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Gitte Hænning spricht in „MayWay“ Klartext: „Ich mochte es nicht, berühmt zu sein“

Unterhaltung

TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen Berlin – Als ihre Mutter im Sterben lag, bat sie nur um eines: „Heute musst du bei mir bleiben.“ Gitte Hænning (80) konnte nicht. Sie musste auf die Bühne, Shakespeare spielen. „Während ich dort Sonette sprach, starb meine Mutter in der Berliner Charité. Beim dritten Sonett konnte ich kein Wort mehr aussprechen. Meine Stimme war plötzlich weg“, sagt Gitte leise zu BILD. „In diesem Moment ist sie gestorben. Das erfuhr ich nach der Vorstellung.“ Es sind Erinnerungen wie diese, die zeigen, wer Gitte Hænning wirklich ist. Eine der erfolgreichsten Sängerinnen Europas („Ich will 'nen Cowboy als Mann“), Kinderstar wider Willen, nie verliebt in den Ruhm, dafür umso mehr in die Musik, in ihre Eltern, ihre Schwester, die Liebe sowie in Menschen, die ihr etwas bedeuten. Einer davon heißt Nina Hagen (71). „Freu dich bloß nicht zu früh auf unser Gespräch“, sagt Gitte bei der Aufnahme zum BILD-Podcast „MayWay“ zur Begrüßung und imitiert lachend „meine Soul-Sister“ Nina Hagen. Dann wird sie ernst. „Ich bin ein Alleingänger. Ich kann nicht mit sehr vielen. Aber mit Nina kann ich.“ Seit Jahrzehnten verbindet die beiden Frauen eine ungewöhnliche Freundschaft. „Nina und ich, wir sind gute Freundinnen.“ Einmal wollte Nina Hagen sogar ein Lied mit ihr aufnehmen. „Ich habe gebrummt im Hintergrund auf ihrer Platte“, erzählt Gitte und lacht. „Sie wollte ein Duett mit mir machen. Aber ich musste meine Tournee vorbereiten. Irgendwann beabsichtigen wir, das nachzuholen.“ Darum liebt Gitte Hænning Nina Hagen Warum sie Nina so sehr liebt? „Die Nina ist eine kleine Schamanin. In der Tat. So wie ich mich auch fühle. Und das teilen wir. Und sie ist sehr gütig. Sehr, sehr gütig.“ Immer wieder spricht Gitte von Nina Hagen. Von „ihrer Wärme. Ihrer Rebellion. Ihrer Tiefe. Sie rebelliert gesund.“ Und, so erzählt sie: „Nina ist für die Menschen da. Sie hilft sehr viel.“ Für Gitte gehört die Punk-Legende zu den wenigen Menschen in Deutschland, die sie wirklich faszinieren. „ Nina Hagen , Udo Lindenberg, Helge Schneider, Otto Waalkes. Das sind die, womit ich etwas anfangen kann.“ Gitte Hænning selbst wollte nie im Mittelpunkt stehen. „Ich mochte es nicht, berühmt zu sein. Gar nicht. Dieses Bewundertwerden fand ich grauenvoll.“ Dabei begann genau das schon als achtjähriges Mädchen. Ihr Vater war Chansonnier und später Gesangslehrer. Ein Produzent in Dänemark hatte die Idee für ein Vater-Tochter-Duett. „Ich wollte nicht. Meine ältere Schwester schon. Sie war aber schon zu alt für das Lied. Mit zwölf kann man nicht singen: ‚Wenn ich groß bin, werde ich Papa heiraten.‘ Das geht nicht.“ Also wurde die kleine Gitte überredet. „Ich wurde gelockt mit einem Fahrrad“ „Ich wurde gelockt mit einem Fahrrad, wenn es ein Hit wird. Und es wurde leider ein Hit.“ Sie lacht, laut und ansteckend. Überhaupt klingen ihre Worte charmant, es ist dieser Mix aus Deutsch und Dänisch, für den ihre Fans Gitte Hænning lieben. Aus einem Fahrrad wurden eine Weltkarriere und unzählige Hits. „Ich wollte gar nicht irgendwie glänzen. Ich hatte keine Ambitionen“, sagt sie. „Mein Vater brachte mir das Singen bei. Allerdings nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Er war ein sehr guter Sänger. Aber er war ein bisschen zu forsch. Das war nicht so angenehm für mich.“ Erst eine ältere Gesangslehrerin gab ihr das, was ihr Vater nicht konnte. „Sie hat mir Flügel geschenkt.“ Überhaupt verdankt Gitte ihrer Kindheit weit mehr als den frühen Erfolg. „Ich wuchs in einem Haus voller Bücher auf. Künstler gingen ein und aus. Jazzmusiker saßen am Wohnzimmertisch. Gespräche über Kunst gehörten zum Alltag. Das Umfeld war reich.“ Besonders ihre Mutter und ihre Schwester prägten sie. „Meine Schwester war eine sehr intelligente Frau. Toll. Ich habe vieles gelernt von ihr.“ Fehlt Ihnen Ihre Schwester? „Sehr. Sie bekam Krebs. Starb mit 72. Ihr ältester Sohn bekam auch Krebs. Er starb mit 52.“ Jetzt lächelt sie. „Meine Mutter hat immer gesagt über meine Schwester, sie wäre eine gute Bürgermeisterin geworden. Weil sie so breit gefächert und intelligent war und sich eloquent artikulieren konnte.“ Darum vermisst Gitte ihre Mutter Gitte Hænning vermisst auch ihre Mutter. „Aber es ist ein Geschenk, seine Mutter behalten zu dürfen, bis sie 96 ist. Unsere letzten gemeinsamen Jahre machte ich zu einem einzigen großen Abenteuer. Ich nahm meine Mutter mit aufs Luxusschiff. Zum Rockfestival. In die Wiener Staatsoper. Wir fuhren im Wohnmobil durch Europa. Sie ist aufgeblüht wie eine bezaubernde Königin.“ Als die Familie sagte, die Mutter werde nicht mehr lange leben, holte Gitte sie nach Berlin . „Ich habe sie entführt“, sagt sie und lächelt. Bis heute fragt sie sich, ob sie damals, an diesem letzten Lebenstag der alten Dame, im Theater hätte absagen müssen. „Das weiß ich immer noch nicht.“ „Nach Berlin kam ich wegen der Liebe“ Am Ende, so sagt sie, „geht es immer nur um Liebe“. Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben. „Nach Berlin kam ich ebenfalls wegen der Liebe. Es dreht sich immer um Liebe für mich. Das sind meine Prioritäten.“ Auch heute, mit 80 Jahren, liebt sie die Liebe. „Ich liebe es, verliebt zu sein. Das ist wie Champagner. Das ist das Schönste, was es gibt.“ Und wenn gerade kein Mensch da ist, den Sie lieben können? „Wenn ich in Kopenhagen bin, verliebe ich mich sofort in die Stadt. Die Liebe, die ist philosophischer geworden, die ist bewusster geworden, die ist intellektueller geworden und trotzdem ein bisschen klüger. Auch Fehler gehören zur Liebe.“ Auf die Frage, ob sie Fehler gemacht habe, nickt sie: „Ja, klar. Viele. Ich bin sehr romantisch. Man muss das Leben irgendwo versuchen zu sehen, zu entdecken und zu genießen. Einfach erleben und nicht nach der Norm gehen.“ Ihre große Konstante blieb allerdings immer die Musik. Nicht als Karriere. Nicht als Beruf. Sondern als Lebensaufgabe. Bis heute geht sie auf die Bühne. Ihre aktuelle Tour heißt: „Ich bin stark – 80 Jahre Gitte Hænning.“ Sie strahlt: „Ich will nur Spaß haben mit meinem Publikum und mit den besten Musikern, die ich engagiere. Singen ist sehr gesund für die Seele. Alle sollten singen. Alle sollten tanzen.“ Denn Musik sei weit mehr als Unterhaltung. „Sie ist erfüllend.“ Dass sie einmal Kinderstar wurde, sieht sie bis heute kritisch. „Ich bin gegen Kinderstars.“ Und trotzdem sagt sie rückblickend: „Ich bin da sehr gesund durchgekommen. Vielleicht auch deshalb, weil meine Familie mich nie auf Ruhm reduzierte. Als ich als Kind weinend nach Hause kam, weil andere Kinder mich hänselten, fragte meine Mutter nur: Hast du etwas angestellt? Der Vater sagte: Ach, du brauchst nur zu sagen: Ja, ich singe. Es wurde nie ein Drama daraus.“ Welchen Traum hat sie noch? Sie überlegt nicht lange. „In einem Schloss zu wohnen.“ In welchem Land? „Am liebsten Dänemark.“ Dann lacht sie. „Aber ich glaube, da sind keine freien Schlösser zur Verfügung im Moment.“ Ein skandinavisches Schloss müsse es sein, sagt sie. „Das sind die schönsten Schlösser.“

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