Grand Départ der Tour de France Neue Runde im Dauerduell zwischen Pogačar und Vingegaard
Die beiden Dauerrivalen kamen kurze Zeit nacheinander ins Recinte Modernista de Sant Pau, einem ehemaligen Klinikkomplex unweit der berühmten Basilika Sagrada Familia in Barcelona. Nicht, dass Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard wegen irgendwelcher Blessuren einer Behandlung bedurft hätten. Die Organisatoren der Tour de France hatten die Pressekonferenzen der Topfahrer in einen Saal in dieses stattlichen Gebäude im katalanischen Jugendstil gelegt. Und Vingeggaard und Pogačar kamen als die beiden besten dieser Topfahrer ganz zum Schluss - erst der Däne, dann der Slowene. Zwei Mal Pogačar, zwei Mal Vingegaard, zwei Mal Pogačar Bei den vergangenen sechs Ausgaben der Tour de France hieß der Sieger entweder Pogačar (vier Mal) oder Vingegaard (zwei Mal). Sie haben sich dabei schön regelmäßig abgewechselt: 2020 und 2021 triumphierte Pogačar in Paris, in den beiden Jahren darauf fuhr Vingegaard in Gelb in die französische Hauptstadt ein, danach durfte Pogačar wieder zwei Mal den Gesamtsieg feiern. Und bis auf 2020 beendete der jeweils andere die Tour als Zweiter. Folgt nach dieser Regel nun also wieder ein Sieg Vingegaards? Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Pogačar ist als der absolute Topfavorit zum Grand Départ nach Barcelona gereist. Der Slowene hat in diesem Frühjahr wieder einmal alles in Grund und Boden gefahren. Nur beim Kopfsteinklassiker Paris-Roubaix musste er sich im Schlusssprint dem Belgier Wout van Aert geschlagen geben. Alle anderen Rennen, bei denen er antrat, verließ er als Sieger inklusive der monumentalen Klassiker Mailand-Sanremo, Flandern-Rundfahrt und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Zuletzt gewann er die Tour de Suisse, wo er zusätzlich noch drei Etappensiege feierte. Pogačar kann in den "Club der Fünfer" aufsteigen Pogačar peilt in diesem Jahr seinen fünften Toursieg an und kann damit in den exklusiven "Club der Fünfer" aufsteigen, dem neben dem legendären Eddy Merckx auch noch die beiden Franzosen Jaques Anquetil und Bernard Hinault angehören. Der letzte Radprofi, dem fünf Toursiege gelangen und das sogar in Folge, war der Spanier Miguel Indurain. Dass Lance Armstrong sogar sieben Mal im Gelben Trikot auf den Champs Élysées auf dem Podium stand, gilt nicht mehr. Die Siege des Amerikaners wurden wegen Dopings aberkannt. Pogačar könnte in gut drei Wochen also einen weiteren Eintrag in den Geschichtsbüchern des Radsports hinterlassen. Der einzige, dem man überhaupt zutrauen kann, das zu verhindern, ist Jonas Vingegaard. Er ist einer der wenigen Menschen, die das Gefühl kennen, Pogacar auf der Straße hinter sich zu lassen. "Tadej ist wahrscheinlich der beste Fahrer, den es jemals gab. Ich habe es schon geschafft, ihn abzuhängen. Das ist etwas, auf das ich enorm stolz bin", sagte Vingegaard in Barcelona. "Und es gibt mir Motivation, es nochmal zu versuchen." Vingegaard "nicht auf den Knien" Es ist zwei Jahre her, dass der Däne bei der Baskenland-Rundfahrt so schwer stürzte, dass er um sein Leben fürchten musste. Dass er nur drei Monate später schon wieder bei der Tour am Start stand und wieder nur Pogačar stärker war, grenzte damals an ein Wunder. Sogar ein Etappensieg gelang ihm auf einer Mittelgebirgsetappe, wo er seinen großen Konkurrenten im Sprint besiegte in Le Lioran, wo die Tour auch in diesem Jahr wieder Halt macht. Erst in diesem Jahr fühle er sich wieder wie er selbst, hat Vingegaard zuletzt betont. Er sei sogar besser geworden als vor dem Sturz. Eindrucksvoll stellte er das im Mai beim Giro d’Italia unter Beweis, den er abgesehen von einem schwachen Zeitfahren, souverän gewann. Er musste dabei nicht einmal an die Leistungsgrenze gehen, sein größter Kontrahent stand ja nicht am Start. "Es ist richtig, dass ich mich nicht umbringen musste, ich bin nicht auf den Knien aus dem Giro gekommen", sagte Vingegaard. Jetzt sei er bereit für die Tour. Er fühle sich besser und stärker als im Vorjahr und sei glücklicher. Vingegaard wirkt so enstpannt wie selten Der mentale Aspekt war der Hauptgrund dafür, dass er in diesem Jahr den Giro gefahren ist. Vingegaard wollte raus aus den Routinen des ewig gleichen Formaufbaus für die Tour, die ihm zunehmend die Freude an seinem Beruf zu nehmen schienen mit all den Höhentrainingslagern und Entbehrungen. Ganz nebenbei hat auch er einen weiteren Eintrag in den Geschichtsbüchern des Radsports hinterlassen: Vingegaard gehört jetzt zu den acht Radprofis, die alle drei großen Landesrundfahrten gewonnen haben. Das hat nicht einmal sein Dauerrivale Pogačar bislang geschafft. Die Veränderung in der Herangehensweise an die Tour scheint darüberhinaus aber vor allem ihren Zweck mit Blick auf die mentale Verfassung des Dänen erfüllt zu haben. Vingegaard wirkt vor dem Tourstart so enstpannt wie selten. Während seiner Pressekonferenz umspielte immer wieder ein Lächeln seine Lippen - er scheint wirklich glücklich zu sein. "Ich hatte bis hierhin ein unglaubliches Jahr", sagte er, "und hoffe, dass es hier jetzt so weiter geht." Pogačar mit weniger Renntagen Auch Pogačar hat in diesem Jahr sein Programm vor der Tour ein wenig angepasst. Er ist deutlich weniger Rennen gefahren als in den Jahren zuvor. Trotz der beeindruckenden Siegesliste stehen nur 16 Renntage für den Slowenen zubuche. Im vergangenen Jahr waren es sechs mehr. Das klingt nicht viel, aber im vergangenen Jahr wirkte Pogačar in der dritten Tourwoche fast schon ein wenig ausgebrannt. "Es waren nur 16 Renntage, aber die Trainingskilometer zählen auch. Und davon gab es viele", sagte Pogačar. Bisher sind sich Pogačar und Vingegaard in dieser Saison aus dem Weg gegangen. Ihr Duell werden sie ab Samstag (4.7.26) nun erneut bei der Tour austragen, wo es beim Mannschaftszeitfahren auf der ersten Etappe auch gleich um das erste Gelbe Trikot geht. Auch wenn Pogačar generös behauptete, es sei nicht nur Vingegaard, der ihm in den kommenden drei Wochen gefährlich werden könne. Auch andere könnten "nah heranrücken", sagte er.