GMF 140 für die Deutsche Marine?
Angesichts der Größe und der Kosten des F127-Projekts der Deutschen Marine gibt es Überlegungen, das Projekt neu auszurichten. So stehen neben kleineren Anpassungen auch eine Reduktion der zu beschaffenden Einheiten, eine Reduktion des Fähigkeitsniveaus oder ein Wechsel von dem amerikanischen AEGIS-FüWES (Führungs- und Waffeneinsatzsystem) zu einer europäischen Alternative zur Debatte. Mit der Veröffentlichung des GMF 140-Konzepts hat Rheinmetall eine etwaige Lösung vorgestellt, die den Vorstellungen einzelner Stakeholder entsprechen dürfte, obgleich diese offiziell nur für den Exportmarkt gedacht ist. Der folgende Beitrag stellt die Machbarkeit des F127-Projektes auf Basis der GMF 140 und die damit verbundenen Herausforderungen dar. 1. Vergleich MEKO A-400 AMD mit GMF 140 Die folgende Tabelle soll einen Überblick über die groben Unterschiede zwischen beiden Entwürfen gewähren und greift dafür auf den Sachstand zu F127 Ende letzten Jahres und die grafischen Darstellungen der GMF 140 zurück: Beide Entwürfe sollen folglich vollumfänglich zur AAW (Anti-Air Warfare) inklusive BMD (Ballistic Missile Defence), ASW (Anti-Submarine Warfare), ASuW (Anti-Surface Warfare) inklusive DPS (Deep Precision Strike) und EloKa befähigt sein. 2. Probleme der GMF 140 Angesichts der von Rheinmetall kommunizierten Verdrängung von etwa 6.000 Tonnen stellt sich die Frage, inwiefern alle anvisierten Fähigkeiten sinnvoll abgebildet werden können. So handelt es sich bei dem anvisierten Fähigkeitsportfolio letztendlich um das eines vollwertigen Zerstörers an der Grenze zum Lenkwaffenkreuzer. Entwürfe mit vergleichbaren Fähigkeiten sind auch im internationalen Vergleich für gewöhnlich deutlich größer, um alle benötigten Systeme und das dafür benötigte Personal unterbringen zu können. Daher ist es möglich, dass beispielsweise Ausdauer und Reichweite der Schiffe unterdurchschnittlich ausfallen. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass die Unterbringung des Personals, Aufwuchsreserven oder die Einschiffung von Bordhubschraubern nicht den Vorstellungen der Deutschen Marine entsprechen. Der veröffentlichte Entwurf setzt auf das US-amerikanische SPY7-Radar von Lockheed Martin als primäres Multifunktionsradar. Die Deutsche Marine hat sich allerdings für die Beschaffung des SPY6-Radars entschieden, für dessen Beschaffung im Rahmen der Anschubfinanzierung bereits erste Finanzmittel geflossen sind. Daher würden bei einem Wechsel zum SPY7 Finanzmittel sowie zeitliche Vorteile verloren gehen. Unabhängig von den Nachteilen eines Wechsels sollten vor diesem Hintergrund erneut die Vorteile des SPY6 betrachtet werden. Das SPY6 kann über die Anzahl von RMA-Modulen (Radar Modular Assembly) leicht skaliert werden und stellt in seinen verschiedenen Versionen die querschnittliche Langzeitlösung der seegehenden Einheiten der US-Marine dar. Folglich kann die Deutsche Marine bei einer Beschaffung des SPY6 von den Skaleneffekten dieser Radarfamilie profitieren und sich bei Instandhaltung und Weiterentwicklung der US-Marine anschließen. Da das SPY6 allerdings von dem US-Rüstungskonzern RTX entwickelt und produziert wird und Rheinmetall eine Zusammenarbeit mit Lockheed vereinbart hat, ist eine konzeptionelle Auswahl des SPY7 nachvollziehbar. Für die Deutsche Marine sollte jedoch unbedingt auf das SPY6 gesetzt werden. Dabei sollte mindestens die SPY6(v)4-Version mit 24 RMA-Modulen angestrebt werden. Ein weniger leistungsfähiges Radar wäre gegenüber der ursprünglichen Auswahlentscheidung zu Gunsten des SPY6(v)1 mit 37 RMA-Modulen aufgrund der weitaus geringeren Leistungsfähigkeit nicht zu rechtfertigen. Unabhängig von der Auswahlentscheidung des SPY-Multifunktionsradars will die Marine weitere Radare für unterschiedliche Anwendungszwecke einrüsten. Ein Beispiel hierfür ist die perspektivische Integration des FXR-Feuerleitradars (Future X-Band Radar) als Ergänzung der AN/SPG-62G, die auf einem platz- und stabilitätstechnisch begrenzten Entwurf wie der GMF 140 kaum umsetzbar sein dürfte. Ebenfalls ist fraglich, inwiefern Nahbereichsradare wie das AN/SPQ-9B oder das Spexer-2000 integriert werden können. Des Weiteren wirft das Antriebskonzept der GMF 140 Fragen auf. So ist auf den grafischen Darstellungen des Konzepts kein Schornstein zu erkennen. Daher ist davon auszugehen, dass die GMF 140 vollständig auf Abgasaustritte auf Höhe der Wasserlinie setzt. Es ist allerdings fraglich, inwiefern diese Form der Abgasableitung mit der Durchsatzmenge einer oder mehrerer Gasturbinen vereinbar ist. Daher ist denkbar, dass das Konzept auf eine Antriebsform ohne Gasturbine wie beispielsweise CODAD oder CODLAD setzt, womit sich die Frage stellt, wie die anvisierte Geschwindigkeit von +30 Knoten erreicht werden soll. Sollten hieraus Restriktionen in Bezug auf die maximale Geschwindigkeit des Schiffs resultieren, steht dies den Vorstellungen der Marine entgegen. So soll F127 32 Knoten leisten können, um im Rahmen von Flugzeugträgerkampfgruppen eingesetzt werden zu können. Ebenfalls ungewöhnlich erscheint das Design einer Querstrahlanlage direkt hinter dem Bugsonar. Ohne technische Lösung birgt eine solche Anordnung das Risiko einer Beeinflussung des Bugsonars durch etwaige entstehende Geräuschemissionen. Dies wäre ein offensichtliches Problem. Der Entwurf wirft noch weitere Fragen auf: Die Boxlauncher für die NSM-Seezielflugkörper sollten sich nicht gegenüberstehen, um die Gefahr einer Beschädigung der Werfer beim Start einer NSM auszuschließen. Daher sollte ein Werfer etwas nach achtern versetzt werden, was jedoch mehr Platz erfordern würde. Die augenscheinlich zweifach eingeplanten SatCom-Anlagen und vierfach eingeplanten Stabantennen dürften nicht für eine ausreichend redundante Breitbandanbindung ausreichen. Nicht zuletzt ist die anvisierte Besatzungsgröße in Kombination mit der begrenzten Einschiffungskapazität äußerst knapp bemessen. Es stellt sich daher beispielsweise die Frage, welche Auswirkungen dies auf die Fähigkeit der Besatzung hätte, effektive Schadensabwehr zu leisten. Dies wird insbesondere durch die Planungen zur Fregatte F127 unterstrichen, für die die doppelte Besatzungsgröße anvisiert wird. Diese Einschränkungen im Vergleich zum bisherigen Entwurf der F127 sind auf die knappen Abmessungen und die Notwendigkeit, eine gegenseitige Beeinflussung verschiedener Strahlungsemitter an Bord zu vermeiden, zurückzuführen. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern die begrenzte Verdrängung bei einem neuen Entwurf in diesem Fähigkeitsspektrum sinnvoll ist. 3. Die bisherige F127 Wie zu vernehmen ist, stoßen sowohl die Kosten als auch die Größe von F127 auf Unverständnis. Um diese Aspekte einordnen zu können, ist jedoch eine detailliertere Betrachtung notwendig. Die F127 orientiert sich leistungstechnisch und in Bezug auf die getroffenen Auswahlentscheidungen klar an den US-amerikanischen Flight-III Zerstörern der Arleigh-Burke-Klasse, die knapp 10.000 Tonnen verdrängen. Dabei sind diese Schiffe bekanntermaßen am absoluten Maximum des ursprünglichen Entwurfs und bieten keine weiteren Reserven für zukünftige Anpassungen. Es darf daher nicht verwundern, dass ein neuer Entwurf mit entsprechenden Reserven unter Beachtung des DMS (Deutsche Marinestandard) eine Verdrängung oberhalb von 12.000 Tonnen aufweist. Des Weiteren sind AEGIS-basierte Zerstörer bekanntermaßen nicht billig. Die Beschaffung solcher Schiffe in Verbindung mit einem Munitionspaket im Wert von mehreren Milliarden Euro und der Entwicklung verschiedener Systeme wie beispielsweise des GTI (German Tactical Interface) für die Integration von AEGIS mit CMS330 ist zwangsläufig kostspielig. Es sollte nicht der Fehler gemacht werden, hier mit den von Fregatten bekannten Größenordnungen zu kalkulieren, nur weil F127 irreführenderweise als Fregatte bezeichnet wird. Daher sollte eine Debatte über die Notwendigkeit gewisser deutscher und europäischer Vorschriften, die komplexitäts- und kostentreibend wirken, geführt werden, statt zu hinterfragen, wieso leistungsfähige und volldimensional durchsetzungsfähige Zerstörer entsprechende Abmessungen aufweisen. Wer bei F127 Kosten und Verdrängung einsparen will, kann dies ab einem gewissen Punkt nur zulasten der Fähigkeiten erreichen. Dies ist grundsätzlich legitim, muss aber auch klar so benannt werden. Vor diesem Hintergrund sollte auch das italienische DDX-Programm beachtet werden, das vor vergleichbaren Herausforderungen steht. 4. Ein Wechsel von A-400 AMD zu GMF 140? Grundsätzlich sollte das Fehlen von Angaben zu Tiefgang, Breite, Ausdauer oder Reichweite der Schiffe Fragen aufwerfen. So sollte kritisch hinterfragt werden, in welchem Stadium sich die Arbeit an der GMF 140 befindet. Falls die GMF 140 als Grundlage von F127 zum Einsatz kommen sollte und folglich entsprechenden Anpassungen und Vorschriften unterworfen werden würde, ist eine Mindestverdrängung von 9.000 Tonnen klar realistisch. Es wäre des Weiteren davon auszugehen, dass eine Beschaffung eines solchen Entwurfs ebenfalls signifikanter Finanzmittel bedürfte. So wäre eine Beschaffung von F127 auf Basis der GMF 140 im Vergleich zur A-400 AMD in Relation zum SPY-Radar und der Anzahl der VLS-Zellen vermutlich weniger effizient. Nicht zuletzt muss angemerkt werden, dass bereits seit Jahren an dem Entwurf auf Basis der A-400 AMD gearbeitet wird. Bei einer drastischen Neuausrichtung des Projekts müsste von vorne begonnen werden, was einer Verzögerung um mehrere Jahre gleichkommt. Angesichts des nahenden Nutzungsdauerendes der Sachsen-Klasse wäre dies kaum hinnehmbar. Nicht zuletzt sollte darauf hingewiesen werden, dass verschiedene Rüstungsprojekte Rheinmetalls wie die Luftlandeplattform Caracal, der Pionierpanzer Kodiak 3 oder der Schwere Waffenträger Infanterie von Verzögerungen geplagt sind. Auch Projekte der Naval Division Rheinmetalls wie die Marinebetriebsstoffversorger der Klasse 707 oder die Flottendienstboote der Klasse 424 sind von Verzögerungen betroffen. Insofern sollte hinterfragt werden, inwiefern das nächste Großprojekt der Bundeswehr unter der Ägide Rheinmetalls realisiert werden sollte, wenn eine Alternative zur Verfügung steht. 5. Fazit Es ist unstrittig, dass F127 eine große finanzielle, personelle und logistische Herausforderung für die Deutsche Marine darstellt. Vor diesem Hintergrund ist Kritik an den Dimensionen des Projekts nachvollziehbar. Es sollte jedoch nicht der Fehler gemacht werden, anzunehmen, dass es hier eine leichte Lösung oder einen einfacheren Weg gibt. F127 ist das Produkt eines langwierigen Marktsichtungs- und Bewertungsverfahrens, das mehrfach kritisch hinterfragt wurde. Falls das Projekt neu ausgerichtet wird, muss allen Stakeholdern bewusst sein, dass auch eine solche Neuausrichtung schwerwiegende Kompromisse zur Folge hätte und absehbar zu weiteren Verzögerungen führen würde. Daher sollten die Marineführung und das Bundesministerium der Verteidigung den Diskurs suchen, um eine produktive Lösungssuche zu ermöglichen und das bestmögliche Schiff für die Marine zu beschaffen.