Goldgräberstimmung : Berater in der Frauen-Bundesliga: "Schlimmer als bei den Männern"
1,65 Millionen Euro. Damit ist Klara Bühl, 25, FC Bayern München, laut neuester Marktwerterhebung des Portals "Soccerdonna" die drittwertvollste Spielerin der Welt. Die Summe, sagt ihr Berater Jörg Neblung der Sportschau, sei "nicht übertrieben", für Bühl gäbe es aktuell "eine Nachfrage, die den Preis natürlich maßgeblich beeinflusst". Der vor Jahren noch utopische anmutende siebenstellige Betrag im Frauenfußball - längst erreicht. Vor allem mit Blickrichtung England, wo es in der Women's Super League immer häufiger Millionentransfers gibt. Der erste war der von Naomi Girma von San Diego nach Chelsea im Januar 2025. Vor wenigen Wochen vermeldete dann Real Madrid stolz den schwedischen Neuzugang Felicia Schröder als "teuersten Transfer in der Geschichte des Frauenfußballs". Als dieser galt bislang der von Lizbeth Ovalle zu Orlando Pride für 1,3 Millionen Euro. Klara Bühl: Wird sie die teuerste Spielerin - oder lohnt es sich zu bleiben? Hierzulande ist Lisa Baum (RB Leipzig/FC Arsenal) seit Juli dieses Jahres mit 600.000 Euro Ablöse Rekordhalterin. Was Klara Bühl angeht, die schon mehrfach mit Barcelona in Verbindung gebracht wurde: Es könnte sich für die Nationalspielerin und ihren Agenten lohnen, noch ein Jahr mit einem Wechsel zu warten - was wiederum nicht gut für den FC Bayern wäre. Denn 2027 läuft Bühls Kontrakt aus, sie wäre dann ablösefrei. In solchen Fällen sind ein Handgeld und ein höheres Gehalt möglich. Berater Neblung spricht von einem "guten Paket" aus Sicht der Spielerin: "In der Tat sind die Top-Ten-Vereine der Welt an ihr interessiert." Er verdient natürlich mit, so oder so. Das Honorar der Agenturen berechnet sich laut Insidern in erster Linie prozentual am Brutto-Grundgehalt der Spielerin. Und so lohnt es sich mittlerweile auch, Spielerinnen in der am Freitag mit der Auftaktpartie Union Berlin gegen Bayern München startenden Bundesliga zu beraten. Zwar liegt das Durchschnittsgehalt in der Bundesliga nur bei 4.000 monatlich - aber es wächst stetig. Immer mehr Spielerinnen erhalten deutlich mehr als die Masse, bis zum Sechsfachen. Global betrachtet wächst die Branche rasant, inklusive steigender Zuschauerzahlen, TV-Erlöse und Investoren in England, Frankreich und den USA. 350 Agenturen europaweit - und viele haben nicht einmal eine Beraterlizenz Jörg Neblung, seit fast 30 Jahren im Geschäft, hat die Wachstumschancen früh erkannt. Er gilt als ein sogenannter First Mover - einer, der bereits investierte, als eine Beratung im Frauenbereich oft nur ein besser bezahltes Hobby war. 2018 gründete er neben seiner bereits florierenden Agentur mit männlichen Klienten auch die Firma "Fem11". Damals beackerte er mit einen Dutzend anderen den Markt. Beobachter gehen heute davon aus, dass es inzwischen in Europa rund 350 größere und kleine Frauenfußball-Agenturen gibt. Die würden nur so "aus dem Boden sprießen", sagt Neblung. Viele arbeiten ohne die eigentlich notwenige FIFA-Lizenz für Berater. Es seien oft Mitstreiter, "die eigentlich gar keinen wirtschaftlichen Hintergrund haben für eine professionelle Agentur", weiß Neblung: "Das heißt, sie müssen tricksen, wie sie Klientinnen gewinnen und Transfers ohne bestehendes Netzwerk realisieren." Er spricht von Goldgräberstimmung: "Da sind durchaus einige unterwegs, die wissen gar nicht wovon sie reden, verwirren die Spielerinnen, indem sie Dinge in Aussicht stellen, die nicht marktadäquat sind." Von verschärften Wettbewerbsbedingungen berichtet auch Jasmina Čović, eine weitere Pionierin in der Branche. Ihre Münchner Agentur WFA (Women's Football Agency) gründete sie 2015, nachdem sie während ihres Studiums in Wirtschaftswissenschaften und Sportmanagement eher zufällig reingerutscht war: Mit 21 Jahren half sie einer Fußballerin, einen Bundesligaklub zu finden. Ein Freundschaftsdienst. Die Provisionsrechnungen an Vereine wiesen allenfalls kleine Beträge aus - es gab ja auch keine nennenswerten Ablösezahlungen. Wenn Jasmina Čović heute schildert, wie größere Agenturen, die früher nur im Männerbereich aktiv waren, ihre Spielerinnen abwerben - dann klingt das nach Gedränge mit Spikes an den Ellbogen. "Permanent angegangen" werde zum Beispiel ihre Klientin Laura Freigang, Nationalspielerin von Eintracht Frankfurt. "Spielerinnen verlassen Top-Agenturen mit starken Teams und Netzwerken für windige Neuankömmlinge auf dem Frauenfußballmarkt", sagt Čović: "Ich sehe da keinen Unterschied mehr zu den Männern." Čovićs Kollege Neblung geht noch weiter: "Ich möchte behaupten: Es ist sogar schlimmer als bei den Männern, obwohl die Erlöse dort wesentlich höher sind." Abwerbungen, Versprechungen - und Agenturwechsel Fast jede Spielerin in der ersten und zweiten Liga hat mittlerweile einen Berater. Waren viele Spielerinnen früher froh, überhaupt eine Agentur zu finden, die ihnen Türen bei Vereinen und Sponsoren öffneten, würde heutzutage "nicht lang gefackelt, aus einem Momentum heraus plötzlich die Berateragentur gewechselt. In Deutschland wird extrem hart abgeworben, weil wir keinen rechtlichen Schutz genießen", so Neblung. Der entscheidende Nachteil zu anderen Ländern: Es gibt keine Exklusivität für den Arbeitsvermittler, Verträge können leicht gekündigt werden. In England ist das zum Beispiel frühestens nach zwei Jahren möglich. Viele Spielerinnen in Deutschland nutzen das aus, wechseln zu der Agentur, die am meisten verspricht. Das sei ihm auch schon passiert, als die Verträge eigentlich bereits unterschriftsreif ausverhandelt waren, sagt Neblung. Solche Abwanderungen können schmerzhaft sein: Er verlor zum Beispiel Nationalspielerin Elisa Senß, die mit der von ihm verhandelten Ausstiegsklausel von Frankfurt zu Real Madrid gewechselt ist. Jasmina Čović hat im Gespräch mit der Sportschau eine Erklärung für den rauen Umgang im Frauenfußball, der früher noch Etiketten wie Fairplay, Familie und Respekt trug. Nur noch die Frauenteams von Männer-Profivereinen spielen in der Bundesliga. "Die Entscheidungen im Frauenfußball treffen doch vor allem Männer in den Chefetagen", sagt Čović, die familiäre Komponente sei Vergangenheit. Und die Klubbosse streben auch danach, die Frauenabteilungen nicht langfristig subventionieren zu müssen - im Schnitt liegt der Fehlbetrag pro Bundesligist bei rund zwei Millionen Euro. Im Haifischbecken wird Jagd auf immer jüngere Fische gemacht "Die Beraterszene ist mittlerweile ein Haifischbecken", sagt Jasmina Čović nüchtern. Alle jagen nach den großen Fischen. Denn die große Masse an lukrativen Top-Transfers bleibt, ebenso wie im männlichen Jugendfußball, noch aus. 3.000 Euro Beraterprovision im Jahr, mehr könne man von einer jungen Bundesligaspielerin als Honorar kaum nehmen. "Aber was bleibt davon noch nach Steuern?" fragt Čović. Es geht also darum, die großen Fische zu bekommen - oder junge Fische zu jagen und zu hoffen, dass sie schnell groß werden. Čović erzählt, wie bereits 13-jährige Spielerinnen mit Versprechungen geködert werden - eine Playstation gäbe es als Einstiegsgeschenk. Jörg Neblung hat ähnliche Erfahrungen gemacht, spricht von einem Rennen der Agenturen. Vor allem die großen haben längst ein Netzwerk an Scouts im In- und Ausland. "Wenn ich zu spät bin, habe ich irgendwann keine Zugriffschancen mehr auf ein sehr großes Talent - und deshalb geht das immer weiter runter", so Neblung, der sich aber stets die Sinnfrage stellt: Er wolle nicht jahrelang Zeit und Geld in ein "überbetreutes" Talent stecken, bevor er mit 18 die erste kleine Provision generiere kann. Gerade hat er mit Leonie Dalming vom SV Meppen eine 15-jährige Nationaltorhüterin unter Vertrag genommen - das sei seine Alters-Schmerzgrenze. Viele Agenturen sind noch Zuschussgeschäfte - wie die Bundesligisten Insgesamt betreut Neblung mit seinem vierköpfigen Team rund 40 Spielerinnen. Mehr sei nicht leistbar, weil auch "die Serviceerwartungen der Spielerinnen deutlich gestiegen sind", vom Ernährungsberater über Individualtrainer bis hin zu Social-Media-Arbeit werde Rundum-Leistung verlangt. Das sei bisweilen hart an der Grenze zur Rentabilität. "Wenn ich 2.500 Euro brutto im Jahr als Berater verdiene und soll damit einen Ganzjahresdienst leisten, inklusive Präsenz vor Ort am Fußballplatz - wie die Dienstleistung dann noch angemessen bezahlt?" Wie die Vereine würde denn auch so manche Berateragentur durch die Männer-Abteilung mitfinanziert, sagt Neblung. Er hingegen könne sich ein Team auf professioneller Basis leisten, weil seine Maxime sei: "Wir versprechen nichts, was wir nicht halten können."