdruck verharmlost oder eine eigenständige Diagnose suggeriert?
Salié: Man kennt gemeinhin die Klischee-Vorstellung von Depressionen, die besagt, depressiv Erkrankte können sich zu nichts aufraffen, weinen den ganzen Tag und schaffen es noch nicht mal in die Dusche.
Tatsächlich fehlt vielen krankheitsbedingt jegliche Energie, es gibt bei dieser Krankheit aber eben so viele Gesichter – so auch die „hochfunktionale“ Variante, bei der die oder der Erkrankte noch erstaunlich viel performen kann, gerade im Außen. Er oder sie reißt sich sozusagen so sehr zusammen, bis es ans Zerreißen geht.
Man darf also durchaus hellhörig werden, wenn jemand wie eine Maschine alles wuppt, auf Sozialkontakte oder Dinge, die bislang Spaß gemacht haben, aber keinerlei Lust mehr verspürt. Dann ist es gut, dem oder derjenigen das zu spiegeln und zum Arzt zu schicken – denn generell können nur Fachleute die Diagnosen stellen.
Viele Menschen mit Depressionen erfüllen weiterhin zuverlässig ihre beruflichen Aufgaben. Welche unsichtbaren Kosten kann dieses Funktionieren haben – etwa für Konzentration, Beziehungen, Kreativität oder die eigene körperliche Gesundheit?
Salié: Es ist für das Umfeld, die Familie und die Freundinnen ohnehin schwierig, mit der Depression eines geliebten Menschen umzugehen. Viele unterschätzen die Krankheit und nehme sie als solche nicht ernst genug. Weil sie häufig nicht so offensichtlich ist. Das ist bei der Art von Depression, wo vieles im Außen noch aufrechterhalten werden kann, besonders schwierig.
Wer im Außen noch funktioniert, hat für das private Umfeld oftmals keine Energie mehr. Das private Umfeld wiederum kann sich dann natürlich fragen: Warum funktioniert er oder sie so gut im Job, hilft zuhause aber nicht mit oder hat immer schlechte Laune?
Weil sich Menschen mit hochfunktionaler Depression manchmal regelrecht in die Arbeit, ins Funktionieren, flüchten, wirken sie wie extrem engagierte Arbeitnehmer, die dementsprechend verschlissen werden können.
In der Arbeitswelt wird Belastbarkeit häufig mit Einsatzbereitschaft und ständiger Verfügbarkeit verwechselt. Welche Glaubenssätze über Erfolg, Perfektionismus oder „Durchhalten“ haben Ihre Depression möglicherweise verstärkt?
Salié: Ich musste definitiv lernen, meine Grenzen zu erkennen und freundlich zu wahren. Denn ja, in unserer Leistungsgesellschaft und unter Konkurrenzdruck, verfällt man schnell Glaubenssätzen wie: „Die anderen schaffen das ja auch“ oder „Wenn ich jetzt nein sage, geht die Welt unter.“
Das Knifflige an der Depression ist zudem, dass sie das Schuldgefühl und die Scham noch verstärkt und Glaubenssätze sozusagen noch dicker unterstreicht.
Warum fällt es gerade erfolgreichen Berufstätigen oft so schwer, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen?
Salié: Zum einen, weil sich viele in unserer Leistungsgesellschaft für unersetzlich halten. Zum anderen, weil Depressionen leider immer noch stigmatisiert sind, und die Erkrankten von vielen als „schwach“ angesehen werden. Dabei hat Torsten Sträter recht, wenn er sagt: „Menschen, die mit Depressionen ihr Leben leben, sind so taff wie Marathonläufer, die zwei Sachsäcke am Fuß mit sich tragen, den gesamten Lauf über.“
Und dann kam sowohl bei mir als auch bei vielen, mit denen ich zu Depressionen Interviews geführt habe, immer wieder der Verweis auf die vermeintliche Undankbarkeit im Sinne von: „Mensch, dabei geht es mir doch so gut, ich habe einen Job, ich habe eine Familie, ich bin gesund. Was ja in dem Fall ein Trugschluss ist und sich nur auf sichtbare Erkrankungen bezieht. Da darf ich doch jetzt keine Memme sein und anderen, denen es wirklich schlecht geht, einen Therapieplatz wegnehmen.“
Sie haben eine Therapie begonnen und während der Corona-Pandemie neun Wochen in einer Tagesklinik verbracht. Was hat Ihnen geholfen, den Schritt von „Ich muss weiter funktionieren“ zu „Ich darf Unterstützung annehmen“ zu gehen?
Salié: Schlicht gesagt: Es ging einfach nicht mehr anders, das war deutlich spürbar. Und die Therapie selbst hat diese Überzeugung, dass es gut ist, sich Unterstützung zu suchen, verfestigt. Ich bin sehr froh darüber, dass ich das gemacht habe und würde es im Krisenfall immer wieder tun.
Von Stefan Ruzas
Hier finden Sie schnelle Hilfe bei Depressionen und in psychischen Notlagen
Eine Rund-um-die-Uhr-Anlaufstelle für alle Menschen in psychischer Not ist die Telefonseelsorge mit den deutschlandweiten Telefonnummern 08001110-111 oder -222.
Die Internetplattform „Freunde fürs Leben“ gibt Hilfestellung bei drohendem Suizid. Weitere Informationen finden Sie auch bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Ein Verzeichnis von Beratungsstellen finden Sie hier: Suizidprophylaxe.de.
Auch das deutschlandweite Info-Telefon für Depressionen ist kostenlos unter 0800 33 44 5 33 erreichbar.
Fachlich moderierte Online-Foren zum Erfahrungsaustausch für Erwachsene gibt es im Diskussionsforum Depression. Junge Menschen ab 14 Jahren können sich bei Fideo austauschen.