Gloria-Sophie Burkandt: "Brandmauer gegen die Älteren"
Gloria-Sophie Burkandt hat ein Buch über Künstliche Intelligenz geschrieben, obwohl sie der Ansicht ist, dass ihre Generation nicht mehr linear liest. Warum also hat sie keine TikTok-Videos dazu gemacht?
Ein Interview
von Patricia Kämpf
Sie nutzt Künstliche Intelligenz eigentlich ständig, sagt Gloria-Sophie Burkandt. Folgerichtig hat die Tochter des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nun auch ein Buch darüber geschrieben: "Generation KI".
Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht die 27-Jährige über die Reaktion ihres Vaters nach der Lektüre und erklärt, warum in ihren Augen derzeit überall eine "krasse Endzeitstimmung" herrscht.
Frau Burkandt, haben Sie Ihr Buch mit KI geschrieben?
Gloria-Sophie Burkandt: Nein, ich glaube, man wäre ziemlich dumm, wenn man heutzutage ein Buch oder wissenschaftliche Arbeiten mit KI schreibt. Man merkt sofort, wenn etwas mit KI geschrieben ist.
Woran?
An der Eintönigkeit und dem Unpersönlichen, am Perfektionismus. Es ist ein Unterschied, ob etwas von Herzen geschrieben ist oder von einer KI. Beim Menschen gibt es Nuancen. Auch in meinem Buch gibt es tiefere Momente, dann wieder Momente, die erleichternd und optimistischer sind, dann wieder sehr reflektierende. Das ist es, was Texte, die von Menschen geschrieben sind, besonders macht.
Spiegelt Ihr Buch die Zeit wider, in der Sie es geschrieben haben?
Dass ich vor drei Jahren ein Buch geschrieben habe, das jetzt gerade das absolute Thema ist, wusste ich damals nicht. Ich habe mir schon vor Jahren Gedanken über den gesellschaftlichen Wandel gemacht. Weil ich in New York gelebt habe, war ich schon ein bisschen voraus – in Amerika ist alles zwei Jahre voraus. Ich habe die elementaren Themen gesehen und mich gefragt: Was macht das mit uns Menschen? Was bedeutet das für uns junge Menschen und für die Erde? Diese Erkenntnisse, Erlebnisse und Beobachtungen habe ich aufgeschrieben.
Ich habe das Glück, dass ich von sehr vielen Entscheidungsträgern umgeben bin, privat wie beruflich. Mein Buch ist ein Sachbuch mit Beobachtungen zum gesellschaftlichen Wandel, untermalt mit Thesen und Beispielen aus meinem Leben. Es ist keine Biografie, die Beispiele aus meinem Leben sollen eine gewisse Nahbarkeit erzeugen.
Erst kürzlich haben die Tech-Bosse vor KI gewarnt und gesagt, sie könnte uns bis Ende des Jahrzehnts töten, wenn die Entwicklung in dem Tempo voranschreitet. Was haben Sie da gedacht?
Ich wusste das schon lange, und das wussten die auch schon lange. Aber nur weil man eine Erkenntnis hat, geht man damit nicht sofort an die Medien. Ich glaube, wir alle kennen das: Wenn mir etwas Spaß macht, etwa ein Buch zu schreiben, dann schreibe ich weiter und weiter. So ist es auch bei den KI-Startups. Wenn die sich in die Forschung reinsteigern, ist alles faszinierend und ein toller Prozess. Keines dieser Startups oder Unternehmen will die Welt zerstören, aber das Excitement bei den Innovationen ist so groß, dass der andere Aspekt manchmal vergessen wird. Die Globalisierung hat Vor- und Nachteile. Es liegt immer an uns Menschen, wie wir damit umgehen.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ihre Generation nicht mehr linear liest und in Texten hin- und herspringt. Warum haben Sie sich für ein Buch entschieden und nicht TikToks zu dem Thema gemacht?
Es war nicht meine Absicht, ein Buch zu schreiben. Ich habe meine Gedanken wie in einem Tagebuch aufgeschrieben und dachte, wenn das mal eskaliert, kann ich es vielleicht eines Tages veröffentlichen. Irgendwann habe ich es einem Verlag in München geschickt. Die fanden das Thema super interessant, ein bisschen philosophisch, gleichzeitig politisch und psychologisch. Ich bin keine klassische Influencerin, tue mich schwer, auf Instagram zu reden, Videos zu schneiden – ich habe großen Respekt vor Influencern, aber ich bin da noch nicht so drin und es ist mir auch unangenehm. Deswegen habe ich es aufgeschrieben. Wer es lesen will, liest es. Wer sich dafür interessiert, tut das. Wer nicht, nicht. Das Buch richtet sich an Jung und Alt.
Was meinen Sie konkret mit "Generation KI"?
Viele Menschen aus der älteren Generation haben ein junges Mindset. Gleichzeitig gibt es die Jungen, die mit KI aufwachsen. Mit "Generation KI" meine ich jeden, der sich mit dem Thema beschäftigt und sich auf eine KI-Welt vorbereiten will. Aktuell gibt es eine krasse Endzeitstimmung auf dieser Welt. Nach Corona war das schon so, gerade kommen noch die Kriege und die globale Erwärmung dazu. Für viele junge Leute ist die Zeit extrem hoffnungslos. Aber gleichzeitig sind sie sehr positiv. Sie machen TikToks, sind zusammen, haben Spaß, sind draußen.
Das ist nicht die Generation der Faulheit, sondern die Generation der Empathie und Sinnhaftigkeit. Sie wollen etwas machen, das ihnen Sinn gibt, und Geld allein reicht nicht mehr. Natürlich wollen alle einen Job, aber niemand arbeitet mehr 16 Stunden in einem Job, der ihm nicht gefällt, nur wegen des Geldes. Deswegen sage ich auch Eltern und Menschen mit Führungsverantwortung: Sie müssen aufpassen, es gibt gerade einen Generationskonflikt.
Die Jungen fangen an, eine Brandmauer gegen die Älteren zu errichten. Wenn Belehrungen von oben herab kommen, wenn die Älteren den Jungen erklären wollen, wie die Welt funktioniert, kommt das überhaupt nicht gut an. Nicht nur im Beruf, auch im Privaten: Wenn Eltern streng von oben herab sind, kann das junge Menschen demotivieren und ihre Ideen, Hoffnungen und Motivationen einschränken. Ich finde es wichtig, diese Brandmauer zu vermeiden. Das Leben ist ein Miteinander. Die ältere Generation kennt so viele gute Weisheiten und hat die Erfahrung, gleichzeitig braucht es den Mut, die Motivation und die Kreativität der jungen Menschen.
Haben Sie mit Ihren Eltern vorab über das Buch gesprochen?
Nein, nur zwei Freunde haben es gelesen. Ich finde, über Projekte sollte man erst reden, wenn sie realisiert sind. Ich bin da sehr demütig und weiß auch nicht, wie das Buch ankommt. Ich hoffe, es bewegt etwas in den Menschen.
Hat Ihr Vater sich schon dazu geäußert?
Mein Vater findet es sehr gut, er hat den Anfang gelesen. Kurz danach hat er einen neuen Ministerposten angekündigt: Minister für Jugend und Demokratie. Da dachte ich mir: Genau so sollte man das machen. Das ist Leadership, das Thema ist so wichtig. Unsere Demokratie ist super wichtig – und ebenso, dass man auf die Jugend eingeht. Als er den Posten angekündigt hat, habe ich kurz gedacht: Hat er mein Buch vielleicht ganz gelesen? (lacht) Denn ich betone das darin auch. Mein Vater versucht, auf die Jungen zu hören und sich anzupassen – ohne dass ich ihn jetzt in Schutz nehmen möchte. Aber die Politiker von heute müssen sich der Jugend und der Bevölkerung anpassen.
Sprechen Sie mit ihm auch über KI?
Mich interessiert immer, welche neuen Startups, Entwicklungen und Innovationen es in München und Bayern gibt, darüber sprechen wir manchmal. Aber KI nutzen wir alle und haben Berührungspunkte. Ich denke, dass KI-Unternehmen langfristig relativ hoch besteuert werden und sich das steuerlich auf die Bevölkerung auswirken wird. Wenn viele Jobs wegfallen, müssen sich das Steuersystem und auch das Grundversorgungssystem verändern. Ich glaube, es wird ein bedingungsloses Grundeinkommen geben und niemand wird mehr hungern müssen. Das ist auch die Vision der Jungen: Keiner soll leiden, keiner soll hungern, keiner soll in Angst leben und keiner soll ungerecht behandelt werden.
Da hätte KI etwas Gutes.
Ich sehe durch KI einen Wandel, der wichtig ist. Die Welt und die Jungen sehnen sich nach einer Veränderung, weil die Welt, so wie sie ist, keinen Spaß mehr macht. Mir macht sie keinen Spaß, und den anderen Jungen auch nicht, mit denen ich Interviews geführt habe. Die Welt, so wie sie jetzt ist, ist auch ein bisschen langweilig. Es braucht einen gewissen Wandel. Deswegen sind junge Menschen KI gegenüber offener. Ob KI irgendwann das Menschsein übernimmt oder nicht – das liegt an uns, also dass wir uns richtig vorbereiten und unsere Menschlichkeit noch mehr hervorheben, Freunde treffen, an unseren Social Skills arbeiten, in Vereine eintreten, mehr Hobbys haben.
Ich selbst bin ein Mix aus extrovertiert und introvertiert, das schwankt. Wenn ich extrovertierter bin, lerne ich viel von anderen Menschen. Sobald man sich ein paar Tage zurückzieht, merkt man ja auch, wie schwer es einem fällt, wieder in Gruppen zu sein.
Sie haben gesagt, dass Sie privat ständig KI nutzen. Gibt es einen Bereich, in dem Sie KI niemals um Rat fragen würden?
Berufliche Entscheidungen, menschliche Entscheidungen, Freundschaften, Liebe, Familie – solche Entscheidungen treffe ich nur selbst. Bei Wissensfragen frage ich die KI, treffe aber meine Entscheidungen auch immer selbst. Die KI kann unsere Intuition nicht beeinflussen. Mein Kopf sagt oft Nein und mein Bauchgefühl, also meine Intuition, Ja. Je öfter ich darauf höre, desto mehr merke ich, dass es richtig ist. KI kann vieles vorhersehen, aber sie kann unsere Intuition nicht vorhersehen. Die hat oft nichts mit Logik zu tun.
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Da es ja um KI geht, habe ich ChatGPT gefragt, welche Frage ich Ihnen stellen soll: "Sie schreiben über KI. Warum sollte ein Mensch ein Buch über künstliche Intelligenz lesen, wenn er mich einfach selbst fragen kann?" Was würden Sie antworten?
Na ja, es ist immer noch ein Computer. Das ist meine Antwort. Nur weil die Antworten menschlich geschrieben sind, kommen sie nicht von realen Menschen, dessen müssen wir uns alle bewusst sein. Das ist nur ein System. Aber natürlich ist KI für viele Menschen, die kein soziales Umfeld haben, ein guter Weg, um etwas Nahbares zu haben. Es gibt auch an KI etwas, das sehr gut ist: Viele Menschen, die sich nicht trauen, zu einem Psychologen oder Therapeuten zu gehen, oder die nicht wissen, wie sie mit Freundschaften, Diskussionen oder Konflikten umgehen sollen, fragen die KI. Ich finde es gut, wie die KI dann auf Gefühle eingeht und Ratschläge gibt. Das hat Potenzial für die Arbeit an sich selbst, weil viele Menschen dann vielleicht offener dafür sind, an sich zu arbeiten. Und das kann elementare Veränderungen schaffen.