Goldminenaktien werden etwas Geduld reichlich belohnen
Gold ist eine Wertanlage, die sich in einem unruhigen Marktumfeld normalerweise durch Stabilität auszeichnet. Im bisherigen Jahresverlauf weicht das Edelmetall jedoch durch heftige Kursschwankungen von seinem typischen Verhalten ab.
Wie extrem die Bewegungen sind, wird erst auf den zweiten Blick ersichtlich; der Zwischenstand nach dem bisherigen Jahresverlauf lässt davon kaum etwas erahnen. An der New Yorker Rohstoffbörse Comex notiert der Spotpreis für eine Unze Gold derzeit bei 4134 $, bloss 4% niedriger als Ende Dezember 2025.
Über den Beobachtungszeitraum ist die Spannbreite indes massiv. Die Kursperformance zwischen dem Rekordhoch von Ende Januar und dem Tief von Mitte Juli variiert um mehr als 30 Prozentpunkte. Auch in den vergangenen Monaten war die Volatilität hoch. Der Silberpreis ist seinem sprunghaften Charakter entsprechend noch stärker geschwankt.
Aktien von Minenkonzernen haben darauf mit wilden Ausschlägen reagiert. Sie überschiessen bei einem steigenden Goldpreis in der Regel nach oben, geraten dann aber umso stärker unter Druck, wenn er sinkt. Der VanEck Gold Miners ETF (GDX) mit den grössten Namen der Branche hat sich 2026 bisher nahezu mustergültig an dieses Schema gehalten.
Für Investoren ist das keine einfache Ausgangslage. Die wechselhafte Stimmung macht das Timing kurzfristig schwierig. Andererseits sprechen die mittel- bis langfristigen Perspektiven weiterhin für Edelmetalle – angesichts ausufernder Staatsschulden, geopolitischer Unsicherheit und des schwindenden Vertrauens in Währungen sogar mehr denn je.
Die folgende Analyse beleuchtet den Investment Case der Minenaktien im Kontext dieser anspruchsvollen Rahmenbedingungen.
Schwieriges Umfeld für Edelmetalle
In der kurzen Frist dürfte die Preisentwicklung von Edelmetallen hauptsächlich durch drei Faktoren bestimmt werden. Der wichtigste sind die Zinsen, die weltweit steigen. In den USA rentieren zehnjährige Treasury Notes um 5,3%. Das ist das höchste Niveau seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Die Entwicklung der langfristigen Zinsen ist für Gold wichtig. Unmittelbar reagiert der Preis wegen der Opportunitätskosten aber vor allem auf Veränderungen der US-Geldpolitik. Weil Edelmetalle keine Rendite abwerfen, werden alternative Anlagen wie Geldmarktfonds und kurzfristige Staatsanleihen bei steigenden Zinsen attraktiver. Das letzte lokale Hoch des Goldpreises datiert kaum zufällig auf Ende August, als Fed-Chef Kevin Warsh am Wirtschaftssymposium in Jackson Hole überraschend einen strengeren Kurs signalisierte.
Die US-Notenbank hat den Leitzins seither um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4% erhöht und stellt weitere Straffungen in Aussicht. «Höhere Sätze am kurzen Ende der Zinskurve und die Aussicht auf zusätzliche Schritte lenken Kapital in Dollar-Anlagen, was den Goldpreis momentan belastet», erklärt der Anlagestratege Larry McDonald, Herausgeber des «Bear Traps Report».
Der zweite Faktor ist eng mit diesen Entwicklungen verbunden: höhere Energiepreise. Die Kosten für ein Fass Rohöl der Referenzsorte Brent haben sich seit Anfang Jahr um mehr als 70% auf 104 $ pro Fass verteuert. Der Dieselpreis notiert wegen des Kriegs im Nahen Osten und in der Ukraine 120% höher als im Januar und bewegt sich auf Rekordniveau. Damit steigt das Risiko eines Inflationsschubs, worauf Zentralbanken wie das Fed mit Zinserhöhungen reagieren.
Hinzu kommen negative Auswirkungen auf das operative Geschäft von Minenkonzernen. Treibstoffe und Energie machen in der Regel rund 15 bis 20% der gesamten Förderkosten (All-in Sustaining Costs, AISC) aus. Weitere Ausgabeposten sind Personal (35 bis 50%), Verbrauchsmaterialien wie Stahl, Sprengstoffe, Chemikalien und Reifen (15 bis 20%) sowie Steuern und Lizenzvereinbarungen (10 bis 20%).
Der Effekt variiert je nach Beschaffenheit einer Mine. Er hängt auch davon ab, in welchem Umfang ein Unternehmen seine Energiekosten absichert. Für Newmont beispielsweise, den weltgrössten Förderer mit einer jährlichen Produktion von knapp 5 Mio. Unzen Gold, bedeutet jeder Anstieg des Brent-Preises um 10 $ pro Fass eine Zunahme der Gesamtkosten um rund 60 Mio. $. Umgerechnet entspricht das rund 11 $ pro geförderte Unze.
Der dritte Faktor hängt mit dem Dollar als globale Referenzwährung für Rohstoffe zusammen. Da er sich angesichts der strengeren Geldpolitik in den USA jüngst aufgewertet hat, müssen Käufer aus anderen Währungsräumen mehr für dieselbe Unze Gold zahlen. Tendenziell dämpft das die Nachfrage und drückt auf den Preis. Die jüngste Dollar-Rally, die Anfang September begonnen hat, erschwert das Umfeld für Edelmetalle somit zusätzlich.
Strukturelle Trends geben Rückhalt
An den fundamentalen Treibern ändert sich dadurch jedoch wenig. Ermutigend ist, dass sich Edelmetalle und Minenaktien trotz der schwierigen Rahmenbedingungen vergleichsweise gut halten. Der Goldpreis notiert zwar 22% unter dem Rekordhoch. Über die vergangenen drei Jahre resultiert ein Gewinn von 125%. Der GDX-ETF verbucht eine Avance von gut 220% und schlägt den US-Leitindex S&P 500 um Längen.
Das grosse Bild sollte deshalb nicht übersehen werden. Die Spielregeln an den Märkten ändern sich ständig. Verblüffenderweise fand die Hausse im Edelmetallsektor der letzten Jahre über weite Strecken vor dem Hintergrund höherer Zinsen und eines festen Dollars statt. Sollten steigende Energiepreise und Kreditkosten das Wirtschaftswachstum abwürgen, dürfte Gold von Zinssenkungen und seinem Status als sicherer Hafen letztlich profitieren.
«Gold ist im Oktober – ein saisonal schwacher Monat – noch nicht aus der Gefahrenzone», meint Fred Hickey. Der Verfasser des Investment-Bulletins «The High-Tech Strategist», der sein Portfolio primär auf Gold und Minenaktien konzentriert, glaubt aber, dass sich die Stimmung bald aufhellt. «November bis Februar ist normalerweise die stärkste Phase des Jahres.» Ausschlaggebend dafür sind Schmuckkäufe während der Heiratszeit in Indien und der Neujahrsfeier in China.
Ein weiterer Treiber, der den Preis stützt, sind die Goldkäufe der Zentralbanken. Vor allem aufstrebende Volkswirtschaften verringern das Exposure zum Dollar, indem sie ihre Reserven systematisch mit Gold diversifizieren. Nach einem kurzen Unterbruch in den ersten Monaten des Jahres hat sich dieser Trend verstärkt. Das Volumen der Goldkäufe zog bereits im zweiten Quartal deutlich an und hat sich im Juli und August auf hohem Niveau bewegt.
Vieles deutet darauf hin, dass das gegenwärtige Preisniveau zu Käufen motiviert. Die People’s Bank of China zum Beispiel, einer der grössten Akteure im Markt, hat ihre Reserven im September um 740’000 Unzen ausgebaut. Sie akkumulierte zuletzt 23 Monate in Folge Gold, wobei sie das Tempo zuletzt erhöht hat. Bedeutende Käufe haben im bisherigen Jahresverlauf ebenso Polen, Usbekistan und Kasachstan gemeldet.
Eine besonders spannende Entwicklung lässt sich am Verhalten von Finanzinvestoren beobachten. Mittelflüsse in ETF, die in Gold investieren, nehmen seit zehn Wochen ohne Unterbruch zu. Das überrascht, zumal diese normalerweise eng mit dem Goldpreis korrelieren. Gemäss dem Analysehaus Arbor Research sind die Mittelflüsse sogar noch grösser als während der explosiven Rally um den Jahreswechsel 2025/26.
«Die Nachfrage nach physischem Gold und Silber bleibt robust», sagt Heinz Isler, Berater institutioneller Investoren in Genf. Das sei auch daran ersichtlich, dass an der Rohwarenbörse Comex per Anfang Oktober mehr als eine 1 Mio. Unzen Gold zur physischen Auslieferung bis Ende Monat ausgestanden hätten.
Nicht alle diese Kontrakte dürften tatsächlich ausgeübt werden, doch gemäss Isler ist dieses Volumen auffällig hoch. «Als Kontext: Das ist mehr als die gesamte Jahresproduktion der grössten Goldmine Kanadas mit 800’000 Unzen», berichtet der Rohstoffexperte mit mehr als fünfzig Jahren internationaler Erfahrung.
Bewertung spricht für weiteres Kurspotenzial
Investoren sollten sich daher nicht von der Nervosität an den Märkten anstecken lassen. Im gegenwärtigen Umfeld erfordern Engagements in Edelmetallen und Minenaktien Geduld, die Stimmung könnte vorerst launisch bleiben. Ein Risiko besteht aber auch darin, den Sektor zu vernachlässigen und attraktive Chancen zu verpassen.
Historisch betrachtet besteht noch reichlich Potenzial. Im Vergleich zu vergangenen Zyklen ist Gold in den meisten Portfolios stark untergewichtet. Das zeigt sich beispielhaft am Verhältnis zwischen dem Blue-Chip-Index Dow Jones Industrial und dem Goldpreis. Es beträgt derzeit rund 12. Bei den letzten zwei grossen Bullenmärkten in Edelmetallen ist es auf 1 bzw. 6 geschrumpft.
Minenkonzerne sind in einer vielversprechenden Position. Während die Nachfrage stetig wächst, bleibt das Angebot de facto starr. Grössere Vorkommen werden kaum noch entdeckt, und die Erschliessung eines neuen Standorts dauert rund anderthalb Jahrzehnte. Die Konsolidierung ist daher ein Dauerthema, wie die 27 Mrd. $ teure Offerte des südafrikanischen Produzenten Gold Fields für den australischen Konkurrenten Northern Star Resources illustriert.
Die anstehenden Unternehmensabschlüsse werden bestätigen, dass die Branche in blendender Verfassung ist. Der Goldpreis war im dritten Quartal mit durchschnittlich 4262 $ pro Unze niedriger als in den ersten beiden Berichtsperioden (4873 bzw. 4506 $). Zudem werden sich höhere Preise für Treibstoff und Energie in den Gesamtkosten bemerkbar machen. Dennoch erzielen Marktleader wie Agnico Eagle Mines, Newmont und Barrick Mining eine beneidenswerte Marge von rund 2300 bis 2700 $ pro Unze.
Die Bewertungen reflektieren das nur ansatzweise. Gemessen am Goldpreis sind sie seit dem letzten Tief von Anfang 2025 nur unwesentlich gestiegen und bewegen sich weit unter dem historischen Durchschnitt.
Andere Kenngrössen signalisieren ebenfalls eine attraktive Bewertung der Branche. Gemäss dem Datendienst Koyfin handelt der VanEck Gold Miners ETF zu einer Rendite auf dem freien Cashflow von mehr als 5%. Der US-Leitindex S&P 500 kommt kaum auf die Hälfte. Weitere Pluspunkte sind grosszügige Ausschüttungen in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen. In den meisten Fällen ist die Bilanz schuldenfrei.
Wer sich für Einzelunternehmen interessiert und die damit verbundenen Risiken tragen kann, hält sich bei den grösseren Namen vorzugsweise an Qualitätswerte wie Agnico Eagle oder Newmont. Barrick Gold ist eine Turnaround-Story, weshalb die Titel zu einem Bewertungsabschlag handeln. Ein defensiveres Profil haben die Royalty- und Streaming-Gesellschaften Franco-Nevada, Royalty Gold und Wheaton Precious Metals, wobei Wheaton auch eine Wette auf Silber ist.
Im Segment der mittelgrossen Förderer lohnt sich ein Blick auf Alamos Gold und Lundin Gold. Zur Arrondierung des Portfolios können sich ausgewählte kleinkapitalisierte Gesellschaften eignen. Die erste Adresse in diesem Segment ist Wesdome Gold Mines. Aussichtsreiche Projekte entwickeln Skeena Resources und Perpetua Resources. Beide Firmen fördern aber noch kein Gold, womit das Risiko bedeutend höher ist.