Grönland: Klimawandel droht geheime „Stadt unter dem Eis“ freizulegen
Unter dem Codenamen „Project Iceworm“ plant das US-Militär Anfang der 1960er Jahre geheime Raketenbasen unter dem Grönland-Eis. Als Testfeld dafür diente „Camp Century“ – eine subglaziale Stadt im grönländischen Nirgendwo.
Die ins Eis gegrabenen Tunnel des streng geheimen Camps lagen rund 200 Kilometer von der Nordwest-Küste Grönlands entfernt. Von 1959 bis 1967 lebten zwischen 85 und 200 US-Soldaten im Camp Century, für die nötige Energie sorgte ein kleiner Atomreaktor.
Giftiges Erbe
Doch als das „Camp Century“ im Jahr 1967 aufgegeben wurde, blieben nicht nur Tunnel, Gebäudeteile und Maschinenteile unter dem Eis zurück: Das US-Militär hinterließ auch tausende Tonnen umweltschädliche und teils giftige Abfälle und Abwässer, 200.000 Liter Diesel und eine unbekannte Menge schwach radioaktiver Abfälle, größtenteils in Form von verseuchtem Kühlwasser aus dem Reaktor der Anlage.
Bisher sind diese umweltschädlichen, strahlenden und teils giftigen Relikte von Camp Century noch tief im Eis vergraben. Doch durch den Klimawandel erwärmt sich inzwischen auch der Nordwesten Grönlands und mit ihm die Gegend um Camp Century. Es besteht daher die reale Gefahr, dass die in dieser einst geheimen Militärbasis gelagerten Schadstoffe entweder durch Schmelzwasser mobilisiert werden und ins Meer gelangen oder dass die schmelzende Eisdecke diese Relikte des Kalten Krieges sogar ganz freilegt.
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Ein Bohrkern aus der subglazialen Stadt
Doch wie groß ist die Gefahr, dass Camp Century freigelegt wird? Um diese Frage zu klären, haben John Aguilar von der State University of New York in Buffalo und sein Team ein weiteres Überbleibsel des geheimen Militärprojekts genutzt: einen Sedimentbohrkern, den US-Forscher in den 1960er Jahren aus bis zu 1,6 Kilometer Tiefe unter Camp Century erbohrten.
Der 3,44 Meter lange Bohrkern wurde erst in den USA aufbewahrt, dann ab 1990 in der Universität Kopenhagen eingelagert. Dort geriet er jedoch in Vergessenheit, bis eine Aufräumaktion ihn 2018 zufällig wiederentdeckte.
Aguilar und sein Team haben diese Chance genutzt und in dem historischen Bohrkern nach Hinweisen auf frühere eisfreie Zeiten der Region um Camp Century gesucht. Dafür datierten sie die Sedimentschichten des Bohrkerns und rekonstruierten die vergangenen Klimabedingungen anhand von Pflanzenresten und bakteriellen Fettsäurerückständen im Sediment.
„Art und Verhältnis dieser Moleküle verändern sich in Abhängigkeit von der Temperatur“, erklärt Aguilar. „Durch den Vergleich mit ähnlichen Molekülen aus heutigen arktischen Seen konnten wir abschätzen, wie warm es damals in Camp Century war.“
Die Gegend von Camp Century war schon mal eisfrei
Die Analysen ergaben: Die oberen Schichten des Bohrkerns aus dem Camp Century reichen bis in die Zeit vor 416.000 Jahren zurück. In dieser rund 30.000 Jahre dauernden warmen Zwischenperiode des Eiszeitalters lagen die Temperaturen im Nordwesten Grönlands rund 4,7 Grad höher als die heutigen Sommertemperaturen – dies entspricht etwa den Temperaturen, die für Ende dieses Jahrhunderts vorhergesagt werden: Der Weltklimarat IPCC prognostiziert 3,3 bis 10 Grad höhere Temperaturen, sofern es keinen strikten Klimaschutz gibt.
Das Entscheidende jedoch: In dieser Zeit vor rund 416.000 Jahren war die Gegend um Camp Century eisfrei. Das belegen Isotopenanalysen und pflanzliche Biomoleküle in diesen Sedimentschichten. „Die von uns analysierten Proben aus Camp Century stammen von einem Ort, der heute von 1387 Meter Eis bedeckt ist. Aber als sie abgelagert wurden, muss es dort eisfrei gewesen sein“, berichten Aguilar und seine Kollegen. Der grönländische Eisschild muss sich demnach während dieser eiszeitlichen Warmphase mehr als 96 Kilometer weit zurückgezogen haben.
Bei langer Dauer reicht schon eine mäßige Erwärmung
„Es ist bemerkenswert, dass eine Phase mit nur mäßig höheren Temperaturen als heute mit einem so erheblichen Rückzug des Eisschildes einherging“, sagt Aguilar. Gleichzeitig verriet der Sedimentbohrkern aber auch, dass sich das Gebiet um Camp Century nach Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 bis 5000 Jahren ähnlich stark erwärmte wie vor 416.000 Jahren – aber von Eis bedeckt blieb. Diese nacheiszeitliche Warmphase war allerdings viel kürzer als die frühere – sie hielt statt 30.000 Jahren nur wenige tausend Jahre an.
Nach Angaben der Forschenden unterstreicht dies, dass es bei der Eisschmelze in dieser Region nicht nur auf die Temperaturen ankommt, sondern auch auf die Dauer der Wärmephase: „Sowohl die Stärke als auch die Dauer der Erwärmung sind entscheidend, um zu verstehen, wie der Eisschild reagieren wird“, sagt Aguilars Kollegin Elizabeth Thomas.
Abtauen von Camp Century ist möglich
Was aber bedeutet dies für die Zukunft von Camp Century? Nichts Gutes, wie das Team erklärt: „Die heutige, vom Menschen verursachte Erwärmung ist stärker als bei der Warmphase vor 400.000 Jahren“, sagt Thomas. Der starke, schnelle Anstieg der Temperaturen im aktuellen Klimawandel gilt als erdgeschichtlich nahezu einmalig. Hinzu kommt, dass die Nachwirkungen der aktuellen Treibhausgas-Emissionen lange anhalten könnten: „Klimamodelle deuten darauf hin, dass diese Erwärmung über Hunderte oder sogar Tausende von Jahren anhalten könnte“, so die Forscherin.
Damit bestätigen die Ergebnisse die schon länger gehegten Befürchtungen: Der Klimawandel könnte Camp Century mitsamt den unter seinem Eis begrabenen Schadstoffen und radioaktiven Relikten schon in wenigen Jahrzehnten freilegen. Die Folge wäre eine Kontamination der umliegenden Natur und Wasserressourcen. „Entsprechend wichtig ist es, das Ausmaß und die Dauer der anthropogenen Erwärmung zu begrenzen“, betonen Aguilar und seine Kollegen.
Von Nadja Podbregar