Grischa Prömel: "Ich habe den Wechsel nicht davon abhängig gemacht"
18.08.2026 • 12:48 Uhr Grischa Prömel erfüllt sich mit dem Wechsel zum VfB Stuttgart einen Kindheitstraum. Im SPORT1-Interview spricht der 31-Jährige auch über seinen Abschied aus Hoffenheim, verletzungsbedingte Rückschläge - und Sprüche von Deniz Undav. Zwischen all den Nobelschlitten auf dem Spielerparkplatz des VfB Stuttgart steht ein 20 Jahre alter Ford Fiesta. Er gehört Grischa Prömel – und der 31-Jährige, der in diesem Sommer von der TSG Hoffenheim zu den Schwaben gewechselt ist, denkt gar nicht daran, sich von ihm zu trennen. In seinem ersten Einzel-Interview als VfB-Profi spricht Prömel mit SPORT1 über seinen Kindheitstraum, die Champions League, schwere Zweifel nach seiner Kreuzbandverletzung sowie den Vorwurf mangelnder Dankbarkeit gegenüber Hoffenheim. Und auch darüber, wieso er sich fast täglich Sprüche von Deniz Undav anhören muss. SPORT1: Herr Prömel, die wichtigste Frage zuerst: Steht Ihr inzwischen 20 Jahre alter Ford Fiesta tatsächlich jetzt auch hier ganz normal auf dem Parkplatz zwischen den ganzen anderen dicken Schlitten, oder wie sieht’s aus? Grischa Prömel: Ja, den gibt es immer noch. Der begleitet mich die ganze Karriere hinweg und daran hat sich nichts geändert. Grischa Prömel: „Deniz Undav begrüßt mich jeden Morgen mit irgendeinem Spruch“ SPORT1: Es ist ja kein Luxusschlitten, aber trotzdem reden immer alle drüber. Nervt Sie das mittlerweile? Prömel: Mittlerweile fahre ich das Auto schon eine ganze Weile und ich habe mir gefühlt schon jeden Spruch in der Kabine angehört. Viel kann da nicht mehr kommen, auch wenn der Deniz (Undav, Anm. d. Red.) mich jeden Morgen mit irgendeinem Spruch begrüßt. Aber das ist ja für mich alles schon bekannt (lacht). SPORT1: Sie werden also von den Kollegen ein bisschen auf den Arm genommen? Prömel: Ja. Aber die Situation ist jetzt hier in Stuttgart auch so, dass man in der Stadt ohnehin fast nirgends schneller als 40 km/h fahren kann. Und ich brauche das Auto ja auch nicht für lange Strecken. Deswegen bleibe ich ihm auch treu. SPORT1: Was müsste eigentlich passieren, damit Sie irgendwann sagen: Das war’s, jetzt trenne ich mich von meinem Fiesta? Prömel: Wenn er irgendwann nicht mehr anspringt oder andere Probleme machen würde, sodass ich die ganze Zeit zwischen Werkstatt und zu Hause pendeln müsste, dann würde es Zeit für ein neues Auto werden. Aber bislang hatte ich wenig Probleme. Ich weiß auch nicht, wie es dann sein wird, wenn irgendwann Kinder dazukommen, ob man dann was Größeres haben möchte. Das wird die Zeit zeigen. SPORT1: Sind Kinder geplant? Prömel: Ja, irgendwann will ich eine Familie haben, möchte Papa werden. „Meine Jungs von früher stehen hier in der Kurve“ SPORT1: Sie sind in Cannstatt geboren, in Esslingen aufgewachsen und haben als Jugendlicher die Meisterschaft des VfB 2007 im Stadion erlebt. Hätte der kleine Grischa von damals geglaubt, dass er mit 31 selbst für den VfB spielen würde? Prömel: Das war damals weit weg. Natürlich ist es ein Stück weit der Traum eines jeden Jungen, der hier in der Region groß wird, irgendwann mal für den VfB zu spielen. Aber dass es wirklich so weit kommen wird, war damals nicht vorstellbar. SPORT1: Sie haben gesagt, dass es für Sie immer ein großer Wunsch gewesen ist. Wann wurde das in den vergangenen Monaten ernst? Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert: Mensch, ich kann jetzt zum VfB wechseln? Prömel: Dass der VfB gerade für jemanden, der in Cannstatt geboren und in Esslingen aufgewachsen ist, eine spezielle Bedeutung hat, das brauche ich, glaube ich, nicht zu betonen. Meine ganzen Jungs von früher sind VfB-Fans, die stehen hier in der Kurve. Und ja, wenn es dann einer aus dem Freundeskreis schafft, für den VfB aufzulaufen und ein eigenes Trikot zu haben mit dem Namen hinten drauf, dann geht schon jedem das Herz auf. Ich habe mich in Hoffenheim wohlgefühlt, hatte gute Gespräche mit Andi Schicker (Geschäftsführer bei der TSG, Anm. d. Red.) und Chris Ilzer (TSG-Trainer, Anm. d. Red.) und hätte mir durchaus vorstellen können, zu bleiben. Aber als dann der VfB angeklopft hat… SPORT1: Da war es durch? Prömel: Ja, das kann man so sagen. SPORT1: Die Hoffenheimer hatten gar keine Chance, oder? Prömel: Es war für mich ein ganz besonderer Moment. Ich wollte schon immer mal für den VfB spielen, und als sich dann die Chance ergeben hat, habe ich mir gesagt: ‚Okay, ich werde auch nicht jünger. Jetzt ist einfach der richtige Zeitpunkt.‘ Der VfB hat die letzten Jahre eine super Entwicklung genommen. Ich bin sehr happy, dass ich den Schritt gegangen bin. Prömel: „Habe den Wechsel nicht von der Champions League abhängig gemacht“ SPORT1: Sie haben noch nie Champions League gespielt. Wie groß ist die Sehnsucht, sich diesen Traum jetzt zu erfüllen? Prömel: Riesig. Es gibt auf Klubebene nichts Größeres als die Champions League. Und deswegen arbeitet man da schon so ein Stück weit darauf hin. In so einer besonderen Saison dabei zu sein, ist außergewöhnlich. Die Vorfreude in der Mannschaft ist groß, wir sind gespannt auf die Auslosung. Da kommen bestimmt ein paar richtig coole Gegner auf uns zu. SPORT1: Aber die Aussicht auf die Champions League war nicht allein entscheidend für Ihre Entscheidung für den VfB, oder? Prömel: Ich habe den Wechsel nicht von der Champions League abhängig gemacht. Der VfB ist einfach ein großer Verein, der die richtige Richtung eingeschlagen hat und einen geilen Weg geht. Und ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass dieser Weg weitergeht. SPORT1: Wir haben damals ausführlich über Ihre schwere Verletzung gesprochen, darüber, dass Sie sich nie haben hängen lassen und unbedingt zurückkommen wollten. Wenn Sie heute hier beim VfB sitzen und vor Ihrer ersten Champions-League-Saison stehen: Gibt es Momente, in denen Sie sich ganz bewusst klarmachen, was seitdem eigentlich alles passiert ist? „Mich hat diese Phase stärker gemacht“ Prömel: Ich bin natürlich super happy, wie es gelaufen ist. Und ich bin der TSG Hoffenheim dankbar dafür, wie ich nach so einer Verletzung aufgefangen und auf dem Weg zurück unterstützt wurde. Mich hat diese Phase stärker gemacht, ich konnte aus der Zeit viel mitnehmen und habe viel an meinem Körper gearbeitet. Am Ende stand die Überzeugung, dass ich noch einige gute Jahre vor mir habe, in denen ich alles rausholen möchte. SPORT1: Sie haben schwere Verletzungen hinter sich. Hat sich dadurch das Verhältnis zum eigenen Körper verändert? Prömel: Man wird natürlich ein Stück weit sensibler, hört genauer in den Körper hinein. Die Gespräche mit Ärzten und Physiotherapeuten haben mir geholfen, die Dinge richtig einzuschätzen. Nicht jedes Zwicken und nicht jedes Ziehen ist schlecht, manches gehört einfach dazu. „Das bringt einen natürlich zum Grübeln“ SPORT1: Gab es im Zuge dieser Verletzungen einen Moment, in dem Sie wirklich gemerkt haben: Meine Karriere ist endlich? Prömel: Ich bin Fußballer durch und durch. Ich bin Athlet. Ich bin Wettkämpfer. Ich lebe dafür, jeden Tag das Maximale aus dem Körper rauszuholen. Wenn man dann von heute auf morgen seinem Beruf nicht mehr nachgehen kann, bringt einen das natürlich zum Grübeln. Und man fragt sich, ob man vielleicht nicht wieder so stark zurückkommt. Aber solche Gedanken muss man schnell zur Seite schieben und im Kopf positiv bleiben. SPORT1: Gab es auch mal einen Moment, wo Sie wirklich gezweifelt haben? Prömel: Es gab solche Momente, gerade in den ersten Tagen nach der Operation, in denen man extrem auf die Hilfe von Familie, Freunden, Ärzten und Physiotherapeuten angewiesen ist. Aber umso wichtiger ist, dass man ein gutes Umfeld hat, das einen da abholt, das einen da stärkt. Vielleicht auch mal mit dem einen oder anderen spricht, der so eine Verletzung schon erlebt hat. SPORT1: Hoffenheim hat Ihnen in der Verletzungsphase den Rücken gestärkt. Doch Sie wechseln ein Jahr später zum VfB. Können Sie verstehen, dass einige Fans sagen: Das ist schon ein bisschen undankbar? Prömel: Ich habe damals in Hoffenheim für vier Jahre unterschrieben, bin ablösefrei dorthin gewechselt. Jetzt bin ich ablösefrei zum VfB gekommen. Ich war schon immer ein Spieler, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt, das war auch so in Hoffenheim und ich habe auch das Gefühl, dass das gerade bei den Menschen, die eng um die Mannschaft herum gearbeitet haben, immer so angekommen ist. Ich bin dem Verein sehr dankbar. Natürlich auch für die Phase, in der ich verletzt war, in der sie mich aufgefangen haben, in der sie mich gepusht haben, in der sie an mich geglaubt haben. „Für junge Spieler ist es im Haifischbecken Profifußball nicht leicht“ SPORT1: Sie haben einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. Kein klassischer Weg eines Wunderkindes, kein Nachwuchsleistungszentrum. Wären Sie derselbe Spieler und vor allem derselbe Mensch geworden, wenn Ihre Karriere anders verlaufen wäre? Prömel: Ich bin schon sehr dankbar für den Weg, den ich gegangen bin. Auch über die Zweite Liga in den Männerfußball reinzukommen, da wird ein anderer Fußball gespielt. Dann mit Union Berlin in die Bundesliga aufzusteigen – das sind schon Momente, an die ich sehr gerne zurückdenke und die mich auch in meiner Persönlichkeit sehr geprägt haben. SPORT1: Sie haben damals in einem Interview gesagt, dass Demut, Bodenständigkeit und Dankbarkeit für Sie entscheidend sind. Was bedeutet Bodenständigkeit eigentlich in einer Branche, in der schon sehr junge Menschen sehr viel Geld verdienen und permanent gesagt bekommen, wie außergewöhnlich sie sind? Prömel: Dass es nicht leicht ist für junge Spieler, ins Haifischbecken Profifußball reingeworfen zu werden. Gerade durch Social Media, durch die ganze Aufmerksamkeit. Das macht natürlich auch was mit einer jungen Persönlichkeit. Man braucht da ein bisschen Zeit, macht als junger Mensch vielleicht mal den einen oder anderen Fehler mehr, über den man dann im Nachhinein sagt: ‚Okay, das hätte ich heute vielleicht anders gemacht.‘ Aber das gehört alles zu einer Entwicklung dazu. Beim VfB sind einige super talentierte junge Spieler mit dabei, mit denen es einfach Spaß macht. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Und wenn sie dabei Hilfe brauchen, gebe ich gerne ein bisschen Erfahrung weiter. SPORT1: Gibt es einen Fehler, den Sie als junger Kerl gemacht haben und heute bereuen? Prömel: Auch ich musste natürlich ein paar Sachen lernen, die dann auch wehgetan haben, gerade mit Verletzungen umzugehen. Dann geht man vielleicht mal als junger Spieler auch über den Punkt hinaus und denkt, dass das normal ist. Im Nachhinein kann dich das Zeit kosten. Prömel: „Ich bin ein Fan davon, Dinge intern anzusprechen“ SPORT1: Sie gehören zu den Fußballern, die tatsächlich eine Meinung äußern. Haben Sie manchmal den Eindruck, dass der Profifußball seine Spieler inzwischen eher dazu erzieht, möglichst nichts Interessantes mehr zu sagen? Prömel: Es gab in der Vergangenheit einige Beispiele, in denen Spieler auf Social Media echte Shitstorms ausgelöst haben, weil sie sich missverständlich ausgedrückt haben. Deshalb probieren viele, sich ein bisschen mehr abzusichern. SPORT1: Was ist Ihnen persönlich lieber nach einem Interview: mal kurz anzuecken oder hinterher festzustellen, dass Sie eigentlich gar nichts gesagt haben? Prömel: Das ist abhängig von der jeweiligen Situation. Es kann Momente geben, in denen man mit einem Interview wachzurütteln möchte. Aber da muss man sich schon vorher Gedanken machen, wie man das kommuniziert und wie man es nach außen trägt. Denn im Grunde bin ich ein Fan davon, die Dinge intern anzusprechen und zu lösen. SPORT1: Aber Sie sehen sich schon als meinungsstarker, mündiger Spieler, oder? Prömel: Ja, absolut. SPORT1: Beim VfB treffen Sie auf viele junge Spieler. Kann man einem 19- oder 20-Jährigen überhaupt vermitteln, wie schnell eine Fußballkarriere vorbeigehen kann oder muss jeder diese Erfahrung selbst machen? Prömel: Als ich in diesem Alter war, kamen auch ein paar ältere Spieler zu mir und haben gesagt: ‚Grischa, genieß die Zeit, sie vergeht wie im Flug.‘ Und wenn ich jetzt zurückblicke, ist es tatsächlich so. Und heute sage ich deshalb zu den Jungs: Das ist der geilste Job, den man haben kann. Man ist mit einer coolen Gruppe zusammen, hat Spaß in der Kabine, man kann sich auf dem Platz messen. Man spielt am Wochenende in vollen Stadien. Es ist wirklich ein Privileg, Fußball-Profi zu sein. SPORT1: Anfang August haben Sie gemeinsam mit Ihren beiden Brüdern in Esslingen eine Padel-Anlage eröffnet. Ist das einfach die Begeisterung für eine andere Sportart oder steckt dahinter schon der Gedanke: Irgendwann gibt es ein Leben nach dem Fußball? Prömel: Ich bin ein Riesensportfan und auch Padel macht mir unglaublich viel Spaß. Und es gab schon länger den Gedanken, mit meinen beiden Brüdern etwas aufzubauen, was auch länger Bestand hat und was den Esslingern ein Stück weit neue Möglichkeiten bietet. Deswegen haben wir die Padel-Anlage gebaut und sind jetzt super happy, dass es losgeht. Ich fahre ab und zu vorbei, um zu schauen, wie alles läuft und ob die Leute vor Ort Spaß haben. Und auch das Feedback, das ich bekomme, ist durchweg positiv. Mein großer Bruder kümmert sich um das Operative, weil mein Fokus natürlich auf dem Fußball liegt. SPORT1: Letzte Frage. Als wir uns im vergangenen Jahr gesprochen haben, haben Sie gesagt, dass Sie nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch positiv in Erinnerung bleiben möchten. Wenn wir uns in drei oder vier Jahren wieder unterhalten – was ich hoffe: Was würden Sie sich wünschen, dass die Menschen in Stuttgart dann über Grischa Prömel sagen? Prömel: Dass es Spaß macht, Zeit mit mir zu verbringen. Und natürlich hoffe ich, dass wir auf eine erfolgreiche Zeit mit dem VfB zurückblicken.