Gladbachs Katastrophenstart: Kapitän zerlegt die Mitspieler, Trainer angezählt und Fans voller Wut
Nach zwei von 34 Spieltagen war noch nie eine Bundesligasaison entschieden. Fest steht aber: In Mönchengladbach ist die Stimmung noch tiefer im Keller als der Blick in die Tabelle verrät. Und im Tableau stehen die Fohlen mit exakt null Punkten und einer Tordifferenz von minus vier auf Platz 17 schon richtig schlecht da.
Doch wer am vergangenen Samstag die vielsagenden Töne aus dem Borussia Park hörte, der merkte schnell, das bei allen Beteiligten nach 180 gespielten Minuten schon wieder in den Panikmodus geschaltet wurde. Die Abstiegsangst und die Sorge vor der nächsten Horrorsaison gehen um.
Denn schon im Vorjahr ging es direkt zur Sache. Florian Neuhaus sorgte noch vor Saisonstart dafür, dass der einstige Serienmeister das Sommerloch erfolgreich mit der "Don-Rollo-Affäre" füllte. Auf dem Platz gab es ebenfalls nur Grund für Negativschlagzeilen und nach nur drei Spieltagen entließ der verspottete Sportdirektor Roland Virkus den damaligen Cheftrainer Gerardo Seoane.
Nach unruhigem Jahr: Polanski sollte die Hoffnung zurückbringen
Als Interimslösung kam Eugen Polanski. Während sich Virkus kurz darauf verabschiedete, blieb der Ex-Gladbach-Spieler die ganze Saison. 38 Punkte reichten auf Platz 12 für den halbwegs souveränen Klassenerhalt.
Doch der 40-Jährige war mehrfach angezählt und taumelte etwas in die neue Spielzeit. Für die Saison 2026/2027 wurden aber im Sommer der Kader von Rouven Schröder auf links gedreht, das Co-Trainerteam ausgetauscht und neue Ideen versprochen.
Aber es blieb vieles beim Alten. Nach der 3:4-Pleite gegen Aufsteiger Elversberg am Wochenende musste sich Schröder medial bereits der Trainerfrage stellen. Die nur halbwegs souveräne Antwort: "Das Wichtigste wird jetzt sein, bei allem trotzdem klar zu bleiben." Sein großer Wunsch: Nicht durchdrehen "und alles in Schutt und Asche" legen.
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Kapitän Kleindienst rasiert den Rest der Mannschaft
Die klare Ansage gab es nahezu zeitgleich von Kapitän Tim Kleindienst, der an mehreren Mikrofonen Tacheles redete und mal eben seine jungen Mitspieler in aller Öffentlichkeit verbal "in Schutt und Asche" legte: "Wir waren alle mal jung, machen alle mal Fehler", sagte Kleindienst, "aber wir wollten anfangen, im Spiel auch mal zu lernen." Alle sollten "schleunigst mal irgendwie unseren Fokus so hochfahren, dass der auch 90 Minuten hält. Keine Ahnung, woran es liegt. Weniger TikTok gucken, oder was weiß ich. Ist mir eigentlich wurscht, was sie machen", erklärte der einstige Teilzeit-Streamer und Nationalspieler.
Dass der Angreifer Frust ablassen musste, war klar. Das hatten die Fans auch, die ihre Mannschaft mit einem lauten Pfeifkonzert abstraften und mit "Absteiger"-Rufen bereits ihren niedergeschlagenen Tabellentipp kundtaten. Dass Kleindienst sich den Anhängern anschließend zunächst nicht stellen wollte, hatte einen bitteren Beigeschmack. Zumal seine eigene Leistung vorher wahrlich nicht viel überzeugender war.
Während Kleindienst am Samstagnachmittag direkt die Aussagen von Schröder untergraben hatte, untergrub danach Phillip Sander direkt die Aussagen von Kleindienst: "Allen jungen Spielern, die heute auf dem Platz standen, mache ich trotzdem ein Kompliment. Sie sind mutig aufgetreten. Ich bin stolz auf jeden Einzelnen. Fehler gehören dazu, es ist Teil des Lernprozesses. Wir als Ältere, als Führungsspieler, sind gefordert." Rumms!
Ein Wir-Gefühl konnte nirgendwo ausfindig gemacht werden. Immerhin gab es laut Bild zu Beginn der Trainingswoche ein klärendes Gespräch und Kleindienst zeigte Einsicht. Dabei war die Stimmung eigentlich gut. Gladbach marschierte mit sieben Siegen in sieben Spielen durch die Vorbereitung. Dabei wurden auch Erfolge gegen die TSG Hoffenheim und Aston Villa gefeiert. Die Mutigsten am Niederrhein wollten sich erstmals nach der Saison 2020/2021 wieder nach Europa träumen.
Und völlig fern schien dieser Wunsch für kurze Zeit nicht. Zwar wurde der Ligaauftakt gegen Leipzig mit 3:0 verloren, doch der Spielverlauf war unglücklich, Gladbach alles andere als chancenlos. Aber eine wirkliche Einheit formte sich nicht. Kleindienst sprach schon genervt von "Kinderfußball".
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"Wahnsinn!" Gladbach leistet sich unerklärliche Fehler
Der Kinderfußball sorgte einerseits dafür, dass die verjüngten Fohlen offensiv einen guten und schnellen Ball spielten und so 3:1 gegen Elversberg in Führung gingen. Andererseits sorgte die Spielweise für eine vogelwilde Absicherung. Vor dem 1:1-Ausgleich durfte David Mokwa nach einem gewonnen Zweikampf gegen Ko Itakura über das halbe Feld alleine Richtung Tor laufen. Beim 3:2 wurde der kurz zuvor eingewechselte Maurice Krattenmacher einfach vergessen, während die Fohlen noch überlegten, ob jemand den zum Abpraller gehen soll oder lieber nicht.
Der Anschluss war allerdings kein Alarmsignal. Startelf-Debütant Mathieu Nguefack arbeitete fleißig für die Kleindienst-Abreibung und schenkte zunächst den Ball per Fehlpass her und foulte dann an der Strafraumkante. Den folgenden Freistoß schraubte Felix Keidel in den Knick. Sich nach dem Spielverlauf anschließend noch in der Nachspielzeit vom Aufsteiger im eigenen Stadion zum 3:4 auskontern zu lassen, war an Naivität nicht mehr zu überbieten, was Kleindienst von der Bank aus grundsätzlich richtig analysieren konnte.
Die Fehler und Probleme sind durchaus offensichtlich. Vor allem hinten stimmt die Abstimmung noch nicht. Wie auch, wenn ein Neuzugang unter neuen Abläufen in der Innenverteidigung spielt? Den HSV ereilte am Sonntag aus ähnlichen Gründen ein ähnliches Schicksal.
Gemeinsam mit den Hamburgern stellen die Gladbacher mit sieben Gegentoren die aktuell schlechteste Defensive. Das ist längst kein Zufall, wie schon 39 zugelassene Schüsse und 21 zugelassene Torschüsse beweisen. Aber es sind auch individuelle Unachtsamkeiten, die den Trainer auf die Palme brachten: "Diese Fehler, dieses konsequente Nicht-Verteidigen, das ist der Wahnsinn", ärgerte sich Polanski, der bei seinen Wechselentscheidungen allerdings auch kein glückliches Händchen bewies. Starke Spieler gingen zu früh raus, schwache Spieler blieben zu lange drauf.
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Kaum fitte Neuzugänge: Gladbachs unglaubliches Verletzungspech
Vor allem im Mittelfeldzentrum, das bisher kaum Zugriff bekam, mangelt es aber auch an Alternativen. Es scheint fast schon ein Fluch, dass die beiden Neuzugänge Enzo Leopold (Kreuzbandriss) und Zento Uno auf der Position direkt ausfallen.
Am Dienstag folgte dann auch die nächste Hiobsbotschaft: Last-Minute-Hoffnungsträger Nicolas Kühn, dessen Verpflichtung laut Bild bei einigen Positionskonkurrenten für Überraschung gesorgt haben soll, wird mit einem Muskelbündelriss wochenlang fehlen. "Das ist maximal unglücklich für Nicolas und auch für uns", klagte Schröder, dessen Abwehr-Neuverpflichtungen Yukhym Konoplia und Daiki Hashioka ebenfalls aktuell nicht auflaufen können.
Schlechte Erfahrungen: Gladbach will den Super-GAU vermeiden
Unter diesen Umständen wären zwei Auftaktniederlagen gegen einen Champions-League-Teilnehmer sowie einen ambitionierten Aufsteiger, der auch schon Leverkusen putzte, nicht weltbewegend. Doch richtige Sorgen bereitet weniger das Sportliche als der Umgang mit der aktuellen Krise, der schon wieder nach Weltuntergangsstimmung schreit.
Mitte der Zehnerjahre bis Anfang der Zwanzigerjahre pendelte die Borussia zwischenzeitlich zwischen Europa League und Champions League. Der Weg ins Mittelmaß folgte und zuletzt zeigte die Tendenz beim Traditionsverein immer weiter nach unten.
Das Muster ist am Niederrhein nicht fremd, schon der erste Abstieg 1999 hatte sich angekündigt. Der Weg zurück in Richtung der gehobenen Bundesliga-Klasse dauerte lange und nahm noch einmal den Umweg durch das deutsche Unterhaus. Nach zwei Spieltagen ist natürlich nichts entschieden, aber schon jetzt müssen womöglich entscheidenden Entscheidungen getroffen werden, wenn ein erneuter Abstieg nicht zeitnah angetreten werden soll.
Borussia Mönchengladbach: Die Bundesliga-Platzierungen seit 2020
Saison
Platz
Punkte
Tore
Gegentore
2020/2021
8
49
64
56
2021/2022
10
45
54
61
2022/2023
10
43
52
55
2023/2024
14
34
56
67
2024/2025
10
45
55
57
2025/2026
12
38
42
53
2026/2027*
17
0
3
7
*nach zwei absolvierten Spieltagen